Schatten der Zeit

9783462044720_10Arnold Thünker beweist auch in seinem neuen Roman Verlangen nach Freundschaft, dass ein Buch nicht voller Intrigen und Morde sein muss, damit die Geschichte den Leser fesselt, sodass er den Inhalt geradezu einatmen möchte.

von SARAH HERHAUSEN

 

Der Deutsche Jakob, der in New York angekommen auf ein günstiges Ticket nach Hause wartet, trifft auf den reichen, selbsternannten Grafen Faunus. Dieser bietet ihm eine Bleibe in seinem Appartement an, vermittelt ihm einen Job im renommiertesten Antiquariat New Yorks und sorgt für ihn. Die Freundschaft der beiden wird immer intensiver, die beiden Männer stehen füreinander ein und helfen sich – selbst als Faunus’ Krankheit ihn wieder einholt.

Vergangenheit vs. Gegenwart

Jan alias Faunus lebte einst als Kind mit seinen Eltern in Japan. Die Kolonialisten aus den Niederlanden nahmen die Ländereien an sich, versklavten die Menschen. Jan, der sich bereits damals aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzog und lieber in Bücherwelten eintauchte, war dieses Leben unter Aufsicht seines Vaters verhasst. Erst als er dort seine erste Freundschaft schließt, scheint sich das Leben für ihn zu verbessern. Er hat etwas, auf das er sich freuen kann. Doch auch dieser Lichtblick ist nicht von langer Dauer…

Diese Vergangenheit verfolgt ihn bereits sein ganzes Leben. Eine Mixtur aus Sehnsucht nach seinem alten Freund, Hass auf seinen Vater, Antipathie gegen die gesellschaftlichen Zustände und schlechte Erinnerungen an den ersten Ausbruch seiner Krankheit verfolgen ihn jeden Tag. Aus diesem Grund verabschiedet er sich von seiner Vergangenheit und lebt für die Gegenwart, jetzt unter dem Namen Faunus, Graf von Harenberg. Diese Vergangenheit wird im Buch Seite für Seite wieder aufgerollt, Jakob übernimmt die Rolle des Vermittlers für den Leser, indem er die Geschichte von Faunus’ Vergangenheit langsam aber sicher ans Licht holt:

„Jakob setzt sich an die Schreibmaschine. Der erste Satz:

Keine Erinnerung beginnt an der Stelle, in dem Moment, von wo sie tatsächlich ihren Anfang genommen hat.

[…] Einen Monat nach dem Angriff auf Pearl Harbour griffen die Japaner im Januar 1942 Niederländisch-Indien an. Nur zwei Monate später musste die niederländische Kolonialarmee kapitulieren. Die reichen Kolonisten verloren alles auf einen Schlag. Familien wurden auseinandergerissen und in verschiedenen Lagern interniert.“

Diese vielen Passagen aus Faunus’ Vergangenheit stellen viele Analepsen dar, die in die Rahmengeschichte verwebt wurden. Diese Binnengeschichten arbeiten zum einen Faunus’ Vergangenheit auf, um sie dem Leser präsent zu machen, und schaffen zum anderen ein sehr detailreiches Bild vom Grafen.

So erzählt wirkt die Erzählung wie ein großes Puzzle, das nach und nach zusammengesetzt wird und erst am Ende sein Gesamtbild offenbart, nämlich den Charakter unseres Helden und seine Geschichte, wie er zu dem Mann wurde, der er heute ist.

Leider musste dies mit einem Abstrich passieren: Dem Leser wird leider nicht wirklich klar, wer genau Jakob ist. Jakob, der in dieser Geschichte auch unser Held ist, der unser Mittel zum Zweck des Verstehens ist, bleibt im Nebel. Jakob erhält kaum Kontur, seine Figur bleibt auf die des Freundes beschränkt, den wir zwar beim Agieren beobachten, dessen Gefühle wir aber allerhöchstens in seltenen Momenten erahnen können. Das ist schade, denn auch Jakob hätte es verdient mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, um die Freundschaft der beiden für den Leser noch unmittelbarer zu gestalten.

Arnold Thünker: Verlangen nach Freudschaft
KiWi, 208 Seiten
Preis: 18,99 Euro
ISBN: 978-3462044720
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