Einer schrieb über das Kuckucksnest

Meyerhoff CoverAls Sohn des Direktors inmitten einer Psychiatrie aufwachsen – das ist nur oberflächlich das Thema von Joachim Meyerhoffs Roman Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Tatsächlich geht es um das Einbrechen des Todes in eine nur scheinbar heile Kinderwelt und das Ordnen der Vergangenheit durch die orientierende Kraft des Erzählens. Ein Buch, dessen enorm erheiternder Anfang ebenso gelungen ist wie sein nachdenkliches Ende.

Von LINA BRÜNIG

Joachim Meyerhoff hat in Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war seine Kindheit auf dem Gelände der Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg zu einem Roman verarbeitet. Dabei erzählt er aus der Sicht des Jungen Josse – einer fiktionalisierten Version seiner selbst. Meyerhoff nähert sich seiner besonderen Biografie an, indem er in der ersten Hälfte des Buches episodisch Begebenheiten aus dem Familienleben schildert, das untrennbar mit dem Alltag in der Psychiatrie verbunden ist: das jährliche Kaffeetrinken zum Geburtstag des Vaters, bei dem als Gäste ausschließlich vier psychisch Kranke zugelassen sind, die ständigen Versuche der beiden älteren Brüder, den Jüngsten zur Weißglut zu treiben, eine missglückte Blutsbruderschaft mit dem Familienhund – heitere, grell-komische Episoden, bei deren Lektüre man manches Mal laut auflacht. Und dann ein jäher Bruch in der zweiten Hälfte: ein Bruder verunglückt tödlich, der Vater erkrankt und stirbt. Die Kindheit ist vorüber.

Wie es nie war: „Erfinden heißt Erinnern“

Die Episoden aus dem ersten Teil des Buches präsentieren die im 19. Jahrhundert errichtete Anstalt als märchenhaft verwunschenes Reich fernab der Normalität, über das der Direktor als gütiger König im weißen Kittel herrscht: Josse pflegt innige Freundschaften zu einzelnen Patienten, die er ob ihrer besonderen Fähigkeiten bewundert, das Sommerfest wird als bunter, trubeliger Jahrmarkt beschrieben, bei dem jeder seinen Teil zum Gelingen beiträgt. Auch der Alltag der Familie erscheint eigenartig verspielt und der Normalität entrückt. Zum Beispiel wird jeden Sonntag am Essenstisch „Die Superfamilie“ gespielt – jeder hat ein selbstgewähltes Spezialgebiet, zu dem der hochgebildete Vater Quizfragen stellt. Eine Szene voller Situationskomik. Des Vaters Eigenschaft, sich ständig neue Projekte zu überlegen, an deren praktischer Umsetzung es dann hapert, bietet ebenfalls viel Stoff für witzige Kapitel.

So meint man, eine außerordentlich liebenswerte Familie kennenzulernen – um kurz darauf daran erinnert zu werden, dass man gelesen hat, wie es nie war. Zusammenfallend mit Josses Pubertät endet die geordnete, fabelhafte Kindersicht. Nun werden charakterliche Schwächen und Fehltritte der Figuren thematisiert – vor allem die Vaterfigur, die im ersten Teil sehr positiv gezeichnet ist, zeigt nun auch eine dunkle Seite.

Literarische Trauerarbeit: „Zwanghaftes Dauergespräch mit meinen Verstorbenen“

Im zweiten Teil des Romans ist der Leser gezwungen, die Einschätzung aus den vorangegangenen Kapiteln zu überdenken. Der Vater ist ein warmherziger Mensch – aber auch ein notorischer Fremdgänger mit Doppelleben. Dass die Ehe der Eltern keine glückliche ist, wird erst spät im Text deutlich. Eine tiefe Zäsur bedeutet der Unfalltod des mittleren Bruders, der die Eltern in ihrer Trauer weiter auseinanderdriften lässt. Das Sterben eines Familienmitglieds wirkt wie ein Katalysator für die Eheprobleme: Die Eltern trennen sich. Doch als der Vater lebensgefährlich erkrankt, kehrt seine Frau zu ihm zurück und bleibt bis zu seinem qualvollen Tod bei ihm.

„Wenn man einen liebevollen Blick hat, kann man sehr weit gehen“, sagt Meyerhoff im Bezug auf den Roman und gestattet sich, auch die unschönen Aspekte seiner Familiengeschichte mit Hilfe des Figurenensembles teilweise drastisch zu schildern. Auf den letzten Seiten offenbart der Ich-Erzähler Josse sein Anliegen: Seine Vergangenheit erscheint ihm derart ungeordnet und wirr, dass er sie nicht als Basis für eine offene Zukunft empfindet. Der vorliegende Roman ist also der Versuch, „all diese abgelegten Erinnerungs-Päckchen wieder aufzuschnüren und aufzuarbeiten.“

Leben nach der Anstalt

Meyerhoff begeht nicht den Fehler, seine Geschichte mit Sentimentalität zu überfrachten – er verwendet den Humor als Instrument, mit seiner Vergangenheit umzugehen. Lachen bedeutet Leben, und insofern ist es nur folgerichtig, dass es für den Leser im zweiten Teil keinen Anlass mehr dazu gibt. Hier steht der Tod im Mittelpunkt. In der letzten Szene besucht der erwachsene Josse noch einmal das modernisierte Anstaltsgelände und steht vor dem Fenster seines ehemaligen Kinderzimmers. Dort liegt ein kranker Junge und atmet apathisch gegen die Scheibe: Klarheit und Dunst wechseln sich ab. Vielleicht ist das eine vernünftige Art, mit der Vergangenheit umzugehen, die auch für das Buch Pate gestanden haben mag – mal verschleiern und vernebeln, mal mit aller Klarheit und Brutalität hinblicken. Entsprechend ambivalent sind Josses Gefühle. Einerseits begrüßt er die Umstrukturierung der Psychiatrie, andererseits sehnt er sich „mit jeder Faser“ nach der Anstalt aus seiner Kindheit, „der mir selbstverständlichen Normalität dieses Wahnsinns-Orts.“

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war – nicht nur wegen seines grandiosen Witzes und seiner originellen Dramaturgie ein Kandidat für die Shortlist des deutschen Buchpreises.

Joachim Meyerhoff: Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Kiepenheuer & Witsch, 351 Seiten
Preis: 19,90 €
ISBN 978-3-462-04516-1

In diesem Jahr war Joachim Meyerhoff bereits bei den 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur. Trotz guter Kritik ging er bei diesem Bewerb leer aus (Weiterlesen)

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5 Gedanken zu „Einer schrieb über das Kuckucksnest

    • Dann ist es ja in dem Fall gut, dass es bis jetzt nur zwei Bücher sind 😉
      Aber man kann „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ auch problemlos vor „Alle Toten fliegen hoch“ lesen …

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