Familienepos im Querformat

Chris Ware - Jimmy Corrigan   Cover: Reprodukt„Test. – Legen Sie das Buch vor sich hin. Lesen Sie jede Frage genau und beantworten Sie sie dann, so gut Sie können. Auf ‚Los’ geht’s los! Los. 1. Sie sind a) männlich. b) weiblich. Trifft b) zu, dürfen Sie hier aufhören.“ Thea Dorn hat offenbar tatsächlich an dieser Stelle aufgehört, Chris Wares Jimmy Corrigan zu lesen. „Bestätigt das meinen Verdacht, dass Comics doch eher was für verschreckte Nerds mit einem komplexen Vaterverhältnis sind?“ fragt sie in der SWR-Sendung Literatur im Foyer ihren Gast Denis Scheck. Er bleibt bewundernswert höflich, als Dorn den „bildungsbürgerlichen Eltern“ auch noch empfiehlt, den Comic in die vorher gewaschenen Kinderhände zu geben. „Kinder, Kinder. Das ist ein Missverständnis. Das ist kein Comic, das sich an Kinder wendet!“ Warum Denis Scheck Recht hat und Thea Dorn bei ihren Asterix-Heften bleiben sollte.

Von HANNAH KONOPKA

Jimmy Corrigan ist 36, unförmig, schüchtern. Jeden Tag telefoniert er mit seiner Mutter, seinem einzigen sozialen Kontakt. Völlig unerwartet erhält er einen Brief seines Vaters, der ihn nach Jahren der Abwesenheit endlich kennenlernen will. So macht sich Jimmy auf den Weg, um seinen Vater und Großvater zu sehen, die ebenfalls beide Jimmy Corrigan heißen. Drei Generationen, die nur eins verbindet: ein gestörtes Verhältnis. Die verschiedenen Zeiten und Jimmys werden buchstäblich nebeneinander gestellt und zeichnen ein schicksalhaftes Bild der Konflikte der Corrigans. Im frühesten Handlungsstrang, um 1893, zur Zeit der Weltausstellung in Chicago, kommt Jimmys Urgroßvater, gebeutelt von Schicksalsschlägen, mit der alleinigen Verantwortung für den kleinen Sohn nicht zurecht. Schon hier kündigt sich an, was auch Jimmy hundert Jahre später erleben muss: ein Leben in Einsamkeit.

Lachen und Weinen

Chris Ware erzählt auf fast 400 Seiten ein amerikanisches Familienepos im Querformat. Die Bilder sind dabei oft nur kleine Quadrate, die über weite Teile komplett ohne Text auskommen. Jimmy Corrigans Geschichte entfaltet sich nur sehr langsam, oft passiert über mehrere Doppelseiten hinweg nicht viel, aber genau dadurch schafft es Ware wie kein anderer, eine besondere Stimmung in seinem Comic zu erzeugen. Die Darstellungsweise mit dicken schwarzen Umrandungen orientiert sich an Cartoonfiguren, bei denen alle Gesichtszüge auf wesentliche Linien beschränkt werden, um sie schnell und einfach erfassen zu können. So bekommt jede Gefühlsregung, jedes Stutzen oder Zucken, jedes Geräusch seine Bedeutung. Die auf der einen Seite so ernste und tragische Geschichte versieht Ware auf der anderen Seite mit einem wunderbar subtilen (und schwarzen) Humor. Eine Bildfolge, die es als nummerierten Kunstdruck zum Kauf der deutschen Ausgabe dazugibt, zeigt das besonders schön: Ein dicker Superman setzt auf einem Hausdach zum Abheben an. Auf dem nächsten Bild liegt er bäuchlings auf der Straße.

Endlich auf Deutsch

An seinem Comic Jimmy Corrigan schrieb Chris Ware, der Art Spiegelman seinen Mentor nennen darf, schon seit 1993. Zunächst als Comicstrip in der Zeitung und später als Teil seiner Anthologie Acme Novelty Library erschienen, dauerte es sieben Jahre bis zur Buchveröffentlichung. Weitere dreizehn Jahre später ist nun die deutsche Übersetzung im Reprodukt Verlag erschienen. Man kann sich vorstellen, wie viel Zeit und Anstrengung die Überarbeitung des Buches inklusive Handlettering gebraucht hat, Ware nutzt nämlich jede Möglichkeit, die ihm der Comic bietet, voll aus. So erzählt er seine Geschichte nicht nur auf den Buchseiten, sondern auch auf dem Schutzumschlag sowie der Vor- und Nachsatzseite in Form von Diagrammen, Bastelbögen und Gebrauchsanweisungen weiter. Alle rahmenden Texte wie Titel, Verlagsangaben und Autorinformationen werden zum Gegenstand des Comics. Nichts zeigt das besser als die „Corrigenda (f., Pl.)“, das „Verzeichnis der Fehler in einem Buch mitsamt Korrekturen (lat., Gerundivum v. corrigere, korrigieren)“, am Ende des Buches. Hier nimmt Ware einige zentrale Begriffe auf, um weitere Informationen zu bestimmten Sachverhalten der vorangegangenen Erzählung zu liefern. In der gleichen Form arbeitet er seine Kurzbiografie ein und stellt eine „Entschuldigung (f.)“, „entspricht in diesem Fall dem Postskriptum“, ans Ende. Da es sich bei Jimmy Corrigan nach seiner Aussage um eine „Semiautobiografie“ handelt, ist es nur konsequent, dass Ware sich auch selbst thematisiert.

Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe. Chris Ware hat ein Werk geschaffen hat, das nur als Comic funktionieren kann (was übrigens auch andere Kritiker treffend erkannt haben): die streng durchdachten, minimalistischen Bilder, die zurückhaltenden Farben, der langsame Erzählfluss, die Aufforderung zur kreativen Lektüre – all das macht Jimmy Corrigan zu einem Gesamtkunstwerk, das im wahrsten Sinne des Wortes mitnimmt. Dafür gibt es Comics. Besser geht es nicht.

Chris Ware: Jimmy Corrigan – Der klügste Junge der Welt
übersetzt von Heinrich Anders und Tina Hohl
Reprodukt, 384 Seiten
Preis: 39 Euro
ISBN: 978-3-938511-12-1
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2 Gedanken zu „Familienepos im Querformat

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