Morgen um neun – Scheidungsroman einer fast vergessenen Autorin

Morgen um neun   Foto: Lina NiermannAm 10. Mai dieses Jahres 1933 wurden meine Bücher in Berlin öffentlich verbrannt, zusammen mit denen von über dreißig anderen Autoren. Nie zuvor war ich in besserer Gesellschaft gewesen. (Kaus 1990: S. 151)

Mit diesen Worten kommentiert die österreichische Schriftstellerin Gina Kaus die Verbrennung ihrer Werke im Rahmen der nationalsozialistischen „Aktion wider den undeutschen Geist“ in ihrer erstmals 1979 erschienenen Biografie Und was für ein Leben … mit Liebe und Literatur, Theater und Film. Unter den verbrannten Büchern befand sich auch ihr Scheidungsroman Morgen um neun, in dem Kaus das Lebensgefühl der 1920er und beginnenden 30er Jahre in der Kulturmetropole Wien einfängt: Ein Roman, so unkonventionell wie seine Autorin.

von LINA NIERMANN

Gina Kaus, geboren am 21. Oktober 1893 als Regina Wiener, war Tochter eines jüdischen Kaufmanns und eine schillernde Figur im Wiener und Berliner Literaturbetrieb der 1920er-Jahre. Zu ihrem prominenten Bekanntenkreis gehörten u. a. Karl Kraus, Hermann Broch und Robert Musil (vgl. Vollmer 2000: S. 302). Sie verfasste sowohl Dramen und Romane als auch Kurzprosa und arbeitete als Feuilletonistin und Literaturkritikerin für verschiedene Zeitschriften. Für ihre Novelle Der Aufstieg erhielt sie 1921 den Fontane-Preis (vgl. ebd.). Turbulent verlief auch ihr Privatleben. 1913 heiratet sie den Musiker Josef Zirner und gibt sich nach Ausbruch des ersten Weltkriegs als Kriegsberichterstatterin aus, um ihn besuchen zu können. Als das herauskommt, wird Zirner an einen gefährlicheren Frontabschnitt versetzt, wo er zwei Monate später stirbt (vgl. Kaus 1990: S. 13-22).

Affären, Ehe und Flucht ins Exil

Nach Zirners Tod wird Kaus die Geliebte des Bankdirektors und Industriellen Josef Kranz, mit dem sie zeitweise auch zusammenlebt. Dieser ist bereits verheiratet, lebt aber von seiner Frau getrennt. Im Jahr 1916 lässt sie sich von Kranz adoptieren, um nach außen hin den Schein zu wahren, wohl aber auch zur finanziellen Absicherung (vgl. Kaus 1990: S. 31–33). Zugleich beginnt sie eine Affäre mit dem Schriftsteller Franz Blei, der als Sekretär im Hause Kranz arbeitet. Franz Blei gründet zu der Zeit einen literarischen Zirkel im Café Herrenhof, an dem auch Gina Kaus teilnimmt. Dort lernt sie den Schriftsteller und Psychologen Otto Kaus kennen, den sie 1919 heiratet und mit dem sie zwei Söhne bekommt (vgl. ebd.: S. 33–37). Die Ehe hält jedoch nur wenige Jahre. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 werden sämtliche Werke Kaus’ auf die „Schwarze Liste“ gesetzt (vgl. Vollmer 2000: S. 302). Es gelingt der Schriftstellerin, ihre Bücher weiterhin im niederländischen Exilverlag Allert de Lange und verschiedenen französischen, englischen und amerikanischen Verlagshäusern zu publizieren (vgl. Malone 1976: S. 66). Als 1938 der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich unmittelbar bevorsteht, beschließt sie, mit ihren Söhnen und ihrem jetzigen Lebensgefährten Eduard Frischauer, dem wegen eines gewonnenen Zeitungsprozesses gegen die Nationalsozialisten ebenfalls die Verhaftung droht, das Land zu verlassen (vgl. Kaus 1990: S. 163–171). Sie fliehen zunächst über die Schweiz nach Paris und 1939 weiter in die USA (vgl. Vollmer 2000: S. 301). Gina Kaus verdient ihren Lebensunterhalt von nun an als Drehbuchautorin in Hollywood, veröffentlicht jedoch keine eigenen Romane mehr (ebd.).

