Wo ‚Paradies‘ draufsteht, ist nicht unbedingt ‚Paradies‘ drin

Sofka Zinovieff: Athen, Paradiesstraße   Cover: dtvMarcel Proust sagte einst: „Das einzige Paradies ist das verlorene Paradies“. Das trifft auch auf das House on Paradise Street in Sofka Zinovieffs Roman zu. Seit der deutschen Besetzung Griechenlands im 2. Weltkrieg, dem Bürgerkrieg und der Oberisten Diktatur ist das Leben in Griechenland nicht mehr dasselbe. Ein tiefer Riss spaltet das Land und in der Paradies Straße sogar eine ganze Familie.

Von VERENA SCHÄTZLER

Athen 2008: Vor 60 Jahren hat Antigone Perifanis ihren Sohn, den Journalisten Nikitas, verlassen. Ein Brief ihrer Schwiegertochter Maud bringt sie zurück ins House on Paradise Street, um Nikitas’ Beerdigung beizuwohnen. Doch warum hat sie einst den Neuanfang in Moskau gewählt und ihren Sohn verlassen? Warum geht sie selbst bei diesem schweren Schicksalsschlag ihrer restlichen Familie aus dem Weg? Diese Fragen gesellen sich zu denjenigen, die Maud nicht loslassen: Wie starb ihr Mann? Warum setzte er sich in der Nacht seines Todes angetrunken ans Steuer? Maud vermutet einen Zusammenhang mit Nikitas’ letzten Nachforschungen für sein neues Buchprojekt: Er untersuchte den griechischen Bürgerkrieg und die Folgen der britischen Interventionen. Sie stellt ihrerseits Nachforschungen an und muss erkennen, dass Nikitas selbst, wie seine ganze Familie – und allen voran seine Mutter – Teil der griechischen (Unglücks-)Geschichte ist.

Zwei Leben in den Wirren der griechischen Geschichte

Das Leben in Griechenland ist im vergangenen Jahrhundert nicht leicht gewesen und für die Bevölkerung ist die Geschichte Griechenlands immer gegenwärtig. Die Besetzung des Landes durch die Wehrmacht im 2. Weltkrieg, der Bürgerkrieg und die Oberisten-Diktatur gehören zu den Altlasten des vergangenen Jahrhunderts, die jede griechische Familie zu tragen hat. Dazu kommen die aktuellen Unruhen, die das Leben zusätzlich verkomplizieren. So auch in der Paradiesstraße. In Zienovieffs Roman schildern die beiden Protagonistinnen Maud und Antigone ihr Leben innerhalb der griechischen Geschichte. Allerdings ist diese so komplex, dass es schwierig ist, all die Daten und Ereignisse nicht durcheinander zu werfen. Damit dies nicht geschieht, lässt Zinovieff abwechselnd Maud und Antigone über die Ereignisse in der jeweiligen Zeit berichten.
Maud schildert die Gegenwart: Perspektivlosigkeit unter der Bevölkerung, Demonstrationen und Straßenunruhen, die in dem Tod des 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos gipfeln. Dieser wurde am 6. Dezember von einem Polizisten durch einen Schuss getötet.
Antigone erzählt von der Vergangenheit:
Der Verehrer ihrer Schwester beschaffte als Informant der deutschen Besetzer Geld und Nahrungsmittel, während Antigone sich auf die Seite der Partisanen schlug. Auch später war sie für die Dauer des Bürgerkrieges im Untergrund aktiv und nach einem Gefängnisaufenthalt gegen Ende entschied sie sich, das Land zu verlassen.

