Auf einen literarischen Meeresfruchtcocktail 41. KW

Abgetrennter Krakenarm   Bild: Katharina Richter

Gestatten: Hemgesberg. Ich lade Sie hier und heute auf den literarischen Meeresfruchtcocktail der vergangenen Woche ein – kleine, glibbernde Häppchen aus dem Literaturbetrieb. Setzen Sie sich, es ist genug geschehen in dieser Welt der bibliophilen Wahnsinnigen, damit wir ein wenig plaudern können: Deutscher Buchpreis, Buchmesse, Hotlist, Nobelpreis und Momente in Sachen Mode.

von NADINE HEMGESBERG

Dass Meeresfrüchte eine ganz heikle Angelegenheit sein können merkt man spätestens dann, wenn man nach dem Verzehr der Fischdelikatessen kotzend mit einer Lebensmittelvergiftung über der Kloschüssel hängt. Krabbencocktails oder anders aufbereitetes Meeresgetier sind mir zwar auf der Frankfurter Buchmesse eher weniger begegnet, die dauerpräsente Kampfansage an die große Krake Amazon hingegen hallt wenig subtil über das Messegelände.

Idealistisch, traditionell, Verkaufsargument, Finanzierung für weitere Buchprojekte, Existenzsicherung von AutorInnen: Literaturpreise können vieles sein. Die ganze Bandbreite des Preisspektrums wird in und um die Buchmessenzeit herum verliehen, so auch der Deutsche Buchpreis, der seit 2005 als quasi Auftaktveranstaltung der Frankfurter Buchmesse fungiert. Der Festsaal des Frankfurter Römers bietet dem Spektakel ein Zuhause, alles ist bestens choreographiert, Herr Prof. Dr. Gottfried Honnefelder betritt das Rednerpult: Das Schnaufen und Ächzen, das jegliche Nennung eines/einer möglichen Preisträgers/Preisträgerin des Deutschen Buchpreises 2013 zur asthmatisch ins Mikrofon gestöhnten Qual macht, raunt durch den Saal. Von Literaturpreisen als Leuchttürmen ist hier die Rede: so idealistisch wie nervtötend. Terézia Mora gewinnt diese Auszeichnung und erzählt allerlei verrücktes Zeug in ihrer Dankesrede. Es sind durchaus gemischte Stimmen zu diesem Juryurteil zu hören, Teile der Berufskritikerzunft machen keinen Hehl aus ihren wie auch immer gearteten Abneigungen und Animositäten. So merkt man recht schnell, dass Denis Scheck kein wirklicher Fan von Moras herbeikonstruiertem Depressions-Duett ist. So richtig dreht Scheck allerdings erst auf, wenn die Sprache in seiner Best of Druckfrisch Ausgabe auf der Messe auf Paulo Coelho fällt. Da ist dann plötzlich nichts mehr „sensationell“, weder Handlung noch Charakterzeichnung, Paulo Coelhos Alchimist wird kurzerhand als Antiliteratur bezeichnet. Eine Frau vor mir, die sich scheinbar aufs höchste mit der „Wohlfühl-Eiapopeia-Literatur“ identifizieren kann und ihr philosophisches Seelenheil daraus gezogen hat, echauffiert sich wild auf dem Drehstuhl herumjuckelnd, von einer Pobacke auf die andere, immer rhythmisch begleitet mit Lauten der Empörung: „Nein!“ – „Zsssssss!“ – „Paaah!“

Die schwedische Akademie hingegen haut endlich mal eine Platzierung für einen hoch gehandelten „Buchmacher-Autoren“ heraus und prämiert die „Meisterin der Kurzgeschichte“, die 82-jährige Kanadierin Alice Munro, mit dem Literaturnobelpreis und lässt alle Murakami-Fans wieder heulend in der Ecke babbeln: Warum nur? Warum?

Andere Szene: Was ist wohl Trumpf, wenn sich alternativ dunkel gekleidete Menschen mit großen schwarzen Brillen oder Hornimitat auf der Nase in einen Raum des Literaturhauses Frankfurt pressen? Die leger-hippsterige Bande wartet kollektiv gutaussehend auf die Prämierung der Hotlist: Was so bemerkenswert stilsicher daher kommt ist die Preisvergabe für Bücher aus unabhängigen Verlagen. Dass es am Ende Wsewolod Petrows Erinnerungsstück Die Manon Lescaut von Turdejaus dem Weidle Verlag wird, hatte wohl eher eine kleine Minderheit auf dem Schirm. Der Brasilianer Luiz Ruffato, erschienen im Assoziaton A Verlag, ging ebenso leer aus wie luxbooks mit Amy Hempels Ernte. Die Edtition Nautilus erhält noch für Abbas Khiders Roman Brief in die Auberginenrepublik den Melusine-Huss-Preis.

Und zu guter Letzt: Wenn schon von Mode die Rede sein soll, dann doch auch von Barbara Vinkens Beobachtungen zum Kleidungsstil von Harald Martenstein. Der „authentische“ Mann – was immer sie uns damit sagen will – von heute trüge lässig Schal und verwegen, eher dem Künstlermilieu entsprungenes langes Haupthaar. Dass nicht nur der karierte Harald Martenstein-Gedächtnisschal ein Hingucker ist, kann man auf dem eigens eingerichteten Modetumblr zur Buchmesse bestaunen. Ein herrlicher Kolumnenschmäh dazu auch auf dem FAZ-Blog von Andrea Diener.

Und in der nächsten Woche erholen sich alle von den Messen und Preisen und schreiben ganz viel Quatsch in den Feuilletons. Häppchen alle, auf Wiederlesen.

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