In 70 Reisen um die Welt

Christoph Ransmayr - Atlas eines ängstlichen Mannes   Cover: S.FischerChristoph Ransmayrs Atlas eines ängstlichen Mannes erzählt in 70 Episoden von Reisen um die ganze Welt. Was dem Leser dabei geboten wird, ist zugleich mehr und etwas ganz anderes als ein Reiseroman.

von BERNHARD STRICKER

„Ich sah die Heimat eines Gottes auf 26° 28‘ südlicher Breite und 105° 21‘ westlicher Länge“: Bereits dieser erste Satz von Christoph Ransmayrs Atlas eines ängstlichen Mannes zeugt von der fortdauernden Präsenz des Mythischen auch in einer vollständig kartographierten, also eroberten und darum, so könnte man meinen, entzauberten Welt. Mit diesem Satz ist zugleich der Ton angeschlagen, der den Leser durch die 70 Kapitel eines Buches begleitet, das man nur sehr zögerlich, vielmehr eigentlich gar nicht als Roman bezeichnen kann. Ransmayr lotet hier wie stets die Grenzen dieser ohnehin so offenen Gattung aus. Schon sein Debütroman Die Schrecken des Eises und der Finsternis (1984) verknüpfte den aus historischen Quellen gespeisten Bericht über eine Polarexpedition mit der fiktiven Geschichte eines jungen Mannes auf den Spuren ebendieser Entdeckungsreise. Sein als Paradestück der Postmoderne gefeierter Roman Die letzte Welt (1988) versetzte das Figurenarsenal aus den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid in eine zeitlich schwer zu verortende und apokalyptisch anmutende Szenerie am Schwarzen Meer. Und Morbus Kitahara (1995) entwarf die vom Morgenthau-Plan inspirierte dystopische Vision eines vollständig deindustrialisierten Landes. Vielleicht erinnert der Atlas eines ängstlichen Mannes auf den ersten Blick vor allem an Ransmayrs Reiseberichte, wie sie in Der Weg nach Surabaya (1997) nachzulesen sind, denn sämtliche Orte, an die der Leser in diesem „Atlas“ geführt wird, hat der Autor selbst besucht. Eine einzige Ausnahme gesteht er zwar selbst ein – doch den Namen des einen Ortes, den er nur aus Berichten seiner Frau kennt, behält er für sich, um daran zu erinnern, dass wir vieles von unserer Welt nur aus Erzählungen wissen. Die Grenze zwischen dokumentarischem Bericht und erfundener Erzählung bleibt also durchlässig, gemäß dem Grundsatz, den Ransmayr im Vorwort benennt, und der fast schon eine basale Kulturtheorie darstellt: „Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt.“

Déjà-vu: Ransmayrs Entdeckungen in der Fremde

Spuren aus Ransmayrs älteren Geschichten finden sich überall im Atlas eines ängstlichen Mannes. Der einzige Vorwurf, den man diesem Buch machen könnte, lautet, dass es thematisch sehr eng an seine Vorgängerwerke anschließt. Aber was hat das schon zu sagen bei einem Autor, der vornehmlich über Reisen und Verwandlungen schreibt? Was dem treuen Ransmayr-Leser auf diesen neuen Seiten bekannt vorkommt, hat darum eher jene Bekanntheit – eines Déjà-vus, möchte man sagen –, die einen auch in fernen Ländern, die man zum ersten Mal bereist, überraschen kann. Dass es solche Länder für den Leser in Ransmayrs Atlas zu entdecken gibt, ist mehr als wahrscheinlich, denn dieser führt in über 30 Länder auf allen sieben Kontinenten, dabei nicht selten zu so abgelegenen Orten wie der chilenischen Isla Robinsón Crusoe oder einer Berghöhle im nepalesischen Himalaya. Die Kulturdenkmäler und Naturschauplätze, die der Erzähler besucht, stehen dabei nicht weniger im Vordergrund als die Begegnungen mit Menschen und ihren Geschichten. Gerade das Verhältnis des Menschen zur Natur und seine immer wieder scheiternden Versuche, Beständigkeit zu erwirken in einer in ständigem Wandel begriffenen Umwelt, kristallisieren sich schon bald als Kernthemen von Ransmayrs Reisebeobachtungen heraus.

