Das Ende des Weltendes

Werner - Verhalten bei Weltuntergang   Cover: Nagel & KimcheMan könnte meinen, es gäbe kaum noch ein Buch, das sich nicht mit dem Weltuntergang beschäftigt. Klimawandel, Asteroiden, Alienangriffe – alles schon gesehen. Wer darüber reden darf, ist praktisch unbegrenzt – die üblichen Verdächtigen reichen von hochdekorierten Klimatologen über Hollywoodregisseure bis hin zu den religiös motivierten Predigern. Doch was, wenn man das Weltende nicht den Wissenschaftlern oder den Fanatikern überlassen will? Florian Werner gibt praktische Tipps für das Verhalten bei Weltuntergang.

von SOLVEJG NITZKE

So langsam nervt der Weltuntergang. Nichts kann man mehr machen, ohne dass man die ohnehin ernste Situation an den Rand der Apokalypse treibt – autofahren, einkaufen, in den Urlaub fliegen, essen, fernsehgucken und sogar lesen kann man nicht mehr guten Gewissens oder gar in Ruhe. Das Ende lauert überall, ob es die Ressourcenvernutzung, die Treibgasemissionen, verrückt gewordene Tiere, zu schlau gewordene Maschinen, Alieninvasionen, Asteorideneinschläge oder der gute alte Sittenverfall ist, irgendwas wird ‚der Welt, wie wir sie kennen‘ den Garaus machen und das möglichst bald! Warum sich also aufregen? Und vor allem – warum noch ein Buch darüber lesen? Macht man sich nicht irgendwann im Wortsinn verrückt?

Ganz bestimmt, aber bevor es vorbei ist, sollte es zumindest noch dieses eine Buch sein – es ist auch nicht so lang. Nicht nur, weil Verhalten bei Weltuntergang das Ende mit Humor nimmt (wie z. B. auch Tod aus dem All. Wie die Welt einmal untergeht von Philip Plait oder Exit Mundi. Die besten Weltuntergänge von Maarten Keulemans) oder endlich einmal sagt, was man denn nun tun soll, wenn es passiert (wesentlich praktischer geht es da z. B. bei Sam Sheridans Disaster Diaries: How I Learned to Stop Worrying and Love the Apokalypse zu), sondern weil es hier endlich gelingt, das Ende den Apokalyptikern zu entreißen.

Vom Ende her erzählen

Oft wird trotz vielfacher Versuche zahlloser Literatur- und Kulturwissenschaftler vergessen, dass „die Omen der Katastrophe […] sich zwischen den Zeilen unserer Bücher [verbergen]“. Aber die Annahme, dass das Lesen dieser Zeichen bzw. Bücher nicht nur etwas über eine wie auch immer geartete ‚kulturelle‘ Dimension der Apokalypse, säkular oder nicht, hinaus Erkenntniswert hat, verblasst oft angesichts der Reihe der „wichtigsten apokalyptischen Dinge, mit denen wir hier auf der Erde zu rechnen haben“ (Keulemans, S. 9). Üblicherweise werden diese ‚Dinge‘ denn auch katalogisiert, nach Wahrscheinlichkeit/Gefahrenpotential geordnet und schließlich mit dem Hinweis gerahmt, dass bis auf ein oder zwei der Szenarien (meistens Klimawandel und Asteroideneinschläge) eigentlich nichts davon so richtig akut sei. Beruhigt kann man dann das Buch zur Seite legen und das Leben seinen Gang nehmen lassen oder sich die von den Autoren vorgeschlagenen To-Do-Listen vornehmen und sich, wenigstens ein bisschen, an die Rettung der Welt machen.

