Dies ist nicht mehr meine Zeit

Christa Wolf - Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert   Cover: Suhrkamp1960 erscheint ein Aufruf in der Moskauer Zeitung Iswestija, Schriftsteller „mögen einen Tag dieses Jahres, nämlich den 27. September, so genau wie möglich beschreiben.“ Diese Idee ist nicht neu, sie geht zurück auf das Projekt Ein Tag der Welt von Maxim Gorki aus dem Jahr 1935. Christa Wolf folgt dem Aufruf – und schreibt weiter. Immer wieder protokolliert sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2011 ihren 27. September. Sie schreibt gegen das Vergessen, über das Ich „eingebettet in, gebunden an seine Zeit.“

von KATJA PAPIOREK

Als 2003 der erste Band dieser Beschreibungen erscheint (Ein Tag im Jahr: 1960-2000), verspricht das Vorwort Aufzeichnungen, die „pur, authentisch, frei von künstlerischen Absichten“ sind und ursprünglich auch gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren. Das mag – vor allem im Hinblick auf den nun vorliegenden zweiten Band Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert: 2001-2011 – durchaus anzuzweifeln sein. Christa Wolf jedenfalls gibt an, sich zur Veröffentlichung verpflichtet zu fühlen, weil es sich bei ihren „Jahrestagen“ um „Zeitzeugnisse“ handelt.

Zwischen Alltag und Geschichte

So ist auch der Eintrag vom 27. September 2001 erwartungsgemäß überschattet von den Ereignissen des 11. Septembers. Wolf spricht von einem „Riss im Gewebe der Zeit“. Doch in den folgenden Jahren treten politische und historische Ereignisse in ihren Aufzeichnungen zunehmend in den Hintergrund. Zwar werden Zeitungen und Nachrichtensendungen rezipiert, aber immer weniger kommentiert oder hinterfragt. Ins Zentrum der Texte rücken alltägliche Begebenheiten: Einkäufe, Schlafstörungen, kleinere Wehwehchen, das Öffnen der Post, einzelne Mahlzeiten, Geburtstagsfeiern der Tochter, Autogrammwünsche, Lektüreeindrücke, halbverschlafene Fernsehfilme, der Wechsel des Stromanbieters, Telefonate (da wollte der Anrufer wohl in den Text). Möglichen Kritikern gibt Christa Wolf auch gleich die geeignete Frage mit auf den Weg: „Aber was soll diese Aufzählung, der, wie diesem ganzen uninspirierten Text, die Seele fehlt…“

Wofür noch schreiben?

Das eigene Schreiben wird ebenfalls zum Gegenstand des Textes, so etwa die (geplante) Veröffentlichung des ersten Bandes. Mögliche Titel werden diskutiert („Zeitachsen“), Rezensionen gelesen. Durchaus amüsant mutet das Urteil über die Operninszenierung von Kein Ort. Nirgends im Jahr 2006 an: „Die Bühnengesellschaft sollte die drei Zeitphasen durchlaufen: 1804, wenn das Stück spielt, 1977, als es geschrieben wurde, und 2006, Gegenwart. Was herauskam, war gequirlte Kacke.“ Besonders großen Raum nimmt die Arbeit an Wolfs letztem Buch Stadt der Engeloder The Overcoat of Dr. Freud (2010) ein, die sich zu einem Kraftakt entwickelt. Dabei kommt die Frage nach der Bedeutung, der Notwendigkeit des eigenen Schreibens auf. Hat sie nicht vielleicht schon alles gesagt?

Vom Ende der Zeit

Zunächst nur unterschwellig vorhanden, wird im Laufe der Jahre und Aufzeichnungen die Frage nach der verbleibenden Zeit lauter: „Wie lange noch? Wie oft noch?“ Im Jahr 2008 fällt der „Tag des Jahres“ dann in einen mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt. Christa Wolf holt die Aufzeichnungen nach, hat aber zunehmend Schwierigkeiten, ihre Erinnerungen chronologisch zu ordnen: „Da hole ich schon Einzelheiten aus der ungegliederten Zeit hervor, die mir übrigens als ein heller, überbelichteter Zeitraum erscheint.“ So werden die Ereignisse rund um ihre schwere Krankheit zu Wolfs ganz persönlichem „Riss im Gewebe der Zeit“, der mit einer Neubewertung der Dinge einhergeht, die ihr im Leben wichtig sind. Dabei rückt ihre Familie ins Zentrum, während sie sich von historischen und politischen Ereignissen zunehmend unberührt sieht: „Das alles betrifft mich nicht mehr. Meine Zeit ist vorbei. Ich sehe den Ereignissen zu. Mit 80 ist man nicht mehr dabei. Dies ist nicht mehr meine Zeit.“

Der letzte Eintrag bleibt ein Fragment. Christa Wolf fehlt die Kraft, ihn fertigzustellen. Sie hat sich an ihren „Kinderstatus gewöhnt“, ist auf dauerhafte Pflege angewiesen. So wird Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert zu einem Zeitzeugnis, das vor allem das Vergehen der eigenen Lebenszeit bezeugt, den schleichenden, aber unaufhaltsamen Prozess des Alterns, den körperlichen und seelischen Verfall des menschlichen Daseins. Dem Ich bleibt keine Zeit.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert: 2001-2011
Suhrkamp, 163 Seiten
Preis: 17,95 Euro
ISBN: 9783518423608
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2 Gedanken zu „Dies ist nicht mehr meine Zeit

  1. Liebe Katja,

    ich danke für diese beeindruckende Rezension, die mich sehr berührt hat – auch wenn ich den Eindruck hatte, dass du dich mit einem klaren Urteil zum Buch enthältst. Ich habe bisher noch nichts von Christa Wolf gelesen, möchte das aber schon lange tun. Dieses Buch steht nun ganz oben auf der Wunschliste. 🙂

    Liebe Grüße
    Mara

  2. Liebe Mara,

    es stimmt, dass ich einem klaren Urteil zum Buch ganz bewusst aus dem Weg gegangen bin. Das liegt daran, dass mein Urteil eben nicht so eindeutig ausgefallen ist, wie bei vielen anderen Büchern. Die Ankündigung „authentischer“ Texte und die darauf folgende Aufzählung alltäglicher Belanglosigkeiten haben mich fast dazu gebracht, das Buch abzubrechen. Erst im weiteren Verlauf des Textes wird klar, dass das vor dem Hintergrund eines Porträts des menschlichen Verfalls durchaus Sinn macht. Ich bereue nicht, dass ich durchgehalten habe, aber ich bleibe unentschieden. Ganz bewusst wollte ich vermeiden, meine persönlichen Erlebnisse in die Wertung einfließen zu lassen.

    Problematisch für mich ist auch die Tatsache, dass ich mich sehr häufig mit Texten beschäftige, die von der vergehenden Zeit, Erinnerung und dem menschlichen Verfall handeln. Nun sind diese Texte aber in der Regel „voll von künstlerischen Absichten“, sodass offenbleibt, inwiefern ein Vergleich mit Christa Wolfs „Jahrestagen“ zulässig ist.

    Liebe Grüße
    Katja

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