Über Männer im Wochenbett, Transvestiten und die indische Freiheitsbewegung

Aufmarsch von NS-Studenten vor dem Institut für Sexualwissenschaft unmittelbar vor dessen Plünderung und Zerstörung am 6. Mai 1933

Aufmarsch von NS-Studenten vor dem Institut für Sexualwissenschaft unmittelbar vor dessen Plünderung und Zerstörung am 6. Mai 1933 Quelle Wikimedia

Hirschfeld (1868-1935): Der Sexualforscher begibt sich auf Weltreise, um Eherituale, Familientraditionen und Sexualkrankheiten verschiedener Kulturen kennenzulernen. Dabei steht ein Besuch im Prostitutionsviertel von Tokyo oder von Phallussymbolen in Indonesien ganz oben auf der Liste. Zurück in Europa konnte der Vordenker sexueller Bewegungen aus Furcht vor den Nazis nie wieder deutschen Boden betreten.

Von MAXI GÖDEL

So nachvollziehbar manche Themen der sexualwissenschaftlichen Weltreise sind, umso kurioser wirken so manch andere Riten. Der Erzähler Hirschfeld schildert zum Beispiel eine Situation, in der die Großmutter den Penis ihres Enkels nicht los lassen will, weil sie befürchtet, dass der Penis ansonsten schrumpfen würde. „Such jöng“ nennt sich die unter Chinesen verbreitete Furcht, das männliche Geschlechtsteil würde plötzlich in der Bauchdecke verschwinden. Auf seiner Forschungsreise trifft Magnus Hirschfeld auf viele weitere interessante Menschen und Bräuche.

Er selbst ist eine faszinierende Persönlichkeit, der sein Leben in den Dienst der Sexualwissenschaften stellte. Dabei wurde er zu einem Vordenker der Homosexuellen- und Transgender-Bewegung und anderer sexueller Bewegungen. Zunächst studierte er Sprachwissenschaften in Breslau und danach Medizin, 1892 promovierte er in Berlin zum Arzt. 1903/04 führte er statistische Untersuchungen zur sexuellen Orientierung unter Berliner Studenten und Metallarbeitern durch. Einige von den Befragten zeigten Hirschfeld wegen Beleidigung an, weswegen er 1904 auch verurteilt wurde. Seine Arbeit wurde stets als kontrovers angesehen, so meldeten Zeitungen 1920 fälschlicherweise seinen Tod, weil er bei einem Vortrag verletzt wurde. Er war unter anderem der Herausgeber der Zeitschrift für Sexualwissenschaften (Leipzig, 1908) und dem Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen (Leipzig, 1899-1923). Zu einer seiner größten Leistungen gehört der Aufbau des Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin, dessen gesamte Bibliothek am 10. Mai 1933 zusammen mit einer Büste Hirschfelds von nationalsozialistischen Studentengruppen auf dem Berliner Opernplatz verbrannt wurde. Mit dem Feuerspruch „Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, Für den Adel der menschlichen Seele!“ wurden seine Bücher den Flammen übergeben. Hirschfeld verfolgte die Bücherverbrennung in einem Pariser Wochenkino, denn er sah sich schon vor der Machtübernahme solchen Bedrohungen ausgesetzt, dass er nach seiner Weltreise 1931/32 nie wieder nach Deutschland zurückkehrte.

