Amy Hempel will blow your mind

Amy Hempel - Die Ernte   Cover: LuxbooksSie lässt ihre Sätze und Buchstaben auf einer Rasierklinge tanzen: Der erzählerische Minimalismus von Amy Hempel wird die Leserschaft nicht unbeschadet zurücklassen. Die US-amerikanische Schriftstellerin ist in Deutschland fast gänzlich unbekannt. Ein Umstand, der sich schleunigst ändern sollte.

von NADINE HEMGESBERG

Diese eine Szene aus Hautnah (2004) will mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen: Dan (Jude Law) und Alice (Natalie Portman) fahren im Bus gen Nirgendwo und er erzählt ihr – mit diesen treudoofen Augen, mit denen er über seine Brille linst (wie es nur Law in Perfektion kann) – voll sarkastischer Begeisterung von der Liebe zu seinem Beruf. Dan ist Nachrufschreiber und die Verkaufsschlager seiner Branche sind Euphemismen à la „Er war sehr gesellig“, wenn es sich bei dem Verstorbenen um einen Lebemann und hoffnungslosen Säufer handelte. Im Vergleich zum englischen, alltagssprachlich verwendeten Begriff und der feststehenden medizinischen Bezeichnung „harvest“ beziehungsweise „harvesting organs“, die nicht nur in dem Titel von Amy Hempels Erzählband Die Ernte ihren euphemistischen Charakter offenbart, erscheint die Wortspielerei in Hautnah noch als das rosa ausgekleidete Plüschzimmer der semantischen Wahnsinnsanstalt namens Sprache. Wenn man sich diesen Begriff nämlich mal so richtig auf den phantasiebegabten Hirnwindungen zergehen lässt, verliert er all seine vermeintlich positive Konnotation und entpuppt sich als eine ziemlich perverse und gewalt(tät)ige Bezeichnung für das medizinische Ausweiden und Ausschlachten des menschlichen Körpers. Grade an diesem Januskopf „Organtransplantation“ und der zugrundeliegenden Erzählung von Amy Hempel wird die Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit ihres Werkes deutlich, Die Ernte ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt des Erzählbandes, sondern könnte auch als poetologischer Schlüssel gelesen werden.

Mit Präzision ans Werk

Amy Hempel, 1951 in Chicago geboren und mittlerweile im literarischen Schmelztiegel New York ansässig, lehrt Kreatives Schreiben an der Harvard University und verdiente ihre Brötchen anfangs als Journalistin. Die Ernte ist ihre wohl bekannteste und in der deutschen Ausgabe titelgebende Kurzgeschichte, die in ihrem Erzählband At the Gates of the Animal Kingdom (1990) erschien. Dass Hempel die journalistische Ausbildung für ihre Prosa äußerst fruchtbar machen konnte, ist deutlich erkennbar: Die Kurzgeschichten sind präzise auf den Punkt erzählt, keine Kapriolen, kein großes Tamtam, sondern Literatur, die gewissenhaft geschmiedet wurde. In einem Interview mit the Paris Review sagte sie: „But journalism taught me how to write a sentence that would make someone want to read the next one.“ (Amy Hempel, The art of fiction No. 176 in the Paris Review No. 166, 2003) Genau das gelingt Hempel auf unverwechselbare Art und Weise. Ihre ersten Sätze – viele Schriftsteller werden sie darum beneiden und ebenso wissen, wie viel Blut, Schweiß und die Manuskriptblätter an die Wand klatschende Verzweiflung in solchen ersten Sätzen liegen kann – packen den Leser, schmeißen ihn mitten ins Geschehen und man möchte nur eins: mehr. Wer hinge bei einem solchen Satz auch nicht vor Neugier platzend am Haken: „Zum Preis einer Tasse Kaffee adoptierte meine Freundin Deborah ein Kind.“

Tod, Tiere und Verzweiflung

In ihren Erzählungen kondensiert Amy Hempel immer wieder ihre Kernthemen – Tod, Anderssein, Spiegelungen der Menschen in ihren tierischen Begleitern, Empfindsamkeit und Melancholie – in scheinbar banalen Alltäglichkeiten, die einen im ersten Moment zum Schmunzeln bringen und einem im zweiten mit einer unheimlichen Bitterkeit aufstoßen. „Mein Gesicht spiegelt sich im Fenster und ich sehe der traurigen Wahrheit ins Gesicht – dass ich zufällig dann am besten aussehe, wenn niemand da ist, der mich sieht.“

Amy Hempel will blow your mind

In der Reihe LUXBOOKS.OHRENSESSEL werden nach und nach, im Abstand von jeweils zwei Jahren, auch die anderen Erzählbände von Hempel erscheinen: Reasons to Live (1985), Tumble Home (1997) und The Dog of the Marriage (2005). Auf dass Amy Hempel auch in Deutschland in aller Munde ist, denn: Das sind grandiose Geschichten, das ist faszinierendes schriftstellerisches Handwerk, das lässt Chuck Palahniuk vor Verehrung auf dem Fußboden krabbeln. Und die erste Regel wird lauten (mit Tyler Durdens Stimme aus Fight Club intoniert): Verliert überall ein Wort über Amy Hempel!

Amy Hempel: Die Ernte
Aus dem Englischen von Jakob Jung
Luxbooks Verlag, 113 Seiten
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978-3-939557-72-2
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4 Gedanken zu „Amy Hempel will blow your mind

  1. Danke, für diese wunderbare Rezension, die sehr neugierig auf die Autorin und ihr Werk macht. Ich schätze mich glücklich, dass der Erzählband hier bereits bereit liegt und darauf wartet, gelesen zu werden. 🙂

  2. Hat dies auf Nova Station rebloggt und kommentierte:
    Stellvertretend für all die euphorischen Rezensionen, die ich in letzter Zeit zu diesem Buch gelesen habe, reblogge ich diese. Scheint wirklich ein „must read“ zu sein.

  3. Pingback: Auf einen literarischen Meeresfruchtcocktail 41. KW | literaturundfeuilleton

  4. Pingback: Auf ein literarisches Schnittchen KW 50 | literaturundfeuilleton

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