Politisch links oder rechts – eine Entscheidung mit zum Teil schwerwiegenden Konsequenzen

Vor seinem Tod arbeitete Nikitas Perifanis an einem Buch über die Griechisch-Englischen Beziehungen im Allgemeinen und während des Griechischen Bürgerkriegs im Besonderen. Bereits während der Deutschen Besetzung spaltete sich der griechische Widerstand zwischen der kommunistischen linken ELAS und der rechten, teils republikanischen, teils monarchistischen, EDES. Diese Spaltung führte im Anschluss zum Bürgerkrieg zwischen diesen Parteien. So beschreibt u.a. David H. Close in The Greek Civil War, 1943-1950 die ‚3 Runden’ der Auseinandersetzung zwischen Linken und Rechten, wobei der von Zienovieff aufgegriffene Bürgerkrieg (1946 bis 1949) die 3. Runde darstellt. Die erste Runde erfolgte von 1943 bis Oktober 1944 während des Widerstands im Zweiten Weltkrieg mit Auseinandersetzungen innerhalb der Widerstandsgruppen, die zweite Runde gipfelte am 3. Dezember 1944 in der sogenannten Dekemvriana.
Nach Abzug der deutschen Truppen Ende Oktober 1944 wurde Athen erst von der ELAS übernommen und verwaltet bis sie am 14. Oktober 1944 von britischen Truppen abgelöst wurde. Im Anschluss daran verschärften sich die Spannungen zwischen der
kommunistischen ELAS und den rechtsgerichteten Kräften in der Regierung, der EDES und dem Militär. Die griechische Regierung erhielt dabei britische Unterstützung in Form von Wirtschafts- und Militärhilfe, verlor aber anschließend aufgrund einer geheim gehaltenen Vereinbarung zwischen Churchill und Stalin einen Großteil ihrer Autonomie und Griechenland wurde der britischen Einflusssphäre zugeteilt. Der Konflikt eskalierte am 3. Dezember 1944 in der Dekemvriana (auch Schlacht um Athen genannt). Die Stationierung britischer Truppen auf griechischem Boden wurde im weiteren Verlauf der Ereignisse immer mehr zum Streitpunkt zwischen der ELAS, die den Abzug der Truppen ab 1947 immer lauter forderte, und der Regierung.

Perfidious Albion“

Auch Nikitas Perifanis sah die britischen Interventionen während des Bürgerkrieges eher kritisch. In seinen Augen verfolgten die Briten neben der Deeskalation auch eigene Interessen, er ging sogar soweit zu sagen die Engländer provozierten den Bürgerkrieg. Für ihn hatten die Einmischungen der Briten (wie die meisten Griechen nennt er sie nicht Briten, sondern Engländer), Methode: „Whenever you look in the world and pick a troubled place with civil war or terrorism, you’ll often find the English had something to do with it.“ Wie er aber bei seinen Nachforschungen unerwartet feststellt, hatten die Briten auch etwas mit seiner persönlichen Familiengeschichte zu tun. Diese Erkenntnis erschüttert ihn in den Grundfesten seiner Existenz.

Das wiedererlangte Paradies

Sofka Zinovieff hat mit The House on Paradise Street ein großartiges Familiendrama herausgebracht. Vor dem Hintergrund der griechischen Geschichte wird der Leser Zeuge einer sehr komplexen Vergangenheitsbewältigung. Dabei erfährt er nicht nur die Zusammenhänge der historischen Ereignisse im Griechenland des 20. Jahrhunderts, sondern erhält nebenbei auch Einblicke in das griechische Privat- und Familienleben.
The House on Paradise Street ist ein Roman, der mit sehr viel Liebe zum Detail, viel Atmosphäre und noch mehr Lokalkolorit geschrieben wurde. Die griechische Mentalität, die bis heute auch den Umgang mit Touristen und Menschen anderer Nationalität prägt, hat Zinovieff sehr gut eingefangen. In seiner Eigenschaft als Familienepos, das sich über mehrere Jahre hinzieht, bleibt die Lektüre erstaunlich kurzweilig, was Zinovieffs Sinn für Spannungsmomente und erzählerische Ökonomie geschuldet ist. Der Roman lebt von den gegensätzlichen Lebenswegen Antigones und deren Schwester Alexandra sowie den historischen Ereignissen, die Mauds und Antigones Handeln beeinflussen.

Sofka Zinovieff: The House on Paradise Street
Short Books, 382 Seiten
Preis: 7,99 £
ISBN: 978-1-78072-091-3
Deutsche Übersetzung von Eva Bonné:
Sofka Zinovieff: Athen, Paradisstrasse
DTV, 420 Seiten
Preis: 15,90 €
ISBN: 978-3-423-24969-0
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