Spontan auf Weltreise

Da sich Hirschfeld mit Tabu-Themen wie Homosexualität, Geburtenkontrolle oder alternativen Formen der Sexualität beschäftigte, traf er Zeit seines Lebens auf Widerstand. Er wurde oft Opfer von Hetzkampangen, unter anderem von der antisemitischen Wochenzeitung Der Stürmer. Schon ab 1930 sah er sich seines Lebens bedroht. Als er sich 1931 auf eine Vortragsreise in die USA begab, kehrte er nicht zurück, sondern entschloss sich spontan zu einer Weltreise. Schon als er in den USA ankam, baten ihn viele Kollegen aus Asien weitere Vorträge zu halten. So reiste er durch Asien über Nordafrika zurück nach Europa. Dabei erkundete er Hawaii, Japan, Indonesien, Indien, das Rote Meer und Ägypten. In 500 Tagen hielt er überall auf der Welt, in Universitäten, in prunkvollen Fakultätsgärten oder in der Kombüse eines Kreuzers insgesamt 176 Vorträge. Davon handelt Die Weltreise eines Sexualforschers. Hirschfeld formuliert sein Ziel auch direkt am Anfang seines Buches: Er tritt für die „volle Verwirklichung sexueller Menschenrechte“ ein.

Hirschfelds Buch ist so faszinierend, weil die von ihm behandelten Themen nicht nur heute noch genauso aktuell erscheinen wie damals, sondern auch deswegen, weil anscheinend überall auf der Welt die gleichen Probleme auftreten. So setzt sich das erzählende Ich vehement für Geburtenkontrolle, Verhütung und Toleranz für Homosexualität ein. Allerdings wirkt die Sprache des Erzählers teilweise sehr befremdlich. An manchen Stellen betont er mit konkreten Beispielen, dass Mischlingskinder ganz „prächtig“ seien und bedient sich dem Vokabular von Rassenideologien. Auf seiner Weltreise hat er in allen Teilen der Welt immer wieder Europäer getroffen, die mit Einheimischen verheiratet waren.

Aus dem Reisetagebuch eines netten, alten Mannes

Je weiter man liest, desto mehr lernt man den Charakter „Hirschfeld“ kennen. Er bemüht sich wissenschaftlich zu bleiben, kommt aber einfach nicht umhin immer wieder seine eigenen Eindrücke und Gefühle zu vermitteln. Aus diesem Grund ist Die Weltreise eines Sexualforschers mehr als Reisetagebuch zu erachten, und damit als ein literarisches Werk und nicht als ein wissenschaftliches. Er schreibt recht gestelzt, aber genau das macht den Ich-Erzähler Hirschfeld sympathisch. Man bekommt den Eindruck eines netten, alten Mannes, der eine große Leidenschaft für sein Gebiet verspürt und in den „sexuellen Menschenrechten“ eine Notwendigkeit sieht. Hirschfelds Nettigkeit macht den Text allerdings über weite Strecken recht langweilig, weil die sexualwissenschaftlichen Inhalte zu kurz kommen. Hirschfeld ist sehr bemüht sich für die viele Aufmerksamkeit und Hilfe, die er durch seine interessierten Wissenschaftskollegen, Studenten, Frauengemeinschaften, Rotary Clubs oder Privatpersonen erhalten hat, zu bedanken. Aus diesem Grund behandelt das Buch seitenweise, wo er welche Vorträge gehalten und wer ihn beim Sightseeing begleitet hat. Auch erwähnt er immer wieder Menschen, bei denen er wohnen durfte oder die ihn bei der Stadtrundfahrt begleitet haben. Allerdings ist es auch teilweise sehr amüsant, etwas über die vielen verschiedenen Personen auf der ganzen Welt zu erfahren.

Beschneidung, Verschleierung, Zwangsprostitution

Obwohl der Autor nie direkt über sich selber schreibt, bekommt man den Eindruck, Hirschfeld als Charakter in seinem Reisetagebuch gut kennenzulernen. Der Sexualforscher wirkt für damals, aber auch vor allem für heutige Zeiten wahnsinnig tolerant und offen für neue Erfahrungen. Wenn man bedenkt, wie viele Homosexuelle oder Transgender Angst haben, sich öffentlich zu ihrer Sexualität zu bekennen oder wenn man daran denkt, dass ein katholisches Kölner Krankenhaus auch 2013 noch keine „Pille danach“ verschreibt, wirkt der Erzähler sehr fortschrittlich: So spricht Hirschfeld davon, dass Witwen in Indien in „erniedrigter Stellung“ leben und kritisiert auch das indische Kastensystem, in dem die unterste Klasse der Parias unmenschlich behandelt würde. Er beklagt, wie muslimische Frauen wie „Gefangene“ unter ihrem Schleier in speziellen Frauenzimmern leben. Der Erzähler verurteilt außerdem, dass japanische Eltern ihre Töchter für wenig Geld in Bordelle verkaufen. In Ägypten beschäftigt sich der Erzähler mit der medizinischen Notwendigkeit der Beschneidung und betont, dass die Beschneidung der Frau reine Verstümmelung sei.

