Living next door to Alice

Alice Munro - Tricks   Cover: S. FischerZum ersten Mal geht der Literatur-Nobelpreis dieses Jahr nach Kanada, an eine Autorin aus dem tiefsten Ontario: Alice Munro. Ihre Geschichten sind so alltäglich erzählt, dass jeder sie versteht – und so gut erzählt, dass jeder sie lesen sollte.

von STEPHANIE HEIMGARTNER

Leute aus der Provinz bevölkern von Anfang an Alice Munros Bücher. Ein Vater, der „Hustensaft, Eisentinktur, Hühneraugenpflaster, Abführmittel, Tabletten gegen Frauenbeschwerden, Mundwasser“ und mehrere Dutzend anderer Kleinigkeiten an der Haustür verkauft. Eine Stiefmutter, die aus etlichen Linoleumresten einen Küchenfußboden zusammenflickt. Handlanger, Bauern, Teenager, die sich mit dem Ausnehmen von Truthähnen etwas Taschengeld dazuverdienen, Männer, die einer Saisonarbeit als Matrosen nachgehen, der Metzger, der seine Kinder verdrischt. Es sind arme Leute, die teilweise unter primitiven Umständen leben. Aber anders als in vielen Erzählungen anderer Autoren wird die Jugend in der Provinz nicht als beklemmend geschildert. Vielmehr lässt die Erzählerin nie einen Zweifel daran, dass die Beklemmung ein Gefühl ist, das sich erst in der Rückschau einstellt.

In den späteren Büchern gibt es dann auch bürgerlichere, städtische Figuren; Hausfrauen mit intellektuellen Ambitionen, Golf spielende Männer, junge Leute mit Stipendien. Doch der Wohlstand verändert nicht, was die Menschen in diesen Geschichten kennzeichnet: ein nüchterner Blick auf die Welt und ein skeptischer, fast resignierter auf sich selbst.

Keine postmodernen Mätzchen

Munros Erzählungen gliedern sich in unterschiedliche Episoden, die in verschiedenen Lebensphasen der Hauptfiguren spielen. Mit großer Intensität werden entscheidende Tage oder Wochen im Leben der zumeist weiblichen Hauptfiguren geschildert: der Auszug von zu Hause, die Entscheidung zu heiraten, der Ausbruch aus der Ehe, der Tod der Mutter. Dann wiederum werden große Zeitspannen übergangen, und die Erzählung setzt erst an einem Lebenspunkt wieder ein, an dem die Protagonistin ihre Vergangenheit völlig neu bewertet: In „Bald“ aus dem Band „Tricks“ erkennt Juliet, dass es sie nichts gekostet hätte, Sara vor deren Tod das tröstende Wort zu sagen – aber stattdessen hat sie es in der Situation vorgezogen, die Küche aufzuräumen. Rose begegnet ihrem Ex-Ehemann Patrick zufällig auf einem Flughafen – und sie, die sich immer für harmlos hielt, erkennt erst in seinem hasserfüllten Gesicht ihre eigene Boshaftigkeit („Das Bettlermädchen“). Ehrlich zu sich selbst zu sein, so hat Margaret Atwood über Munros Charaktere geschrieben, wird für sie zur Bedingung des Überlebens.

Munros Geschichten schildern das, was zwischen Menschen geschieht, zwischen Müttern und Töchtern, Freundinnen, Eheleuten, Geliebten, und sie beschreiben es, egal, wie weh es tut, mit großer Genauigkeit. Ihr Stil ist nüchtern realistisch, ohne postmoderne Mätzchen, mit klassischen Handgriffen, Aussparungen und wenig raffiniertem Vokabular, das gänzlich ohne psychologischen Jargon auskommt.

Was heißt hier Kurzgeschichten?

Immer wieder, sogar in der Begründung der Svenska Akademien, steht zu lesen, Alice Munro sei die Meisterin der Kurzgeschichte. Aber sie schreibt gar keine kurzen Geschichten, zumindest keine im Sinne der klassischen Short Story, weder was die Länge, noch was die Pointierung angeht. Dennoch hat jede Geschichte ihre zwingende Dramaturgie, die jedoch statt um einen zentralen Moment um mehrere kreist: Eine junge Frau entscheidet sich, das Elternhaus oder den Ehemann zu verlassen, mit großen Hoffnungen oder völlig verzweifelt. Die Geschichte zeigt, wie unter dem Brennglas, die Intensität dieses Moments – und führt uns die gleiche Frau 30 Jahre danach vor, wie sie erkennt, dass sie noch immer mit allem verbunden ist, was sie stets verweigert hat. Wie hoch war der Preis der Freiheit? Gefühle überwältigen sie, die sie nicht vorausberechnet hatte, zum Beispiel eines, das erstaunlicherweise erst in den späteren Lebensjahren seine volle Wucht entfaltet: Scham. Kurzgeschichten sind es also nicht, vielleicht eher Erzählungen, möglicherweise braucht es auch jetzt keine genaue Bezeichnung mehr, denn mit dem Nobelpreis dürften sich alle Fragen darüber, wie denn solch genremäßig unorthodoxe Texte zu vermarkten seien, zunächst einmal erledigt haben.

Besser spät als nie

Der Preis geht an eine hartnäckige Frau. Schon in der Schule glänzte Alice Munro, bekam ein Stipendium fürs College und heiratete trotzdem mit 20 Jahren, ohne ihr Studium abzuschließen. Munro ist ihrem Mann nach British Columbia gefolgt und hat vier Töchter geboren, während sie gleichzeitig nie aufhörte zu schreiben und bald auch begann, ihre Geschichten zu veröffentlichen. Im Jahr 1973 trennte sie sich von ihrem ersten Mann und kehrte mit zwei Töchtern nach Ontario zurück, ab 1975 lebte sie mit Gerald Fremlin, den sie später heiratete, in der Gegend von Clinton. Dieses Jahr ist sie Witwe geworden, und über die Ehrung zeigte sie sich – was sonst – überrascht und dankbar und sagt, sie hoffe auf mehr Aufmerksamkeit für die kanadische Literatur. Wer mit dem Kennenlernen bei der Preisträgerin selbst beginnen möchte, dem dürfte das nicht schwerfallen: Ihre dreizehn Erzählbände liegen mit Ausnahme des letzten, „Dear Life“ von 2012, bereits auf deutsch vor, zumeist in wunderbaren Übersetzungen von Heidi Zerning. Auch den einzigen Roman gibt es hierzulande schon zu lesen. Von ihrer Heimatstadt, wo die 82-jährige Preisträgerin unweit ihres Geburtsortes Wingham auf einer Landzunge zwischen den großen Seen lebt, wird sie im Dezember also noch einmal eine Reise antreten nach Stockholm. Bleibt nur, mit den Worten der Autorin zu konstatieren: „Oh, well, she said, better late than never. I was sure I’d see you someday“ (Alice Munro. Friend of my youth, S. 4)

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3 Gedanken zu „Living next door to Alice

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