Zum Tod von Marcel Reich-Ranicki

Reich-Ranicki Quelle: Wikimedia User Smalltown BoyDer leidenschaftliche Verriss ist eine Kunst und er war in ihr ein Meister – gleichwohl verstand er sich als Anwalt der Literatur: Am gestrigen Mittwoch verstarb der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Alter von 93 Jahren in Frankfurt am Main. Der Literaturbetrieb trauert um einen seiner ganz Großen, um den Literaturpapst, der die Literatur und die Kritik des vergangenen und des angebrochenen Jahrhunderts prägte wie kein Zweiter.

von NADINE HEMGESBERG

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Nachfolger Reich-Ranickis als Leiter der Redaktion „Literatur und literarisches Leben“, gab gestern via Twitter bekannt, dass der Literaturkritiker im Alter von 93 Jahren verstorben sei. In seinem Nachruf in der FAZ schreibt Schirrmacher: „Niemand vermochte einer ganzen Gesellschaft die Bedeutung von Literatur so zu vermitteln wie er […].“ Marcel Reich-Ranicki ist für ihn – und damit ist er wohl nicht alleine – eine Legende. (FAZ 18.09.13 Nachruf von Frank Schirrmacher: „Ein sehr großer Mann“)

Ja, das ist er wohl schon jetzt, eine Legende, dieser ewige Querkopf und leidenschaftliche Streiter für die Literatur. Mit seinem hitzigen Temperament und im TV oft genug gut in Szene gesetzten, schwingenden Zeigefinger bestachen seine Kritiken und Besprechungen durch Witz, klare und verständliche Formulierungen, manchmal fast brutale Ehrlichkeit, das gemeine und vielleicht sogar bösartige Urteil und eine mitreißende Rhetorik. Häufig, wie es Constantin Seibt im 2010 Tagesanzeiger zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki schreibt, agiere der Kritiker mehr wie ein Mediziner: „Bei Verrissen gerade seiner Lieblingsautoren hingegen schreibt Reich-Ranicki oft wie ein Chirurg – direkt, ohne Narkose: ‚Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloss deshalb, weil es von Martin Walser stammt.‘“ (Tagesanzeiger 01.06.10 Constantin Seibt „Marcel Reich-Ranicki, ein Profi und ein Liebender“ )

Ein Widerborst und eine Ausnahmeerscheinung

Er revolutionierte die Literaturkritik mit dem Schritt ins Fernsehen und mit der Ausstrahlung des Literarischen Quartetts. Reich-Ranicki polarisierte in seiner One-Man-Literaturshow, in der Sigrid Löffler und Hellmuth Karasek oftmals nur Staffage zu sein schienen, um dem „Literaturpapst“ eine Bühne zu geben. Unvergessen der Eklat um Haruki Murakamis Roman Gefährliche Geliebte im Jahr 2000, nach dem Sigrid Löffler das Literarische Quartett verließ. Nicht die Einzige, mit der es krachte: Reich-Ranickis Leben im deutschen Literaturbetrieb war – neben seiner unbändigen Liebe zur Literatur – geprägt von innig gelebten Feindschaften und Zerwürfnissen: Günter Grass, Walter Jens und Martin Walser, um nur einige zu nennen, mit denen er auf seinem Lebensweg aneinander geriet. Marcel Reich-Ranicki war eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Literaturbetrieb, die sich ihre Ecken und Kanten erhielt. 2008 sorgte er nochmals für Furore, als er vor der versammelten Fernsehwelt sagte „Ich nehme diesen Preis nicht an“, und damit einer noch lachenden Fernsehlandschaft den Spiegel vorhielt. Ein ewiger Streiter.

Die Macht der Kritik

Marcel Reich-Ranicki, der 1920 als Marceli Reich geboren wurde, das Warschauer Ghetto überlebte und dessen fast komplette Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde, prägte die Literaturlandschaft der Nachkriegszeit wie kein anderer. Mit einem fast ontologischen oder erkenntnistheoretischen Charakter fasst diesen Einfluss am besten ein Zitat von Wolfgang Koeppen: „Er schreibt über mich, also bin ich.“ Er lobte und verriss, förderte die Literatur und buchstabierte die Kritik durch. Sein Urteil, oft ein sehr mächtiges: „Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.“

Er wird fehlen, dieser große Mann. Aber, und das ist gewiss, er wird nachwirken und für viele eine Inspiration sein, wie er das schon zu Lebzeiten war. Denn ohne seinen Einfluss würde auch ich diesen Text hier sehr wahrscheinlich nicht schreiben. Sie war ansteckend, diese unbändige Liebe zur Literatur.

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