Auf der „Schwarzen Liste“

Warum aber landete Gina Kaus, zusammen mit Autoren wie Erich Kästner, Thomas Mann und Alfred Döblin auf der „Schwarzen Liste“ Schöne Literatur? Welche Gründe gab es, die ihre Werke in den Augen der Nationalsozialisten als bedenklich erscheinen ließen? Zum einen mag ihre Herkunft ein wichtiger Faktor gewesen sein – sie war die Tochter des jüdischen Geldvermittlers Emanuel Wiener. Darüber hinaus wurden ihre Romane als „dekadente Literatur“ bezeichnet, die durch ihre expliziten erotischen Darstellungen und ihre sexuelle Freizügigkeit einem Regime, das nach eigener Aussage bemüht war, den Verfall der Sitten in der Weimarer Zeit wieder rückgängig zu machen, als unmoralisch erscheinen musste (vgl. Bauer 2008: S. 1-2). Während die nationalsozialistische Ideologie die Rolle der Frau auf die der treusorgenden und pflichtbewussten Mutter beschränkte, beschrieb Gina Kaus in ihren Romanen unabhängige, unverheiratete Frauen, die Affären zu verschiedenen Männern unterhielten oder Ehefrauen, die es mit der ehelichen Treue nicht ganz so genau nahmen. In ihren Darstellungen erscheinen Frauen den Männern mindestens ebenbürtig und in wichtigen Belangen sogar überlegen (ebd.).

Der Roman Morgen um Neun erscheint 1932 im Ullstein Verlag in Berlin und ist ein Beispiel dieser vermeintlich „dekadenten Literatur“. Trotz positiver Kritiken kann er an den Erfolg von Kaus’ Vorgängerwerk Die Überfahrt (1931), das sie auch international bekannt machte, nicht in vollem Maße anknüpfen (vgl. Atzinger 2008: S. 193–194). Im Laufe der Zeit hat der Roman allerdings an emanzipatorischer Sprengkraft verloren. Empfand ein Leser in den 1930er-Jahren vielleicht noch die Selbstverständlichkeit, mit der Kaus die häufigen Partnerwechsel und außerehelichen Affären ihrer Figuren beschreibt, als anstößig und skandalös, wird dies aus heutiger Perspektive – nach der sexuellen Revolution durch die 68er-Bewegung und durch die ständige Präsenz von Sex in den Medien – kaum mehr als revolutionär wahrgenommen. Doch wäre es falsch, den Roman allein als frivoles Werk der seichten Unterhaltungsliteratur abzutun – obgleich der beschwingt leichte Erzählgestus von Kaus auch heute noch sehr amüsant ist.

Trennung ohne Hindernisse

Den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Handlung bildet der Scheidungstermin des Ehepaars Kupferschmidt, der am frühen Morgen vor Gericht angesetzt ist. Elisabeth und Erwin Kupferschmidt – er erfolgreicher Arzt, sie gutaussehende junge Gattin – haben sich allem Anschein nach nach nur fünfjähriger Ehe in gegenseitigem Einvernehmen getrennt. Und das, wie sie dem Rechtsanwalt und sich selbst gegenüber immer wieder versichern, ganz ohne Hass oder Reuegefühle: „Das ist eben so gekommen, niemand weiß wie. Eines Tages fragt man sich: wozu sitzen wir eigentlich am selben Tisch? Und dann ist man so weit“, äußert die Ehefrau gleich zu Beginn des Romans (Kaus 2008: S. 13). Von Anfang an sieht sich der Leser mit der Frage konfrontiert, warum das Paar, das doch in einem harmonischen Verhältnis gegenseitiger Wertschätzung zu stehen scheint, die Trennung anstrebt. Der Scheidungsgrund bildet den eigentlich interessanten Kern des Romans. Offensichtliche Anlässe, wie die Affäre des Arztes mit einer anderen Frau, werden als Folge, aber nicht als Ursache der gegenseitigen Entfremdung dargestellt.