Sehr interessant ist auch seine Kritik an Drogen. So verachtet er die weit verbreitete Opiumsucht von vielen Chinesen und die Haschisch-Abhängigkeit von vielen Ägyptern. Der Erzähler stellt fest, dass es die westlichen Mächte sind, die Drogensucht in Kauf nehmen, um Absatzmärkte zu schaffen.

An manchen Stellen wirkt es, als wäre das Buch heute geschrieben, wenn er zum Beispiel über die sexuelle Freiheit von Homosexuellen und Frauen oder Verhütung gegen Überbevölkerung und sexuellen Krankheiten schreibt. Er tritt bedingungslos für Toleranz gegenüber Homosexualität ein und beschäftigt sich im Besonderen Transvestismus, zum Beispiel mit männlichen Frauendarstellern in China und Japan.

Männliche Frauendarsteller

Hirschfeld definierte 1910 als Erster den Begriff Transvestit: „alle Menschen, die, gleich aus welchen Gründen, freiwillig Kleidung tragen, die üblicherweise von dem Geschlecht, dem sie körperlich zugeordnet sind, nicht getragen werden“. Heute wird dieser Begriff nicht mehr so allgemein formuliert. Hier wird deutlich, dass Hirschfeld eine Art Pionier auf dem Feld der Sexualforschung gewesen ist. Da „sexuelle Zwischenstufen“ eine Art Steckenpferd Hirschfelds sind, untersucht der Erzähler das Phänomen der männlichen Frauendarsteller sehr genau. Der Erzähler ging mit einigen Kollegen in mehrere Vorstellungen in China und in Japan und traf dabei berühmte Frauendarsteller wie Onoye Baiko oder Mei Lan Fang. Er unterscheidet die Darsteller in drei Gruppen: erstens ganz „normal geartete“ Männer, zweitens Transvestiten, die „aus der weiblichen Umkleidung selbst hohen Genuß schöpfen“ und drittens Homosexuelle. In diesem Zusammenhang wird die Theorie angedeutet, dass es eine „allgemeine bisexuelle Doppelnatur der Menschen“ gibt. Wie so oft im Buch wird der Gedanke leider nicht ausgeführt, weckt aber Interesse zur weiteren Recherche. Diese Ausführung ist ein Beispiel für den ambivalenten Charakter. Einerseits ist der Autor Hirschfeld von zeitgenössischen Rassenideologien beeinflusst und schreibt in rassistisch gefärbter Sprache. Andererseits tabuisiert der Autor das Thema „menschlicher Doppelgeschlechtlichkeit“ nicht und ist einer der ersten Wissenschaftler, der sich für Transvestiten, Homosexuelle und Transgender interessiert.

„Fort mit der Purdah!“

Der Erzähler verschwestert sich in Indien mit der Frauenbewegung und spricht sich gegen die Purdah aus. Mit Purdah ist die Verschleierung der Frau im Islam gemeint. In Indien leben viele Frauen völlig abgeschottet in eigenen Häusern oder Zimmern, die sie nie oder selten verlassen, und wenn dann nur total verschleiert. Hirschfeld spannt dabei den Bogen sogar noch weiter und setzt sich für die Unabhängigkeit von kolonialisierten Ländern von ihren Kolonialherren ein. Überall auf der Welt hat er sich mit Führerinnen der Frauenbewegung wie der Baroness Shidzue Ishimoto, Fusaye Ishikawa oder Alice Wu Ma getroffen. Gerade in Indien kam er zudem mit vielen Vertretern der Unabhängigkeitsbewegung um Mahatma Gandhi zusammen und skizziert die Gemeinsamkeiten der Bewegungen, die sich um politische Unabhängigkeit, Gleichberechtigung der Frau oder sexuelle Freiheit bemühen. Er argumentiert, dass die Freiheit nicht nur in der Natur des Menschen liegt, sondern auch des Menschen größtes Gut ist, das zählt nicht nur für die politische sondern auch für die sexuelle Freiheit. Ein zusammenfassendes Zitat:

