„Der Tod ist ein Ort ohne Brüste.“

Lambert / Ziegler - Brüste  Cover: Rogner&BernhardTitten, Möpse, Hupen, Glocken, Bazongas… Wahrscheinlich gibt es für keinen anderen Körperteil des Menschen so viele kreative Bezeichnungen wie den der weiblichen Brust. Paula Lambert, Sex-Kolumnistin der GQ, und Journalist und Autor Helmut Ziegler gehen in Brüste. Das Buch dieser Faszination um die Brust auf den Grund – und das mit sehr viel Humor, aber auch mit dem dazugehörigen Ernst.

Von ESRA CANPALAT

Bereits beim ersten Aufschlagen des Buchs kommt die humorvolle Seite dieser popkulturellen Untersuchung des Mythos Brust direkt zum Vorschein: Brüste überall, in minimalistischer, graphischer Darstellung, in allen Größen, mit weißer oder schwarzer Hautfarbe und mit kleinen pinken Pünktchen, die die Brustwarzen andeuten sollen. Auch die folgenden Grafiken und Statistiken sind im selben augenzwinkernden Stil gestaltet. Aufgeteilt ist das Buch in vier Bereiche: Wissenschaft, Politik und Dessous, Kultur sowie ein abschließendes kleines Lexikon („Von A bis DD“). Somit werden also alle interessanten und relevanten Diskurse zum Thema Brust abgedeckt.

Was Sie schon immer über Brüste wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

Wissenschaftlich geht es also los. Fragen zur Funktion der Brust, zur Entstehung der Muttermilch oder aber auch Aspekte, die so selbstverständlich sind, dass man sie gar nicht hinterfragt (z.B. warum die Brustwarze überhaupt als ‚Warze’ bezeichnet wird) werden beantwortet. Überaus aufschlussreich ist auch der Exkurs in die kulturhistorische Bedeutung des Stillens, da man wieder einmal auf Fakten stößt, die einem vorher nicht bewusst waren. Denn die scheinbar allgemeingültige Konnotation des Stillens mit Natürlichkeit und Mütterlichkeit ist besonders heutzutage ziemlich obsolet: Vor allem in der westlichen Gesellschaft wird Stillen als eklig, unästhetisch, ja geradezu tierisch empfunden. Auch vor ernsten Themen scheuen die Autoren nicht zurück. So wird dem Tabuthema Brustkrebs ein ganzes Kapitel gewidmet. Die erschreckenden Statistiken und knallharten Fakten machen mehr als deutlich, dass das Schweigen um dieses Thema ein für allemal gebrochen werden muss.

Kulturhistorisch geht es in den folgenden Teilen weiter. Welche historische und politische Wirksamkeit hat die entblößte Brust? Was verraten Kunstwerke über die unterschiedliche historische Symbolträchtigkeit von Brüsten? Was haben AutorInnen zum diesem Thema zu sagen? Und wie wurde die Brust von den Anfängen des Films hin zur Entstehung Hollywoods bis zum heutigen Zeitpunkt inszeniert? All diesen Fragen wird durch zahlreiches Bildmaterial und Beispiele nachgegangen.

Neues von der Brust

Allerdings gibt es einige Dinge, die bei der Lektüre minimal stören. Lambert und Ziegler haben ihre Aufgabe sehr gut gemacht, haben sehr viel recherchiert und gelesen. Deshalb ist es manchmal etwas ärgerlich, wenn die von den Autoren benutzten Quellen und Referenzen nur nebenbei ohne Quellenangaben genannt werden, klingen doch viele der genannten wissenschaftlichen Abhandlungen so interessant, dass man mehr darüber wissen möchte. Da das Buch aber nicht unbedingt einen wissenschaftlichen Anspruch hat, kann man jedoch getrost darüber hinwegsehen. Dementsprechend kann auch verziehen werden, dass im von Ziegler verfassten Kapitel zur literarischen Brust lediglich Zitate über die Brust alphabetisch nach Autornamen aufgelistet werden und dabei diese Passagen unkommentiert und unreflektiert bleiben.

Brüste sind allgegenwärtig. Sie begegnen uns jeden Tag im Fernsehen, im Kino, in den Illustrierten oder im wirklichen Leben. Und trotzdem scheinen sie nie langweilig zu werden. Nur der Tod scheint ein Ort ohne Brüste zu sein, so Rámon Gómez de la Serna, den Ziegler im Kapitel zu Brüsten und Literatur zitiert. Wer also trotz des Busen-Überflusses dennoch Interesse an diesem totgeredeten, aber immer noch faszinierenden Thema hat, der sollte auf dieses kurzweilige, äußerst amüsante, aber auch ernsthafte Buch zurückgreifen. Dass man vieles Neues zum bereits Bekannten über Titten, Möpse, Hupen, Glocken, Bazonga usw. erfahren wird, ist garantiert.

 

Paula Lambert / Helmut Ziegler (Hrsg.): Brüste. Das Buch.
Rogner & Bernhard, 320 Seiten
Preis: 29,95 Euro
ISBN: 978-3-95403-007-1

 

Advertisements

3 Gedanken zu „„Der Tod ist ein Ort ohne Brüste.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s