Die Piñata des Grauens

Jenny Lawson - DAs ist nicht wahr, oder?   Cover: MetrolitLesen Sie mein Buch, denn ich bin Teil einer grassierenden Pest!” So oder so ähnlich würde Jenny The Bloggess Lawson wahrscheinlich auf Marie Schmidts Rezension in der ZEIT reagieren. Das Phänomen der Buch gewordenen, ehemals webbasierten Tagebuchkritzeleien mag inflationär sein, sollte einen jedoch nicht dazu verleiten, zum Lachen in den Keller zu gehen. Denn mit Das ist nicht wahr, oder? zeigt sich Lawson als Meisterin der kleinen Form.

Von NADINE HEMGESBERG

Gehen Sie zum Lachen in den Keller, Frau Schmidt? Frau Lawson hätte da jemanden, der Ihnen Gesellschaft leisten könnte: Beyoncé, ein mannshoher Blechhahn. Aber lassen wir das, über Humor lässt sich wahrlich schlecht streiten. Oder nein, warten Sie, ich habe eine bessere Idee. Wir könnten diesen Streit ebenso in formvollendeten Klebezettelnachrichten austragen:

Liebe Frau Schmidt, gehen Sie zum Lachen in den Keller? Finden sie den kalten Widerhall Ihrer Stimme… erquickend?

Liebe Frau Schmidt, in Ihrem Keller leben also Ratten. Mein herzliches Beileid. Fieses Getier. Aber meinen Sie nicht, dass das nur halb so schlimm ist wie eine Luchs-, Skorpion-, Schlangen-, Haifisch- und Geierplage?

Liebe Frau Schmidt, könnten Sie bitte damit aufhören, mir Ratten per Post zu schicken?

Liebe Frau Schmidt, ja, ich gebe Ihnen recht. Ein argumentativer Meinungsaustausch über das Buch wäre auch mal eine Maßnahme.

Kurzweiliges, höchst amüsantes Entertainment

Der eskalierende Klebezettelstreit mit ihrem Mann Victor ist, neben Lawsons traumatisierenden Kindheitserinnerungen und dem ebenso tragischen wie grotesken Ableben des Mopses Barnaby Jones Pickles, das Amüsanteste, das ich seit Langem gelesen habe. Lawsons fiktionalisiertes Alter Ego hat tief hineingegriffen in den Überraschungssack namens Leben: Der Vater, leidenschaftlicher Tierpräparator, schmeißt entweder mit Luchsen um sich, versucht seine beiden Töchter mit einer Eichhörnchenkadaver-Handpuppe zu erheitern oder unterhält ein Rudel garstiger Truthähne. Ist es nicht ein wunderbarer Nährboden für gepflegte Neurosen und andere psychische Störungen, der sich dort am Busen der Natur entfaltet? Auf die Koketterie mit diesen nur allzu menschlichen Makeln versteht sich Lawson ungemein gut. Übertreibungen und paranoide Anwandlungen sind Mittel zum Zweck. Dem texanischen Idyll wird entflohen, nur um wenige Jahre später mit Kind und Kegel zurückzukehren, und schlussendlich schließt sich der Kreis: Das Sammeln ausgestopfter und als Cowboy verkleideter Nagetiere oder einhändiger Piratenalligatoren ist ganz Vermächtnis des Vaters.

Natürlich sind Lawsons Memoiren, wie sie in der Originalfassung betitelt sind, die sprachlich gepimpte und in eine appetitliche Narration verwandelte Version eines Durchschnittslebens in irgendeinem texanischen Kuhkaff. Aber die Treffsicherheit, mit der sie den Leser mit Volten, absurden Wendungen und gekonnten Steigerungen in jedem Absatz bombardiert, ist wahrlich eine Kunst und Wonne. Denn nicht jeder Bloggerfuzzi aus dem Netz hat automatisch ein Händchen für die kurze Form: Dieses gut getimte und pointierte erzählerische „Bäm“ ließe eben nicht nur den exzentrischen Anekdotenerzähler auf der gediegenen Dinnerparty im Mittelpunkt stehen, sondern zeichnet zugleich auch jene ambitionierten Schreiberlinge des latent zynischen Mainstreams aus.

Dass es sich bei diesen erlebten und konstruierten Absurditäten nicht um – Schublade auf – „Hohe Literatur“ handelt, dürfte jedem klar sein. Erfrischend ist Lawsons Weltsicht, ihr verdrehter Humor und der kreative Umgang mit ihren Missgeschicken allemal: kurzweiliges, jedoch im höchsten Maße amüsantes Entertainment auf 368 Seiten.

Verlegt man das?

Jenny Lawsons Blog The Bloggess kann sich eines monatlichen Millionenpublikums rühmen. Aus diesem erzählerischen Fundus ein Druckwerk zwischen zwei Buchdeckeln zu machen, scheint da nur die ökonomisch logische Konsequenz zu sein. Dem gerade neu gegründeten Metrolit Verlag ist zu wünschen, dass sie mit Lawsons Memoiren ein publikumsstarkes Zugpferd an Land gezogen haben: ein skurriles Pendant zu all der Hausfrauenprosa und Weichspül-Geständnisliteratur, die wie ätzender Moosbefall die Bücherauslagen überzieht. Natürlich verlegt man das! Lesen Sie das! Und: Machen Sie sich keine Sorgen um etwaige Pestbeulen. Alles, was Ihnen passieren kann ist körperlich grassierendes Lachen.

Jenny Lawson: Das ist nicht wahr, oder?
Metrolit, 368 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN 978-3-8493-0050-0
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3 Gedanken zu „Die Piñata des Grauens

  1. Liebe Nadine,

    danke für diese schöne Vorstellung. Das Buch steht hier schon eine Weile rum und möchte gerne gelesen werden. So ganz habe ich mich aber noch nicht rangetraut, obwohl ich schon beim Lesen des Buchrückens schmunzeln musste. Jetzt werde ich es aber bestimmt bald mal in die Hand nehmen und bin schon gespannt, wie es mir gefallen wird.

    Liebe Grüße
    Mara

  2. Pingback: Auf einen literarischen Ohitashi KW 48 | literaturundfeuilleton

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