Bachmann-Preis Tag 1: Der Tag des Schamhaares

bachmannFünf Autoren lasen heute zum Auftakt der Bachmann-Preisverleihung vor. Viel Spannendes hat der erste Tag nicht zu bieten. Trotz der vielen Schamhaare.

Von HANNAH KONOPKA

Larissa Boehning liest den ersten Text des Tages, einen Auszug aus dem Roman Zucker, im Stehen vor. Damit ist sie die einzige in diesem düsteren ORF-Studio, die nicht sitzt. Ihr Text handelt von einem Versicherungsvertreter namens Matthias, der sich mit einer sehr viel älteren Frau, Annemarie, einlässt, von der er sich eine reiche Erbschaft verspricht. Boehning schildert seinen Ekel vor den sexuellen Berührungen, beschämender wird es, als sie Motive einer Mutter-Sohn-Beziehung einbringt. Die christliche Metaphorik macht alles nur noch schlimmer: Annemarie sieht in Matthias das „Geschenk Gottes“. Wenn sie je einen Sohn gehabt hätte, hätte sie ihn Matthias genannt. Das ganze Gottgerede scheint die Jury nicht zu stören, allerdings ist Jurymitglied und Literaturkritikerin Daniela Strigl der ödipale Konflikt viel zu offensiv inszeniert. Jurypräsident Burkhard Spinnen bringt es auf den Punkt: Die Geschichte ist vielleicht ganz interessant, sie interpretiert sich aber schon zu sehr selbst.

Joachim Meyerhoff liest, wie alle anderen nach ihm, im Sitzen. Sein Text gleitet geschwind dahin, ein 22-jähriger entdeckt in einer Buchhandlung einen Fotoband mit Bildern aus den 50ern und 60ern und beschließt, diesen zu klauen. Der Text Ich brauche das Buch beginnt mit dem beunruhigenden Bild einer Hyäne, die anfängt, ihr eigenes Fleisch zu fressen und wird zu einer witzigen Beschreibung einer Verfolgungsjagd. Wer denkt schon beim Klauen daran, dass das Buch im Hosenbund an den Schamhaaren schubbert?  Die Jury ist begeistert. Allein der Cicero-Satz am Ende hätte nicht sein müssen. Hubert Winkels meint, hier will der Text bedeutsamer sein, als er ist.

Nadine Kegele wurde von Burkhard Spinnen zu den Tagen der deutsprachigen Literatur eingeladen. Ihre Protagonistin Nora in Scherben schlucken ist schwanger und ihr Freund Anton, der bereits ein Kind hat, will kein zweites, für das er nur bezahlen muss. Komischer Typ. Für Noras Geschlechtsteil findet er auch kein vernünftiges Wort. Nora leidet also an Weltschmerz und kommentiert zynisch ihre Umwelt.  Teils sehr reduziert, teils aber auch schön ausgearbeitet erzählt Kegele Noras Geschichte in zwanzig Fragmenten. Für Meike Feßmann ist der Text überhaupt nicht geglückt. Auch Juri Steiner versteht ihn nicht richtig, aber er gesteht ihm die Stärke zu, dass er Assoziationscharakter innehat, auf den man sich einlassen muss. Spinnen bleibt in seinem Urteil ebenfalls ambivalent: Er sei „unglücklich verliebt“ in Kegeles Text.

Verena Güntner versucht es mit einem Coming-of-Age-Text, dessen Ton alle sehr gelungen finden. Er ist tatsächlich im Gegensatz zu Boehnings und Kegeles Text sehr stringent und einheitlich erzählt, allerdings ist das gewählte Thema einfach zu abgegrast. Das scheint nur Spinnen zu erkennen: „Das haben wir alle schon 100 Mal gelesen“.  Für den obligatorischen Fänger im Roggen-Vergleich sorgt Kurator und Kulturvermittler Juri Steiner

Die letzte an diesem Tag ist Anousch Mueller. In ihrem Text Falunrot geht es um eine verkorkste Beziehung. Eine Frau bildet sich ständig irgendwelche Wehwehchen ein, die irgendwie ja doch auf ihre Beziehung mit Leo hinweisen, die sowieso ins Nichts laufen wird. Das deutet Mueller zumindest ständig an, wenn Leo seine Abneigung gegen Kinder kund tut. Auf ihrer ‚Abschiedstour’ durch Schweden schwillt ihr Lymphknoten an und sie macht endlich Schluss. Hubert Winkels sieht den Mann in der einfach gestrickten Geschichte gezielt denunziert. Ansonsten streitet sich die Jury, ob der Tonfall der Geschichte nun als souverän zu lesen ist oder nicht.  Über sämtliche Windungen im Juryurteil kristallisiert sich aber doch heraus, dass der Text etwas holprig formuliert ist.

So richtig spannend war es heute nicht. Vielleicht wird’s morgen schöner.

TDDL 2013, 5.7.2013, 10.15-15.15 Uhr auf 3Sat

Und es wird weiter gelesen: Tag 2 des Bachmannpreises…

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Ein Gedanke zu „Bachmann-Preis Tag 1: Der Tag des Schamhaares

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