Rotkäppchen ist eine Hure

Clemens Meyer - Im Stein   Cover: S. FischerClemens Meyer ist mit Im Stein ein fulminanter Gesellschaftsroman gelungen, der sich zu Recht auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises wiederfindet. Im Stein ist ein wahres Spiegelkabinett der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und historischen Ereignisse und Entwicklungen seit der Wende. Diese vielstimmige Montage aus Rotlicht-Biographien, manchmal surreal, manchmal zutiefst spießig, manchmal höchst aufgeräumt, aber nie klischeehaft, entwickelt einen wahren Erzählsog, dem sich der Leser nicht zu entziehen vermag.

von NADINE HEMGESBERG

Boomtown Ost. BUMM BUMM: „Du liegst auf der Straße. Und dabei hast du gedacht, die neunziger Jahre sind vorbei.“ AK, der eigentlich Arnold Kraushaar heißt, hat es erwischt. Halb verblutet sinniert er über das Leben, beißt dabei nicht ins Gras, aber in den Stein – in das heiße Pflaster des Bordsteins. Kraushaar macht in Wohnungsprostitution, er ist Vermieter, Amateurboxer und studierter Geschäftsmann. Neben den eigentlichen Protagonistinnen – den Sexarbeiterinnen, Dienstleisterinnen, Huren und leichten Mädchen – und dem Clubbesitzer Hans Pieczek ist AK eine Figur im großen Reigen einer Parallelwelt. Einer Parallelwelt, mitten in der Gesellschaft zu verorten, ein wirtschaftlicher Markt sondergleichen, an dem sich mittlerweile auch die Steuerbehörden fröhlich laben, und die dennoch eine schattenhafte Randexistenz zu führen scheint, der das Verwerfliche, Brutale und Kranke anhaftet. Es ist der „vielstimmige Gesang der Nacht“, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fließend ineinander übergehen. Wie die Spiegelungen in einem Diamanten werden Orte, Räume und Zeiten gebrochen, vereinzelt, um dann doch wieder wie ein Puzzlestück in den großen wirtschaftlichen, historischen oder gesellschaftlichen Zusammenhang gebracht zu werden. Meyer versteht es blendend, mittels dieses Milieus eine große Gesellschaftsstudie aufzumachen, die trotz ihrer vermeintlich eigenen Regeln, Hierarchien und Einzelstellung auf das Allgemeine schließen lässt. Und ist das nicht die große Kunst und das Potential der Literatur?

Frittenbudenkapitalismus

Babsi hat manchmal Fasching im Kopf und vermisst Magda. In Hans’ Club mit Barbetrieb serviert jetzt Mandy 2, vermisst wird Mandy 1 – die war ’ne wirklich dufte Frau. Der Taxifahrer vermisst die goldenen Zeiten: „Früher gab’s den Rotlichttaler. Den Bumsbonus. Wer uns Gäste bringt, kriegt Geld. Die Läden übertrumpften sich gegenseitig. Die Zeiten sind lange vorbei.“ Die Öffnung des Ostens weckte Goldgräberstimmung im Rotlichtmilieu und nicht nur die: Viele wollten die schnelle Mark mit dem Frittenbudenkapitalismus, kamen extra aus dem Ruhrgebiet, um sich mit einer fahrenden Bude eine goldene Nase zu verdienen. Die Goldmuschi an der See, die den Reibach mit Soldaten und Seemännern macht – finde deine Nische im Markt der Möglichkeiten. Biete das Besondere an, das Preis-Leistungsverhältnis muss stimmen, Flatrate kommt und geht, Straßenstrich, Russen und Engel drängen in den Markt, Wohnungsprostitution, Hurenvereinigung, Änderung des Prostitutionsgesetzes, Annoncen, GV, EL, Laufhaus, Escort, bald nur noch oral ohne und bitte nicht nur mit Sahne, sondern auch mit Kaviar. Meyer entwirft das große Panorama, reflektiert jegliches Klischee, jede Erwartungshaltung an das Milieu in seinen Figuren und beweist eine tiefe Kenntnis der Prostitutions- und Bordellgeschichte. Nein, Rotkäppchen war zwar keine Hure, aber es scheint historisch belegt, dass Huren im Mittelalter rote Mützen oder Kappen zur Kennzeichnung ihres Gewerbes trugen.

