Hals- und Beinbruch

Albertine Sarrazin - Astragalus   Cover: HanserDas Buch kaufen oder den Hunger stillen? Diese Frage stellte sich Patti Smith 1968, als sie auf dem Ramschtisch einer Buchhandlung Astragalus von Albertine Sarrazin fand. Sie wählte das Buch. Eine gute Entscheidung.

von ESRA CANPALAT

Eine gewisse Faszination ging von dieser schönen Frau auf dem verblichenen Cover aus, die im Klappentext als „weiblicher Genette“ bezeichnet wurde. Statt den Magen mit einem Sandwich und einem Kaffee für 99 Cent zu füllen, stillte Patti Smith lieber einen anderen Hunger: „[…] nachdem ich die ersten paar Zeilen gelesen hatte, war ich hingerissen – ein Hunger besiegte den anderen, und ich kaufte das Buch.“ Smith beschreibt im Nachwort des im Hanser Verlag neu aufgelegten Romans, wie Albertine Sarrazin sie ihr ganzes Leben über begleitete, wie sie ohne diese rebellischen Frau nie die geworden wäre, die sie jetzt ist.

Von einem Gefängnis ins nächste

Albertine Sarrazin wird 1937 in Algier geboren. Sie wächst in einer bürgerlichen Familie als Adoptivkind auf, von der sie sich aber als Teenager distanziert. Die Eltern stecken sie in ein menschenunwürdiges Besserungsheim für Mädchen. Sie flieht aus der Anstalt, schlägt sich nach Paris durch, begeht einen Raubüberfall, wird festgenommen. Doch Sarrazin gelingt mit 19 die Flucht aus dem Gefängnis. Sie lernt ihren Mann Julien kennen und verarbeitet ihre Erlebnisse in dem Roman L’Astragale. Simone de Beauvoir ist begeistert von ihr und ihrem Stil: „Zum ersten Mal spricht eine Frau über ihre Gefängnisse.“ In Astragalus scheint die Protagonistin Anne tatsächlich von einem Gefängnis ins nächste zu schreiten.

Lähmende Freiheit

Eines Nachts springt die neunzehnjährige Anne aus dem zehn Meter hohen Gefängnisfenster und verletzt sich den Astragalus, das Sprungbein. Mühevoll und unter unvorstellbaren Schmerzen schleppt sie sich bis an die Straße, wo sie von Julien aufgelesen wird. Anne merkt sofort, dass ihn eine kriminelle Aura umgibt. Knastis erkennen sich immer gegenseitig. Julien, der sich mit kleinkriminellen Machenschaften herumschlägt, bringt sie in Sicherheit. Die Freiheit, nach der sich Anne während ihrer Haft gesehnt hat, entpuppt sich als beengenderes Gefängnis: Wie ein kleiner verletzter Vogel wird die zierliche Anne von einem Versteck ins nächste getragen. Im Transportauto wird ihr, unbeweglich auf dem Rücksitz liegend, bewusst, dass ihr Schicksal darin besteht, von anderen (das heißt natürlich von Männern) abhängig zu sein. Enttäuscht konstatiert sie, wie frei sie hingegen im Knast war: „In jenem Leben wurde man niemals entführt, verwöhnt, versteckt. Man stand in der Dunkelheit der Bullenautos oder saß auf den harten Holzlatten. Aber in jenem Leben konnte man wenigstens klammheimlich die klare Grenze jedes Tages überspringen. Meine neue Freiheit hält mich gefangen und lähmt mich.“

Zart und hart

So leicht gibt Anne aber nicht auf. Nach und nach genest sie, verlässt die Horizontale. Mit Julien, in den sie sich verliebt hat, will sie ihre Zukunft planen. Doch so einfach ist es nicht: Die Freiheit hat ihren Preis. So schlendert Anne voller Angst, erwischt zu werden, durch die Straßen von Paris, prostituiert sich, um an Geld zu kommen. Und Julien macht sich rar. Der Astragalus, der ihr beim Laufen immer noch zu schaffen macht, ist ihr steter Begleiter, wie eine imaginäre Fußfessel. Doch Anne verliert nicht den Mut. Mit kaltschnäuziger und rauer Sprache schildert Anne ihr Leben, ihre Umgebung, die Menschen, die sie ständig benutzen. Es ist vor allem dieser larmoyante und freche Stil, der den Roman zu einem einzigartigen Lesegenuss macht und zeigt, wie stark die Protagonistin trotz aller Widrigkeiten bleibt: „Sogar die Narbe an meinem Fuß ist gebräunt…Meine Asymmetrie? Pff, ich bin eine zauberhafte, leicht humpelnde Mulattin, und fertig.“ So wünscht man während des Lesens diesem zarten und zugleich standhaften Wesen nur eins: Alles Gute. Hals- und Beinbruch.

Wer beim nächsten Bucheinkauf eine gute Entscheidung treffen will, der tue es Patti Smith nach: der kaufe dieses Buch und lasse sich ein Leben lang davon verzaubern.

Albertine Sarrazin: Astragalus
Hanser, 240 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3446241480
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Ein Gedanke zu „Hals- und Beinbruch

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