„Das hohe geistige Niveau dieser ägyptischen Frauenrechtlerinnen ist wieder ein Beweis für die Anschauung, daß die geistige Bildungsfähigkeit eines Menschen weder vom Geschlecht noch Rasse abhängt, sondern nur auf individuellen endogenen und exogenen Lebensbedingungen (vorallem ererbter Anlage und Erziehung) beruht.“

Hochzeit innerhalb der Familie im damaligen Ägypten nicht ungewöhnlich

Obwohl der Autor sich vergleichsweise wenig mit Sexualwissenschaft auseinandersetzt, spricht Hirschfeld sehr viele interessante Themen an, die dazu anregen, sich über das Buch hinaus mehr damit auseinanderzusetzen. So erscheint das „Männerkindbett“, ein Ritual bei vielen Naturvölkern, besonders kurios. Nachdem ein Kind geboren wird, verkleidet sich der Vater wie seine schwangere Frau und verlässt das Wochenbett tagelang nicht. Es wird vermutet, dass damit böse Geister von dem Neugeborenen und der schwachen Mutter abgelenkt werden sollen. Ein aus evolutionsbiologischer Sicht besonders interessantes Thema ist das Inzest-Tabu, das im damaligen Ägypten nicht zu greifen schien. Aus der Geschichte ist es bekannt, dass es unter den Pharaonen durchaus üblich war inzestuöse Ehen einzugehen. Unter anderem war Kleopatra mit ihren Brüdern verheiratet. Der Erzähler berichtet, dass es auch unter nicht-adeligen Bürgern in Ägypten üblich ist, innerhalb der Familie zu heiraten. Er beschreibt unzählige interessante Sexual- und Heiratssitten rund um die Welt: Zum Beispiel war es in Japan nicht verpönt, sich zu prostituieren, sondern gehörte zur Gesellschaft dazu. In China herrschte in den 30ern noch die Vielehe, bei dem sich die Hauptfrau sogar selbst die Nebenfrauen ihres Ehemannes aussuchte.

Der tolerante Eindruck, den Hirschfeld von sich selbst gibt, spiegelt sich in seiner Biografie nicht unbedingt wider. So war der Autor unter anderem Mitglied der deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene und stand Ideen der Eugenik durchaus positiv gegenüber. Ebenfalls war er beispielsweise gegen die Fortpflanzung von Homosexuellen, weil dessen Nachkommen nur „degeneriert“ sein könnten (vgl. Herzer, 1992). Nach der Lektüre lohnt es sich nicht nur, mehr über Sexualwissenschaften zu recherchieren, sondern auch mehr über den ambivalenten Charakter Hirschfeld oder „Tante Magnesia“, wie sein Spitzname lautete, zu erfahren.

Hirschfeld, Magnus: Weltreise eines Sexualforschers, Ab – die Andere Bibliothek, Frankfurt am Main, 2006.

Literatur:

Herzer, Manfred: Magnus Hirschfeld. Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen. Frankfurt am Main, 1992. URL: http://www.sexarchive.info/BIB/herzer/#Einleitung.

Hirschfeld, Magnus (1901): Was muß das Volk vom dritten Geschlecht wissen! URL: http://www.giovannidallorto.com/testi/germa/whk/whk.html.

Magnus Hirschfeld Centrum Hamburg

Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft Berlin

Bundesstiftung Magnus Hirschfeld

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