Blühende Steine

Taiye Selasi - Diese Dinge geschehen nicht einfach so   Cover: S.FischerDie Presse überschlägt sich für sie, Anfang 2013 war sie bereits auf dem Titel der ZEIT Literaturbeilage, Ijoma Mangold und Elizabeth Gilbert (Eat, Pray, Love) sind erklärte Fans und Toni Morrison hat sie zum Schreiben inspiriert. Kann Taiye Selasis Debütroman diese Erwartungen erfüllen?

von NINA BLÄSIUS

Es wirkt sehr kokett, bereits auf den ersten 20 Seiten des eigenen Debütromans einen der Charaktere den bekanntesten afrikanischen, westlich rezipierten Roman des 20. Jahrhunderts lesen zu lassen. Sich in eine Reihe mit Chinua Achebes Things Fall Apart stellen zu wollen, ist doch etwas zu hoch gegriffen für das Familienepos, das Taiye Selasi mit Diese Dinge geschehen nicht einfach so vorlegt.

„Afropolitan“

Mit ihrer dichten, poetischen Sprache entwirft Selasi ein Kaleidoskop an Figuren, die durch den plötzlichen Tod des männlichen Familienoberhaupts erschüttert werden. Die Familie Sai entspricht voll und ganz dem von der Autorin geprägten Ausdruck „Afropolitan“ – sie sind Weltbürger, aus Ghana respektive Nigeria geflüchtet, mit Kindern, die in der westlichen Welt studieren und leben. Dass es dabei schwierig wird, ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit zu konstituieren, erfahren die Charaktere in verschiedensten Facetten am eigenen Leib.

Der Steingarten

Kweku und Folasadé sind Flüchtlinge, die sich in den Staaten ein neues Leben aufgebaut haben. Die Risse im Familiengefüge, die Traumata über die nicht gesprochen wird, treten ab dem Moment besonders deutlich zutage, in dem Kweku die Familie verlässt. Nun, Jahrzehnte später, kommt die Familie zu seiner Beerdigung wieder zusammen und stellt sich ihren jeweiligen Geistern.

Wie schon im Eingangszitat von Robert Hayden „Felsen in gemustertem // Sand wachsen hier. Und blühen“ wird auch im Roman das Motiv des Steingartens noch wichtig: Für den verstorbenen Kweku hatte der Garten ganz aus weißen Steinen, den er Jahrzehnte lang plante, aber nie bekam, eine besondere Relevanz. Statt der reflektierenden Steinwüste, die er sich wünschte, musste er mit dem von seinem Landschaftsarchitekten bevorzugten wuchernden, blühenden Paradies vorlieb nehmen – einem vielleicht genauso schönen Garten, den er jedoch nicht würdigen kann.  Auch seine Kinder müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob sie einem unerreichbaren Traum von Heimat hinterherjagen wollen oder mit dem zufrieden sein können, was sie haben.

Überblick im transnationalen Chaos

Es spricht für Selasi, dass der Leser den Familienstammbaum der Sais tatsächlich nicht benötigt. Sie führt die Figuren so entspannt und graduell ein, dass man den durchaus komplexen, transnationalen Verwandtschaftsbeziehungen mühelos folgen kann. Über  schottische Großmütter und ghanaischen Verwandten mit komplizierten Namen fällt der Überblick leichter als erwartet. Die Gliederung in drei Teile (Abschied – Aufruhr – Aufbruch) bietet weitere Orientierung in dem vor allem in der ersten Hälfte des Buches mäandernden Erzählfluss. Doch es ist gerade dieser freiere Stil, der Selasi viel Platz bietet für pointierte Beobachtungen und philosophische, brillant formulierte Abschweifungen.

Zwischen Moses und MC Hammer

Sie reißt viele interessante Diskurse an: Postkoloniale Identität, die Konzeption von Raum, Körpergedächtnis, Gentrifizierung, die Bedeutung von Namen und Geschichten. Von Achebe einmal abgesehen, verortet sie ihren Text durch intertextuelle Bezüge von Aphrodite und Moses über ET zu MC Hammer zwischen Neuzeit und Antike, auf der gleichen Achse, auf der auch ihre Figuren agieren: Zwischen altem und neuem Selbstverständnis.

Genau da liegt aber die Schwäche des Romans: Das Selbstverständnis der Charaktere wird bis ins Detail psychologisiert, die Zusammenhänge und Schlüsse geraten schnell allzu kausal und platt. Es ist sehr schade, dass Selasi hier alles zu erklären versucht und geradezu krampfhaft keine unauslotbaren Tiefen zulässt.

Diese Dinge geschehen nicht einfach so ist ein elegant formulierter Familienroman – ein neuer Klassiker in der Tradition von Achebes Things Fall Apart ist es nicht.

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so
S. Fischer, 398 Seiten
Preis: 21,99 €
ISBN: 978-3-100-72525-7
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4 Gedanken zu „Blühende Steine

  1. So würde ich das auch sehen. An entscheidenden Weggabelungen schlägt die Autorin den Weg „gefühliger Familienroman“ ein, anstatt sich selbst noch ernster zu nehmen. Das macht den Roman zwar zugänglicher für ein größeres Publikum (und lag vielleicht auch im Interesse des Verlags) – aber es raubt der Story und den Figuren auch ihre Kraft. Der nächste Roman wird zeigen, ob sie sich weiterentwickelt.

  2. Ich weiß gar nicht, wie oft ich den Roman im Buchladen schon in der Hand hatte, aber irgendwie hat er mich nie so ganz überzeugt – trotz der tollen Kritiken. Danke für die hilfreiche Rezension, das liegt wirklich neben meinem Geschmack.

  3. Ich danke sehr herzlich für diese interessante Rezension und die klare Meinungsäußerung – das Buch liegt hier bereits und die Erwartungen an die Lektüre waren/sind hoch, nun bin ich gespannt, wie mir das Buch gefallen wird. 🙂

  4. Pingback: Spannendes zum Thema Literatur | literatur123

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