Der Bestseller-Umweltaktivist

C_978-3-498-02132-0.inddNach seinem Erfolg mit Freiheit legt Jonathan Franzen nun mit Weiter weg einen Essayband vor, der erneut seine Fähigkeit zeigt, feinfühlig Menschen zu beobachten und detailgetreu Beobachtungen in Worte zu fassen. So wundervoll sein Erzählen auch ist, scheint sich sein Leben und Schreiben nicht von einem Thema lösen zu können: Vögel.

von SARAH HERHAUSEN

Prinzipiell widmet sich Franzen in seinen Essays verschiedensten Themen. So schreibt er im titelgebenden Kapitel Weiter weg über seine Reise auf eine einsame, entfernte Insel in der Nähe Chiles, Más Afuera, die auch als Isla Alejandro Selkirk bekannt ist, auf der er sich mit Robinson Crusoe von allen anderen abschottet, um seinen Freund zu betrauern – Schriftsteller David Foster Wallace. Über dessen Krankheit – Wallace litt unter starken Depressionen – schreibt er:

„Ungefähr ein Jahr danach beschloss er, die Medikamente abzusetzen, die seinem Leben über zwanzig Jahre lang Stabilität verliehen hatten. Auch hier gibt es wieder eine Menge unterschiedlicher Geschichten darüber, warum genau er sich zu diesem Schritt entschied. Eines aber machte er mir in einem Gespräch sehr klar, nämlich dass er die Chance haben wollte, ein normaleres Leben mit weniger irrwitziger Kontrolle und mehr normaler Freude zu führen. Die Entscheidung fußte auf seiner Liebe zu Karen, auf seinem Wunsch, etwas Neues, Reiferes zu schreiben, und darauf, dass er einen kurzen Blick auf eine andersartige Zukunft geworfen hatte. Es war ein unglaublich beängstigender und mutiger Versuch von ihm, denn Dave war voller Liebe, aber auch voller Furcht – er hatte einen allzu leichten Zugang zu den Tiefen unendlicher Traurigkeit.“ (S. 197)

Doch auch hier kommt der Hobby-Ornithologe Franzen nicht umhin, die Geschichte des armen, kleinen Más-Afuera-Schlüpfers zu erzählen, den er sich so sehnlich zu beobachten wünscht. Für Franzen ist der kleine Vogel, der nur auf dieser Insel lebt, Symbol für unberührte Natur und sein Anreiz, bedrohte Arten zu schützen.

In den Kapiteln Der leergefegte Himmel und Der chinesische Papageitaucher stehen Franzens liebste Tiere ebenso im Vordergrund der Geschichte. Er prangert das Fangen und Töten der verschiedenen Arten an, die entweder als Mahlzeit oder als ausgestopfte Dekoration enden oder, wie die Jäger behaupten, aus purer Freude und Traditionspflege gejagt werden. Sicherlich sind Franzens Absichten mehr als lauter, aber als Leser hat man oftmals das Gefühl, eine Aufklärungsschrift des WWF oder ein Sachbuch zur Ornithologie zu lesen, anstatt eines Essaybandes eines der besten Erzähler der Gegenwart. Und Franzen verarbeitet hier nicht das erste Mal die Rolle des Vorzeige-Umweltschützers. Bereits in Freiheit ist eine seiner Hauptfiguren, Walter Berglund, überzeugter Umweltaktivist und Schützer von Pflanzen und Tieren – und damit natürlich auch von Vögeln.

Jonathan Franzen, nutzen Sie Ihre Stellung und Verkaufszahlen zur Aufklärung der Menschheit? Möglicherweise könnte eine innige Freundschaft entstehen zwischen Ihnen, Herr Franzen, und T. C. Boyle, der mit seinem Roman Wenn das Schlachten vorbei ist  ebenfalls eine Diskussion über die Notwendigkeit vom Schutz der Arten und der Umwelt anfängt: Wer nicht töten will, muss auch die Ratte leben lassen, die arme, kleine, auf dem Waldboden lebende Vögel zum Frühstück verspeist.

Das ergäbe Freundschaft!