Surreale Traumwelten

Im Stein entwickelt einen beeindruckenden Erzählsog. Dem Duktus und Soziolekt der Huren und Luden, der pragmatischen Geschäftsmänner, exzentrischen Pfauen und verzweifelten Väter in Gestalt eines versoffenen Ex-Jockeys auf der Suche nach seiner Tochter kann man sich nur schwer entziehen. Die Erzählung ist ebenso düster wie poetisch, stellt Empfindsamkeit dar, wo man sie nicht vermutet, und lässt einen aus der Realität driften. In einer manchmal surreal anmutenden Erzählung, die fast einer Meditation über das Leitmotiv des Steins gleicht, der sich mal als hartes Pflaster, mal als menschliche Manifestation des emotionslosen Thekenbewohners, mal als Friedhofsengel, mal als Sarkophag zu erkennen gibt. Zudem kann der besagte Stein als Symbol für den räumlichen Schutz, für das Ungeschehenmachen einer Straftat – Deckel drauf – als feste Größe und materieller Wert in Form von Diamanten gelesen werden. Und manchmal kann er ebenso im Gegensatz zur scheinbar organisch pulsierenden Großstadt oder, um den äußerst beliebten Topos der „Stadt als Maschine“ zu bedienen, gedeutet werden.

Klarer Favorit

Er besitzt eine starke, kraftvolle und ebenso zarte Stimme, dieser Clemens Meyer. 1977 in Halle geboren und in Leipzig aufgewachsen, nahm er 2006 am Bachmannpreis teil und ging in einem starken Klagenfurter Jahrgang mit einer dominierenden Kathrin Passig leer aus. Mit seinem Roman Die Nacht, die Lichter gewann er 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse und legte 2010 auch mit Gewalten einen starken Text vor. Meyer, dem oftmals das literarische Schimpfwort entgegengebrüllt wird: Authentizität! Jaja: diese Milieukenntnis, der Proll („Er ist der Vorzeige-Proll des deutschen Literaturbetriebs“, Wiebke Porombka Spiegel 2010), der Knastbruder, die kokette, blau getönte Ludenbrille. Als wäre Authentizität irgendein in Gold gebadetes und mit Swarovskisteinen ausstaffiertes Herrschaftszepter der Kritik. Es ist so skurril wie falsch. Die Süddeutsche Zeitung bringt es schon 2006 wunderbar auf den Punkt: „Der Leipziger Autor […] mit den ausufernden Tattoos auf seinem Körper hat dabei vielleicht ein Problem, ein sehr ungerechtes: Man unterstellt ihm zu leichtfertig, es sei vor allem seine ungewöhnlich authentische Milieukenntnis, mit der er Aufmerksamkeit erzeuge.“

Und so wird er am 7. Oktober vielleicht wieder die Faust gen Himmel recken und nicht, wie das an Clockwork Orange erinnernde Cover vermuten lassen könnte, mit einem Glas Milch, sondern wieder mit ’ner Pulle Bier seinen abgeräumten Preis feiern. Distinguiert versteinert war gestern, so einen Preis könnte man auch einfach mal rocken. Und das kann er, der Meyer!

Clemens Meyer: Im Stein
S. Fischer, 560 Seiten
Preis: 22,99 Euro
ISBN: 978-3-10-048602-8
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6 Gedanken zu „Rotkäppchen ist eine Hure

  1. Danke für diese schöne, rockige, Besprechung, die mich doch noch einmal darin bestärkt hat, das Buch unbedingt lesen zu wollen – mal schauen, ob ich es vorm 7. Oktober schaffe. Im Moment lese ich übrigens den Glavinic und auch wenn ich es gerne lese, kann ich die Entscheidung, ihn nicht auf die Shortlist zu setzen, gut nachvollziehen.

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