Die Nacht vor der (Ent-)Scheidung

Nach und nach enthüllen die Gedanken der Protagonisten, die am Abend und in der Nacht vor ihrer Scheidung noch einmal getrennt voneinander einen Blick auf ihre Ehe werfen, Teile eines psychologischen Puzzles, die Aufschluss darüber geben, warum die Beziehung der beiden in die Brüche ging. Es geht um das Ungesagte, um die kleinen Ärgernisse genauso wie um die großen und wichtigen Themen, die nie oder nur unzureichend angesprochen wurden. Das Ehepaar hat sich niemals über seine Gefühle ausgetauscht – so gab es zwar keine offenen Konflikte, aber auch keine wirkliche Intimität. Beide Figuren erfahren im Laufe der Nacht Dinge über den anderen, die sie erschüttern und zu einer Reaktion zwingen. Elisabeth löst sich aus ihrer bisherigen Passivität und handelt, und auch Erwin stellt seine Ehefrau erstmals zur Rede. Am Ende des Romans beginnen beide Protagonisten zumindest ansatzweise mit einer gegenseitigen Auseinandersetzung.

In leichtem Plauderton erzählt Gina Kaus die Geschichte, die überaus lebendig und kurzweilig daher kommt, aber an manchen Stellen etwas Tiefe vermissen lässt. Kaus behandelt eine Thematik, die in den 1930er Jahren keineswegs gesellschaftlich anerkannt war: Eine Scheidung wird als Alltäglichkeit dargestellt, als – auch für eine Frau – selbstverständliche Möglichkeit, um eine unglückliche Beziehung zu beenden. Die Autorin offenbart so ihre eigene moderne Haltung gegenüber der Ehe und betont die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Der Einblick in die Gedankenwelt beider Protagonisten bietet eine erfrischend unverblümte Sicht auf eine komplizierte Paarbeziehung.

 

Bibliografie:

Primärliteratur:

Kaus, Gina: Morgen um Neun. Mit einem Nachwort von Gerhard Bauer. Hrsg. v. Julius H. Schoeps. Hildesheim/Zürich/ New York: Georg Olms Verlag 2008 (= Bibliothek verbrannter Bücher).

Kaus, Gina: Von Wien nach Hollywood. Erinnerungen von Gina Kaus. Neu hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Sibylle Mulot. Berlin: Suhrkamp 1990 (= suhrkamp taschenbuch 1757).

(Diese Neuausgabe ihrer Autobiografie erschien erstmals 1979 im Albrecht Knaus Verlag Hamburg unter dem Titel „Und was für ein Leben… mit Liebe und Literatur, Theater und Film“.)

Sekundärliteratur zu Gina Kaus:

Atzinger, Hildegard: Gina Kaus: Schriftstellerin und Öffentlichkeit. Zur Stellung einer Schriftstellerin in der literarischen Öffentlichkeit der Zwischenkriegszeit in Österreich und Deutschland. Frankfurt a.M.: Peter Lang 2008 (= Europäische Hochschulschriften /1. Deutsche Sprache und Literatur 1972).

Bauer, Gerhard: Nachwort. In: Kaus, Gina: Morgen um Neun. Mit einem Nachwort von Gerhard Bauer. Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms Verlag 2008 (=  Bibliothek verbrannter Bücher). S. 1-9.

Vollmer, Hartmut: Kaus, Gina. In: Metzler Lexikon der deutsch-jüdischen Literatur. Jüdische Autoren deutscher Sprache von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Hrsg. v. Andreas B. Kilcher. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler 2000. S. 301-303.

Weidermann, Volker: Das Buch der verbrannten Bücher. Köln: Kiepenheuer& Witsch 2008. S. 75-77.

Zur Information über weitere Sekundärliteratur zu Gina Kaus sowie eine Auflistung ihrer Werke und Drehbücher vgl. auch die Bibliografie in:

Malone, David H.: Gina Kaus. In: Deutsche Exilliteratur seit 1933. Band I. Kalifornien Teil 2. Hrsg. v. John M. Spalek, Joseph Strelka u.a. Bern/München: Francke 1976. S. 66-68.

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