Franzen empfiehlt

Doch nicht nur bedrohte Tierarten stehen bei Franzen auf der Agenda. Durch ein halbes Dutzend Essays, die in einem feuilletonistisch-essayistischen Ton Bücher rezensieren, werden andere Autoren ‚vermarktet‘. Durch die Verarbeitung und Belobigung der Bücher werden diese Lesern empfohlen, denn wer denkt sich nicht: „Das wurde von DEM Jonathan Franzen empfohlen, das kann nur gut sein!“ Vormals weniger bekannte Autoren werden dadurch Belletristik-Lesern ans Herz gelegt, die sich in eine neue Sphäre der Buchstabenwelt vorarbeiten wollen.

Die Fragen „Was ist Literatur?“ und „Was macht einen Text zu Literatur?“ lassen sich in diesem Fall einfach beantworten. Hält die Gesellschaft die Texte für Literatur, sind sie das auch. Und Franzen erreicht genau das mit seinen Rezensionen in Weiter weg: Texte entwickeln sich durch die Behandlung in den Essays zu Literatur und werden einer breiten, (unwissenden) Masse empfohlen.

Schmaus und Graus

So sehr die dauernde Litanei über das Sterben von armen, bedrohten Vögeln auch langsam nervt, sind die meisten Essays in Weiter weg doch empfehlenswert. So schreibt Franzen auch über den inflationären Gebrauch von Handys. Die drei Wörter „Ich liebe Dich“ würden auch dadurch zu einer unpersönlichen Floskel werden: Wenn sie zu jeder Zeit, ohne die Situation, es seinem Gegenüber persönlich sagen zu können, in ungeheuren Lautstärken in Telefone gerufen werden, bei denen alle umstehenden Dritten alles mithören können.

Franzen schafft es eben, die Menschen in ihrem Tun zu beobachten und gleichsam zu wissen, was sie denken und darüber hinaus dieses Wissen mit anderen zu teilen, und diese anderen dafür zu begeistern, ihr eigenes Handeln und Denken zu reflektieren:

„Wir aßen alle drei schweigend. Mein Vater nahm den Kern einer Zwetschge aus dem Mund und ließ ihn in eine Papiertüte fallen, leicht mit den Fingern wedelnd. Er wünschte, er wäre noch bis Iowa City weitergefahren – Cedar Rapids lag noch nicht einmal auf halber Strecke –, und ich wünschte, wir säßen schon wieder im klimatisierten Wagen. Cedar Rapids kam mir wie der Weltraum vor. Die warme Brise gehörte zu jemand anderem, nicht zu mir, und die Sonne über unseren Köpfen erinnerte mich brutal daran, dass der Tag unerbittlich schwand, und die fremden Eichen in dem Park zeugten allesamt davon, wie tief wir uns im Nirgendwo befanden. Selbst meine Mutter hatte nicht viel zu sagen.

Aber wirklich endlos war erst die Fahrt durch Südost-Iowa. Mein Vater ließ sich darüber aus, wie hoch der Mais stand, wie schwarz der Boden war, wie dringend bessere Straßen vonnöten seien. Meine Mutter klappte die vordere Armlehne herunter und spielte Mau-Mau mit mir, bis ich es genauso leid war wie sie. Alle paar Meilen eine Schweinefarm. Noch eine Neunziggradkurve. Noch ein Lastwagen mit fünfzig Autos dahinter. […]

Eine weiße Sonne im Osten, eine weiße Sonne im Westen. Die Aluminiumkuppeln der Silos: weiß vor weißem Himmel. Es schien, als führen wir seit Stunden stetig bergab und rasten auf eine sich ständig zurückziehende grüne Pelzigkeit an der Staatsgrenze Missouris zu. Schrecklich, dass es immer noch Nachmittag sein konnte. Schrecklich, dass wir immer noch in Iowa waren. Wir hatten den gastlichen Planeten, auf dem meine Vettern und Cousinen lebten, hinter uns gelassen und donnerten Richtung Süden auf ein stilles, dunkles, klimatisiertes Haus zu, in dem ich die Einsamkeit nicht einmal mehr als solche erkannte, so vertraut war sie mir.“ (S. 312-313)

Ein durchaus empfehlenswertes Buch. Das nächste Mal aber bitte ohne bedrohte Tiere im Vordergrund, auch wenn es Franzens Herzensangelegenheit sein mag.

Jonathan Franzen: Weiter weg
Rowohlt, 368 Seiten
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3498021320
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Ein Gedanke zu „Der Bestseller-Umweltaktivist

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