Phaser auf Töten

Daniel Clowes - Der Todesstrahl   Cover: ReproduktAndy ist ein Schwächling. Sein Vater hat ihn in weiser Voraussicht als Kind mit Hormonen behandeln lassen, damit er unglaublich stark wird, wenn er Zigaretten raucht. Außerdem vererbt er seinem Sohn eine Pistole, mit der Andy Menschen einfach verschwinden lassen kann. Daniel Clowes’ Todesstrahl ist ein Superheldencomic, aber irgendwie anders.

von HANNAH KONOPKA

Die Familiengeschichte von Andy ist tragisch, aber eben nicht tragisch genug, um einen tollen Ursprungsmythos für sein Superhelden-Alter-Ego abzugeben. Was soll man also anfangen mit seinen Superkräften, wenn man keine echte Motivation hat? In Andys Hinterkopf kreist das Comicwissen: Kein Held ohne Kostüm. Die Bekämpfung des Bösen erwartet eine gewisse Ästhetik. Aber darf man den Fiesling in der Schule töten, weil er gemein ist? Wie tut man Gutes mit einer Mordwaffe? Genau diese Fragen wirft Daniel Clowes in Todesstrahl auf. Er führt vor, was passieren würde, wenn ein Halbwüchsiger plötzlich über Gut und Böse, Leben und Tod entscheiden dürfte. Clowes erzählt von Langeweile und Misanthropie, vom Absturz des Durchschnittstypen, dessen Folge die Auslöschung allen Lebens sein könnte. Könnte! Denn eigentlich wird all das gar nicht gezeigt.

Die Abenteuer des Todesstrahls

Wie erzählt ein Comic? Die Situation ist wesentlich komplexer als bei reinem Text: Verschiedene Bild- und Textebenen fügen sich zusammen und konstituieren eine Bedeutung. Die Schwierigkeit besteht in der Lesegewohnheit: Während wir ein Bild simultan wahrnehmen, lesen wir einen Text in der zeitlichen Abfolge. Wie bringt man also diese zwei wesensverschiedenen Teile zusammen? Spätestens seit Scott McClouds Comics richtig lesen wissen wir, dass es vor allem auf die Leistung des Lesers ankommt, wenn es um das Verstehen der einzelnen Comicpanel und ihrer Bedeutung in der Abfolge geht. Erst der Leser setzt Bild und Text in ein produktives Verhältnis und lässt die Geschichte in seinem Kopf geschehen. Der Comic muss demnach nicht jedes kleinste Detail abbilden, aber an der zu langen Leine darf er uns nun auch nicht lassen.

Wie bei allen anderen narrativen Kunstformen sind gewisse Darstellungstechniken, die die Erzählung unterstützen, zu typischen geworden. Daniel Clowes scheint aber nicht viel von ihnen zu halten. Der übertriebene Wechsel der Bildumrandungsformen etwa lässt weder den Schluss auf die Emotionen der Figuren zu, noch erhöht er die Spannung der Szene. Im Todesstrahl dient er lediglich der Übersteigerung von Konventionen des Superheldencomics. Wenn Andy und Louie (sein Sidekick, wenn man so will) in einem Bekleidungsgeschäft nach einem passenden Kostüm suchen und über die Vorteile einer Haushälterin reden, hat das absolut nichts Heldenhaftes. Clowes setzt die Bildfolge aber vor die doppelseitige, aufregende Wunschvorstellung der Verbrecherjagd, inklusive „Paff“ und „Peng“. Komplett aus der Form fällt diese Doppelseite dadurch, dass ein Panel sich genau auf dem Gesicht des Verbrechers befindet, dem der Superheld gerade eine verpasst. Die Gewalttat findet zwar statt, aber nicht auf der Comicseite, wo sie verdeckt wird, sondern nur im Kopf des Lesers. Womit wir wieder bei Scott McCloud wären: Der Leser ist der Komplize des Comickünstlers.

Die weiteren Abenteuer des Todesstrahls

Eigentlich ist die Geschichte über den Todesstrahl ziemlich langweilig: Andys Leben ist nicht besonders aufregend, daran ändern auch seine Superkräfte nichts. Daniel Clowes führt dabei aber gekonnt vor, wie die Möglichkeiten des Comics seine Erzählung bereichern. Ist es nicht nett, dass er uns auch mal selber denken lässt? Dass er, unbeeindruckt vom Gewaltüberfluss der Bilder, uns den Grad der Grausamkeit selbst bestimmen lässt? Und ist es nicht schmeichelhaft, dass er gerade uns die Frage stellt, wie seine Geschichte enden soll? Ja, das ist es.

Die Rezension bezieht sich auf die englische Ausgabe. Die deutsche Ausgabe im Reprodukt Verlag erscheint voraussichtlich im Juli/August.

Daniel Clowes: Der Todesstrahl
Reprodukt, 48 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 9783943143522
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