Nicht überflüssig

Berlin, Opernplatz, Bundesarchiv, Bild 10214597  CC-BY-SA

10. Mai 1933 auf dem Opernplatz in Berlin Quelle: Bundesarchiv, Bild 10214597 CC-BY-SA

Zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung bringt literaturundfeuilleton eine neue Serie heraus: Studierende der Ruhr-Universität Bochum rufen die historischen Geschehnisse in Erinnerung und lassen teils vergessene Bücher wieder auferstehen.

Von ESRA CANPALAT und ANNIKA MEYER

Im Sommersemester 2013 stieß die Vorlesung Bücherverbrennung von PD Dr. Peter Goßens bei der Studierendenschaft  der Komparatistik und anderer Fächer auf großes Interesse. Hierbei wurde die Geschichte der Bücherverbrennungen – von der Antike bis zum Autodafé 2013 in Timbuktu durch Islamisten – erörtert, wobei der Fokus auf dem Verbot von Literatur im Dritten Reich lag. Aus der „Aktion wider den undeutschen Geist“, welche das Ziel hatte, den Einfluss der jüdischen auf die deutsche  Kultur zu vernichten, entstand die „Schwarze Liste“, die Werke zahlreicher moderner Autoren beinhaltete. Die Steigerung der nationalsozialistischen Maßnahmen war die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933, initiiert von der Deutschen Studentenschaft. Dieser Gewalttat fielen zahlreiche Werke bekannter Autoren zum Opfer; so musste u. a. Erich Kästner dabei zusehen, wie sein Fabian verbrannt wurde. Die Aktionen hatten zeremoniellen Charakter, indem Fackelzüge und sogenannte Feuersprüche die Verbrennungen begleiteten: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“

Nationalsozialistische Kulturpolitik

Doch nicht nur Autoren verbrannter Werke spürten den Einfluss des nationalsozialistischen Regimes. Schriftsteller wie Thomas Mann mussten im Exil um ihr literarisches und existentielles Dasein bangen. Die Bücherverbrennung 1933 führte dazu, dass sich die deutsche Literaturlandschaft und das Buchwesen drastisch änderten: Das Sortiment in den Buchhandlungen und Leihbibliotheken verlor massiv an Ausmaß, Vielfalt und Qualität und viele Schriftsteller kehrten Deutschland auch nach Kriegsende den Rücken. Doch auch remigrierte Autoren konnten oftmals in ihrer Heimat nicht mehr Fuß fassen. So ging der 1945 nach Deutschland zurückgekehrte Alfred Döblin, der 1929 mit Berlin Alexanderplatz noch große Erfolge feierte, acht Jahre nach seiner Remigration nach Frankreich, mit den Worten: „Ich bin hier überflüssig.“ Statt moderner und kritischer Literatur standen Kriegsromane, Bücher zur Rassenkunde, Heimatbücher und Kitschschmonzetten in deutschen Buchregalen. Dies hatte zur Folge, dass einige Autoren und ihre Werke bis heute unbekannt geblieben sind.

Gegen das Vergessen

Um zu zeigen, dass diese Bücher keineswegs überflüssig sind, sollten die Studierenden als Teilnahmenachweis Bücher essayistisch bearbeiten, die direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verbrannt oder verboten wurden. Manche dieser Werke sind, unabhängig vom Bekanntheitsgrad ihrer Verfasser, in Vergessenheit geraten, andere wurden wieder neu aufgelegt. Eine Auswahl dieser Beiträge können die Leser von literaturundfeuilleton nun wöchentlich erlesen.

Lesen Sie weiter:

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Joseph Roths Hiob – Ein Roman zwischen Kirse und Wunder

Irmgard Keun – Die Unvollendete

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Morgen um neun – Scheidungsroman einer fast vergessenen Autorin

Am Rande des Schreibverbots

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2 Gedanken zu „Nicht überflüssig

  1. Find ich eine super Aktion und Idee. Auch dass die Essays aus der Vorlesung veröffentlicht werden. So hat das ganze noch einen Mehrwert für die Studenten.

  2. Pingback: Heute war beim Thema Literatur Folgendes wichtig | literatur123

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