Dieses Muster erstreckt sich über alle Genres, die sich mit dem Letzten befassen. Höchstens die Literaturwissenschaftler und z. T. auch die Literaten wählen lieber die vornehme Haltung der Neutralität – wovor sollten sie auch warnen? Werner gelingt es, sich diesem etablierten und erfolgreichen Muster zu entziehen und weder in den Ton apokalyptischer Warnprosa à la James Lovelock (Gaias Rache) oder Roland Emmerich (The Day After Tomorrow, 2012) einzustimmen, noch die feelgood-Apokalypsepornos der humoristischen Kollegen (Keulemans, Plait) zu reproduzieren, sondern eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. Indem er aber erzählt, verleiht er seiner Perspektive Gewicht. Die Spuren des Endes, oder sagen wir, die Omen, sucht er nämlich dort, wo sie nicht nur wirksam werden, sondern auch ihren Ursprung nehmen: in der besagten ‚Kultur‘. Nonchalant überbrückt er damit die Kluft zwischen den ‚zwei Kulturen‘ und verbindet Neuestes (z. B. Klimaforschung und Popkultur) mit Ältestem (religiösen Apokalypsen und Endzeitmythen aller Couleur). Der Faktenfetisch (populär)wissenschaftlicher Texte wird dabei ebenso entlarvt und entwaffnet wie die anstrengende Nichteinmischungshaltung geisteswissenschaftlicher Katastrophen- und Weltuntergangstexte, und das ohne – und darin liegt die Qualität dieses Buchs, darauf herumzuhacken. Werner erzählt eben nicht nur vom Ende und bleibt dort, er erzählt vom Ende her – von Ω bis Α und von der letzten zur ersten Seite – und erzählt also auch vom Anfang und vom Jetzt.

Auch schöne Bücher können Wichtiges sagen

Dass Verhalten bei Weltuntergang ‚anders‘ ist, zeigt sich schon in seiner Gestaltung: Einband, Satz und Lektorat (!!) sind hervorragend und anstatt mit Tabellen, Graphen und Abbildungen vollgestopft, ist dieses Buch mit den wunderschön schaurigen Illustrationen Nikolaus Heidelbachs bebildert, die eben nicht die Geschriebenen ‚Fakten‘ untermauern sollen, sondern wiederum eine eigene Geschichte von der Welt und ihren Monstern erzählen.

Wie aber passt das zusammen? Worum geht es eigentlich? Man könnte sagen, dass Werners Geschichte eine Art Making-of des Weltendes ist. Wer ruft das Ende aus? Wie kommt es? „Wie kann man berechnen, wann es stattfinden wird? Wie wird man ein guter Prophet der Apokalypse? Welche Tierarten werden sich in den Letzten Tagen in Bestien verwandeln? In welcher Himmelsrichtung liegt das Paradies? Wie sagt man Ich war’s nicht! auf Aramäisch?“. Gleichzeitig spielerisch und ernsthaft, gelehrt aber nicht belehrend zu sein, gelingt nur in ganz seltenen Fällen, noch weniger in Büchern und am allerwenigsten in Büchern über das Ende der Welt. Verhalten bei Weltuntergang aber erlaubt es, hin und her zu blättern, sich zu wundern, eine Menge zu lachen und sich am Ende oder am Anfang zu fragen, ob wir den Irrsinn der Apokalypse überhaupt brauchen (abgesehen vielleicht von ihrem Unterhaltungswert) und ob nicht doch noch Zeit ist, sich auch mal mit schönen Dingen wie eben diesem Buch zu beschäftigen. Vielleicht ist die Welt dann doch noch zu retten.

 

Florian Werner: Verhalten bei Weltuntergang.
Mit Bildern von Nikolaus Heidelbach.
Nagel & Kimche, 176 Seiten
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-312-00581-9

 

Weltuntergangsliteratur (Auswahl)

Marten Keulemans: Exit Mundi die besten Weltuntergänge. München (dtv) 2010.

Philip Plait: Tod aus dem All. Wie die Welt einmal untergeht. Reinbeck bei Hamburg (rororo) 2010.

Sam Sheridan: The Disaster Diaries. How I Learned to Stop Worrying and Love the Apocalypse. London (Penguin Press HC) 2013.

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