Tucholskys Schloss Gripsholm

Tucholsky Gripsolm Cover - 1931Ein sich neckendes Pärchen und die Pein und Folter eines Waisenkindes

Der deutsche Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky, geboren am 9. Januar 1890 in Berlin, stammte aus einer gutbürgerlich-jüdischen Familie. Sein Vater Alex Tucholsky arbeitete sich vom einfachen Bankkaufmann zum Direktor der Berliner Handelsgesellschaft (BHG) hoch, so dass Kurt Tucholsky in wohlhabenden Verhältnissen aufwuchs (vgl. Hepp 2008: S.8).

von CHRISTOPH BÜRGENER

Tucholskys Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte konnte 1931 für 3,75 Reichsmark als eine klein-oktave Ausgabe (kl. 8°) in beigefarbenem Leinen mit grün verschlungener Titelschrift und einer Sommerwiesen gepflückten Blumensträußlein-Cover-Zeichnung erworben werden. In dieser vom Ernst Rowohlt Verlag herausgebrachten Ausgabe gibt es den Verweis auf weitere Veröffentlichungen Tucholskys – wie Mit 5 PS, Das Lächeln der Mona Lisa, Ein Pyrenäenbuch oder der wohl zweitbekanntesten und Schloss Gripsholm ähnlichen Geschichte Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte (1912). Die Ähnlichkeit dieser Erzählungen zeigt sich in ihrer jeweiligen Figurenkonstellation: jeweils einem neckenden Pärchen, welches sich am Anfang einer Reise im Zug befindet. Daher werden wohl beide Werke heute in allerlei Ausgaben zusammen verlegt.

Kurt Tucholsky zeichnet sich durch die Verwebung von Spott und Kritik aus. Diese Kritik ist in Tucholskys Hasst-Liebt-Aufstellung in der Vossischen Zeitung vom 1. Januar 1928 zu erkennen: „Kurt Tucholsky (Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser) haßt: das Militär, die Vereinsmeierei, Rosenkohl, den Mann, der immer in der Bahn die Zeitung mitließt, Lärm und Geräusch, ‚Deutschland‘. Liebt: Knut Hamsun, jeden tapferen Friedenssoldaten, schön gespitzte Bleistifte, die Haarfarbe der Frau, die er gerade liebt [und] Deutschland“ (Hepp 2008: S. 104). Dies ist nur eine von Tucholskys unterschwelligen Schriften gegen Krieg und für Frieden. 

Ein neckendes Paar auf Urlaubsreise nach Schweden

Die Geschichte Schloss Gripsholm: In einem Schriftwechsel bittet der Verleger Ernst Rowohlt Kurt Tucholsky um eine Liebesgeschichte. Tucholsky antwortet, dass heutzutage keiner mehr eine Liebesgeschichte lesen möge, so dass er für den Verleger eine Sommergeschichte anfertigen werde. Nebenbei feilscht Tucholsky mit Rowohlt um ein höheres Honorar.

Sogleich beginnt die Geschichte mit einem verspielt-lieblichen Paar. Die missingsch (plattdeutsch-hochdeutsch) sprechende Prinzessin Lydia und ihr Daddy Peter gehen auf Urlaubsreise nach Schweden. Besonders das kindliche Gezänk der beiden sorgt für eben jene sommerliche Leichtigkeit eines reisenden Paares, das einander irgendwie gern hat.

Schloss Gripsholm Quelle: Michael BorowskiEinander neckend fahren Peter und Prinzessin Lydia mit einer dänischen Fähre hinüber nach Schweden und belegen schließlich ein Zimmer in dem schwedischen Schloss Gripsholm. Auf ihrer Reise bekommen sie unter anderem von Peters Freund Karlchen, sowie von Lydias Freundin Billie Besuch. Aus dieser Konstellation ergibt sich zeitweilig ein erotisches Miteinander der beiden Frauen und Peter.

Doch eines Tages, während ihrer Erkundungen in der Umgebung um Schloss und Landschaft, begegnen Peter und Lydia einem Waisenkind. Dieses leidet, wie die anderen Kinder, unter der sadistischen Aufseherin Frau Adriani. Das Pärchen ist über die Traurigkeit dieses einen Kindes schockiert und es versucht vehement, das Kind aus seiner Lage unter dieser Herrschaft zu befreien.