Über Werden und Vergehen

So führt das erste Kapitel, Fernstes Land, den Leser zur unbewohnten vulkanischen Insel Salas y Gómez, die in früheren Zeiten eine Kultstätte der Rapa Nui, der Bewohner der Osterinsel, war. Wie die Moais, die steinernen Figuren auf der Osterinsel, von Denkmälern eines Ahnenkults zu den Grabsteinen ihrer Erbauer wurden, indem sie als Instrumente eines Machtkampfs fungierten, an dem schließlich das Leben auf der Osterinsel zugrunde ging, und wie die Rapa Nui mit ihren fragilen Binsenflößen immer wieder die Hunderte von Kilometer zu der öden, vulkanischen Insel im Pazifik zurücklegten, die sie für die Heimat eines Gottes hielten, und die bis heute von zahlreichen Vogelarten bevölkert ist – all das erfährt der Erzähler von einem Passagier auf seiner Schiffsreise. Dem Leser wird dabei die Reflexion überlassen über den Kontrast zwischen der Zerbrechlichkeit menschlicher Unternehmungen, ihrem Scheitern in einer offenbar gleichgültigen Natur und der Gewaltsamkeit der oftmals selbstzerstörerischen Versuche des Menschen, etwas Dauerhaftes zu schaffen, das der Zeit und der Veränderung zu trotzen vermag. Nicht immer aber geht es um den Untergang ganzer Kulturen: Die Trauer über den Verlust, der mit dem Wandel unweigerlich verbunden ist, steckt als Lektion auch in dem Schmelzen eines Schneemanns, den ein irischer Junge in einer von Ransmayrs Erzählungen in der Tiefkühltruhe aufzubewahren hofft, bis bei einem Sturm der Strom ausfällt. Manchmal wird Ransmayrs etwas manierierte Stilisierung solcher Szenen zu mythischen Reminiszenzen nur durch den nüchternen Duktus seiner Prosa vor dem Kitsch bewahrt, etwa wenn der Junge „wie ein kindlicher Atlas, der eine seltsam winterliche Weltkugel gegen den Himmel stemmte“ dasteht. Aber solche Ausrutscher verzeiht man leicht bei der Brillanz vieler anderer Passagen, wie jener Episode über die chinesischen Kalligraphen am Kunming-See, deren mit Wasser auf Stein gemalte Schriftzeichen – Verse von Dichtern aus der Zeit der Tang-Dynastie – sich im Sonnenlicht so rasch auflösen, dass sie im Nu wieder verschwunden sind. Dem oftmals verzweifelten Versuch, Dauer zu erlangen, tritt hier die heitere Affirmation der beständigen Veränderung, der Dauer im Wandel, entgegen.

Dauer im Wandel: das Erzählen

„Denkbilder“ – mit diesem Ausdruck Walter Benjamins könnte man die Episoden von Ransmayrs Buch beschreiben, die zugleich in sich abgeschlossen und doch mit den anderen Kapiteln in vielfältiger Weise über motivische Wiederholungen und Korrespondenzen verknüpft sind. So beispielsweise das Gedicht eines chinesischen Kalligraphen, dessen Übersetzung der Erzähler notiert hat:

„Ich verschlief die Dämmerung eines Morgens im Frühling
Dabei war die Luft erfüllt von Vogelsang
Und verstummt nur das nächtliche Rauschen
Von Regen und Wind
Wer weiß, wie viele Blüten gefallen sind.“

Nicht zufällig weckt der letzte Vers beim aufmerksamen Leser die Erinnerung an jene Meditation über die Lebensdauer von Araukariensamen, die in einem früheren Kapitel die Erzählung vom plötzlichen Tod eines deutschen Auswanderers in Brasilien beschloss: „Wenn jeder der Araukariensamen, die in dieser Stunde auf die Trauergemeinde, auf das Grab, auf den Blumengarten, das Dach des Sommerhauses und den Sarg herabregneten, die Möglichkeit eines tausendjährigen Baumlebens enthielt, dann fiel […] mit diesen Samen eine Art Ewigkeit auf uns herab.“ Den Vogelstimmen wiederum, die im Gedicht die Luft erfüllen, begegnet der Leser auch auf der Wanderung entlang der chinesischen Mauer, wo der irische Mr. Fox den Gesang unzähliger Vogelarten aufzeichnet, Mauern aus Klang, mit denen sie ihr Revier markieren.

Für sich genommen erschafft jedes Kapitel aus Ransmayrs Roman eine Art Konstellation von Gegenständen, Menschen, Geschichten und Orten, die es in einen Zustand des fragilen Gleichgewichts versetzt, ähnlich dem Stand jener großen chinesischen Vase, auf die der Erzähler unverhofft in einem chilenischen Garten trifft und deren scheinbar ungeheures Gewicht aufgrund ihrer unsicheren Position auf einem Podest zu kippen droht. Wie diese Vase, die nicht von ungefähr an Wallace Stevens’ „jar in Tennessee“ erinnert, ihre Umgebung um sich herum ordnet, sodass mit ihr alles in ein Ungleichgewicht gerät, und wie die Welt in einen Schwebezustand versetzt wird, nachdem sich die zurechtgerückte Vase als federleicht erwiesen hat, so oszillieren auch Ransmayrs Geschichten zwischen Leichtigkeit und Schwere, in deren Licht sie die Welt erscheinen lassen. Der Erzähler hat sich dabei zu jener quasi anonymen Instanz geläutert, die an die großen epischen Erzähler des Abendlands ebenso erinnern mag wie an die bloße Zeugenschaft, die in dem immer gleichen „Ich sah“, das alle Kapitel eröffnet, beschlossen liegt. Keine Trauer über die Vergänglichkeit alles Irdischen verschleiert hier einen Prozess des Werdens und Vergehens, der auch abgebildet wird durch die Abfolge und gegenseitige Durchdringung der Kapitel, die motivische Konstanz und topographische Vielfalt der Episoden, die Kontinuität und Diskontinuität in der Komposition von Ransmayrs Atlas selbst. Denn die innigste Vermittlung von Dauer und Wandel, das zeigt dieses Buch, findet nirgendwo anders statt als im Erzählen.

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes
S. Fischer, 464 Seiten
Preis: 24,99 Euro
ISBN: 978-3100629517
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