Bachmann-Preis Tag 2: Hetzjagd nach Hawaiihemden

bachmannZé do Rock, Cordula Simon, Heinz Helle u. a.: der zweite Tag des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt.

von SARAH HERHAUSEN

Zé do Rock liest aus seinem Buch Gott is Brasilianer, Jesus anscheinend auch. Roadmovie-like geht es um die Reise eines Menschen, der andere interviewen will. Auf humoristische Art folgen wir ihm durch Brasilien, verfolgen seine Aktivitäten, erleben seine Abenteuer wie im Bewusstseinsstrom von einer Anekdote zur nächsten. Bemerkenswert ist seine Inszenierung des Textes (schade, dass diese nicht mit in die Bewertung eingeht!), die auf zwei Ebenen stattfindet. Zum einen durch die Performance: Den Text liest do Rock nicht nur, sondern stellt ihn durch Gesten, Mimik, Bewegungen und Intonierung so lebhaft dar, wie es nur darstellbar ist, und zu dieser Performance gehört auch sein furchtbares Hawaiihemd. Zum anderen ist es das laute Lesen des Textes, der durchaus als eine eigene Abwandlung der deutschen Sprache gesehen werden kann:

„Dieses buch beschreibt meine trampreise durch Brasilien, von der venezolanischen grenze im norden bis zur uruguayischen grenze im süden. Der plan is, die fahrer, die mich mitnehmen, und sonstige interessante leute zu entreviewen, die mir über den weg laufen. Ich fliege nach Caracas und fahre mit dem bus bis zur brasilianischen grenze. Auf der venezolana seite werd ich gefilzt, ich muss sogar meine hose runterlassen, was man aba da findet is (noch) nich ilegal.“

Dieser Wust an geschriebener Umgangssprache, gepaart mit schwäbischem Dialekt und portugiesischem Vokabular, ist die Eigenheit, die Zé do Rock seinem Text verleiht und ihn von seinen Konkurrenten trennt. Doch diese Eigenheit wird von Seiten der Jury hart getadelt. So kritisiert Strigl, die Sprache sei uneinheitlich und individuell – wobei auch Individualität bei ihr klingt als sei sie eine der sieben Todsünden. Der Humor, der vor allem eben durch das laute Lesen präsent gemacht wird, komme beim eigenen Lesen nicht rüber – ein Makel. Ebenso bemängelt Feßmann die Sprache des Textes, beschreibt ihn als Durcheinander verschiedener Sprachen und Dialekte, um dann zu dem ähnlichen Schluss zu kommen, dass der Text als Literatur nicht funktioniere, eben nur als Performanz.

Keller lobt den „Fetzigkeitsfaktor“ des Textes und der Darbietung, Winkels die phonetische Bearbeitung und Herausstellung seines, do Rocks, eigenen Sprachstils und Steiner fühlt sich auf persönlicher Ebene vom Text verstanden und angesprochen – als Schweizer. Der trockene, beinahe humoristisch vertrocknete Jandl fühlt sich bei dieser Exkursion ins Reich des Kuriosen einfach fehlplatziert, versteht den Witz nicht, erkennt das Literarische des Textes nicht. Und löst dadurch bei Strigl eine Grundsatzdebatte aus, über das Fach, sein Thema, was eigentlich Literatur sei, wodurch sie sich auszeichne, was Ausschlusskriterien seien usw… Soviel sei gesagt: Zu alle diesen Fragen wurde auch heute keine Antwort gefunden.

Schauer des Matriarchats

Cordula Simons Roman Ostrov Mogila erscheint im Herbst. Es geht um eine Familie in Osteuropa, vor allem um das Verhältnis zwischen Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und der Ich-Erzählerin. Zwischen diesen Frauen besteht eine Bande, die sie zusammenhält, die allerdings noch mehr kann: Die Frauen können Tode von Verwandten, Nachbarn oder Freunden voraussagen und durch ihre Prophezeiung geschehen lassen, scheint es. Die Ich-Erzählerin möchte aus diesem furchtbaren Zirkel fliehen, um sich von den Frauen und ihrem bisherigen Leben abzunabeln. Die Flucht beschreibt sie passenderweise als Geburt ihrer selbst. Doch wirklich fliehen kann sie nie; das Matriarchat ist zu stark. So stark, dass die Frauen eine so innige Verbindung haben, gegenseitig ihre Gedanken erahnen zu können.

Jandl beschreibt das Matriarchat passend als mörderisch und die Geschichte als Märchen in kleingesellschaftlicher Struktur. Für Feßmann ist der Text viel zu überflutet mit magischen Momenten: All diese Elemente machten die Geschichte zu einer folkloristischen – und damit für sie zu Kitsch.

Der Überflieger

Heinz Helle liest aus Wir sind schön, worin es um eine Beziehung zwischen Mann und Frau geht. Der Protagonist wird als bindungsängstlich beschrieben. Die Sätze sind kurz, prägnant, jeder Schuss ein Treffer. Sehr gelobt von Winkels. Ebenso der Einsatz von Konjunktiv und Personalpronomina: Der Text exerziert das Leben des Mannes, und obwohl wir von Beginn an das Ende erahnen können, behält der Text durch seinen Stil seine Spannung. Jandl tut den Text als „hübsche Geschichte ab“, steht damit aber weitestgehend alleine da. Spinnen fasst die positive Kritik gut zusammen: Es sei ein Text über Lieblosigkeit, in allen Einzelheiten und in unendlichen Kleinigkeiten; die Lieblosigkeit sei Bestandteil der Beziehungen im Text, und das von Beginn an. Das intelligente, subversive Konzept überzeugt an diesem Vormittag den Großteil der Jury. Der Text, der die Flucht des Individuums aus der Massengesellschaft zeichnet, beschreitet vor allem im Vergleich mit dem Fluchtwunsch der Protagonistin des vorherigen Textes einen neuen Weg. Bemäkelt wird, dass diese Flucht vor Bindungen im Helle-Text selbst zu sehr psychologisiert wird, überzeugend ist der Plot aber allemal.

Fazit: Ein erfolgreicher Tag voller guter Texte, die unterschiedlicher nicht sein könnten und alle Potential haben, den Bachmann-Preis für sich zu beanspruchen. Trotz der pingeligen Mäkelei vieler Jurymitglieder.

Morgen geht es weiter bei den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur:

TDDL 2013, 6.7.2013, 9.35-14.00 Uhr auf 3Sat.

Der Bachmannpreis bleibt und die GewinnerInnen stehen fest…

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2 Gedanken zu „Bachmann-Preis Tag 2: Hetzjagd nach Hawaiihemden

  1. Pingback: Bachmann-Preis Tag 1: Der Tag des Schamhaares | literaturundfeuilleton

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