„Doch schreiten wir lieber in Maientagen […]“ 

Storm

Tucholskys Schloss Gripsholm nimmt einem die Last von den Schultern und beschwert sie sogleich wieder. Schon die Einleitung der brieflichen Korrespondenz zwischen dem Verleger Ernst Rowohlt und Kurt Tucholsky als Autor gibt sich als alltägliche Korrespondenz aus. Doch diese briefliche Korrespondenz ist rein fiktiv und leitet bereits in eine liebliche und zugleich bittere Geschichte ein.

Denn ganz und gar heiter ist diese Geschichte nicht: „Wir können auch die Trompete blasen / Und schmettern weithin durch das Land; / Doch schreiten wir lieber in Maientagen, / Wenn die Primeln blühn und die Drosseln schlagen, / Still sinnend an des Baches Rand“ (Tucholsky 1931: S. 5). Diese fünf Verse Storms als Vorwort von Schloss Gripsholm bilden eine Miniaturausgabe für das frühsommerlich verliebte Paar auf Urlaubsreise und dessen Aufbegehren gegen die diktatorische Waisenhausaufseherin Frau Adriani. Scheinbar leicht kommt diese selbsttitulierte Sommergeschichte daher. Doch die liebliche Stille wird durch das Leid eines Waisenkindes gebrochen: „[E]s ging, wie wenn es von jemanden gezogen würde, es hatte verweinte Augen, schluckte manchmal im Gehen vor sich hin, aber es weinte nicht. […] es sah vielmehr leer geweint aus, und in den bräunlichen Haaren lag ein goldener Schimmer. Es sah uns an, so müde und gleichgültig, wie es einen Baum angesehn hätte“ (Tucholsky 1931: S. 81).

Daheim malträtiert und schreit die Aufseherin Frau Adriani die Waisenkinder an. Jenes Kind blickt in dem Moment der Pein auf ein Bildnis (vgl. Tucholsky 1931: S. 126) von Gustav Adolf II., König von Schweden, der zur Zeit des dreißigjährigen Krieges seinem Lande eine Hegemonialstellung in Europa einbrachte. Dies ist Tucholskys Subtext – ein der Pein und Folter ausgesetztes Waisenkind einer Aufseherin, blickend auf das Bildnis eines Königs von Schweden.

Dies ist ein unterschwelliger Verweis auf Herrschaftsverhältnisse und ihre Auswirkungen. In diesem Zuge ist es nicht verwunderlich, dass Tucholskys Schriften bei der Bücherverbrennung 1933 verbrannt wurden. Sein Name wurde gemeinsam mit dem von Carl von Ossietzky in Feuersprüchen ausgerufen und zusammen mit zahllosen Buchkörpern als Surrogate für ihre Autoren dem Feuer übergeben.

Einerseits liest sich Schloss Gripsholm als heitere Sommergeschichte mit einem turtelnden Pärchen auf Urlaubsreise in Schweden. Anderseits zeigt sich die Unschuld und Zerbrechlichkeit des Kindes, geplagt von einer psychotisch-sadistischen Aufseherin – ein Verhältnis von Knecht und Herrscher. So kann man in Tucholskys Schloss Gripsholm Storms Trompete in Maientagen blasen hören, still sinnend an des Buches Rand. Wer mag, der kann Tucholskys Geschichte mit Heike Makatsch (Prinzessin Lydia), Ulrich Noethen (Kurt), Jasmin Tabatabai (Billie), Marcus Thomas (Karlchen) und der ehemaligen Pippi Langstrumpf Inger Nilsson (Frau Andersson) als Verfilmung Gripsholm (2000) von Regisseur Xavier Koller anschauen.

Bibliographie:

Primärtext

Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte. Berlin: Rowohlt-Verlag. 1931.

Sekundärtext

Hepp, Michael: Kurt Tucholsky. Monografie. 4. Auflage. Hamburg: rororo. 2008. Laut Rowohlt-Verlag gilt Michael Hepp als Tucholsky-Spezialist.

Verfilmungen

Tucholskys Sommergeschichte wurde als Schloß Gripsholm (1963) von Kurt Hoffmann verfilmt. In der neueren Verfilmung Gripsholm (2000) von Regisseur Xavier Koller spielen Heike Makatsch (Prinzessin Lydia), Ulrich Noethen (Kurt), Jasmin Tabatabai (Billie), Marcus Thomas (Karlchen) und die ehemalige Pippi Langstrumpf Inger Nilsson (Frau Andersson) mit. Quelle: Internet Movie Database: Gripsholm (2000) von Regisseur Xavier Koller. http://www.imdb.com/title/tt0199000/?ref_=fn_al_tt_1. 15.06.2013.

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