Auf eine literarische Wurstkrokette KW 42

Liegen schwer im Magen: Brocken aus dem Literaturbetrieb und Wurstkroketten Quelle: User Kawu Wikimedia

Gestatten: Hemgesberg. Ich lade Sie hier und heute auf die literarische Wurstkrokette der vergangenen Woche ein – geteilt in kleine, fettige Häppchen aus dem Literaturbetrieb. Setzen Sie sich, in der Katerwoche nach der Messe ist genug geschehen in dieser Welt der LiteratInnen und „Ich habe da noch etwas in der untersten Schublade, ja, die mit den Spinnweben, aber das können wir jetzt mal raushauen, die Leute kaufen ja eh jeden Schund“-AutorInnen, damit wir ein wenig plaudern können: eine Neuseeländerin im Höhenflug, Authentizitätsplaudereien, Liebe und Sex, Paul Auster und das Leistungsschutzrecht.

von NADINE HEMGESBERG

Von einem langen Garprozess oder – hielte man ihr generös altväterlich ihre Jugend vor, wie es Feuilletonisten manchmal gerne tun (Stichwort Helene Hegemann: Den Skandal münzte Iris Radisch damals in eine „feministisch inspirierte Herrenfeuilletonschelte“ um, so Marc Reichwein zusammenfassend in der WELT) – einem langen Vorgang der Reifung, kann nicht die Rede sein. Immerhin handelt es sich bei der diesjährigen Man-Booker-Preis Gewinnerin Eleanor Catton um die jüngste Preisträgerin, die es bei dieser Auszeichnung je gegeben hat. Mit ihren knapp 28 Jahren konnte die Neuseeländerin mit dem Roman Luminaries, in dem es auf 800 Seiten um den neuseeländischen Goldrausch zur Mitte des 19. Jahrhunderts geht, die Jury im Sturm erobern. Catton ist nach Keri Hulme erst die zweite Neuseeländerin, die den Preis überreicht bekam. Dass man aus diesem Stoff – Liebe in Zeiten des Goldrausches – nicht nur süffige Kiwischmonzetten mit Herzschmerzgarantie und Hausfrauenprosa machen kann, ist damit unter Beweis gestellt. Sarah Lark und ihre zugegeben (denn auch ich bin Opfer leichter Unterhaltung) recht eingängigen Geschichtchen bekommen nun preisgekürte und nur vermeintliche Genrekonkurrenz, schließlich könnten die Umsetzungen nicht unterschiedlicher sein.

Hätte, hätte, Fahrradkette oder eben Wurstkrokette

Ein ganz schön schlecht verdauliches und fettiges Häppchen ist das von der FAZ gegen buch.de angestrebte und bald zu erwartende Gerichtsurteil zum Leistungsschutzrecht, das vor allem die Verwendung und Lizenzierung von Rezensionen im Sinn hat. Laut Gregor Dotzauer im Tagesspiegel scheint es sich um eine sichere Sache zu handeln, dass das Urteil zu Gunsten der FAZ ausfallen wird und zukünftig auch Ein-Wort-Sätze aus Kritiken von den Verlagen gekauft werden müssen. Die Schriftstellerin Cornelia Travnicek twitterte von einem positiven Effekt:

Was hier so salopp als positiver Einfluss gewertet wird, ist aber vielleicht ein Schuss ins Knie der ganzen Branche. Juristische Fehden, Unsicherheit und „panisches Löschen von Pressezitaten“ ist zu erwarten, auch kleinere Blogs könnten vom Lizensierungswahn stärker betroffen sein als bisher vermutet.

Authentizitätsplaudereien

Dass gefühlt ALLE Frauen bei einer Ian McEwan-Lesung zum Signiertischchen rennen, berichtete mir jüngst eine Freundin, die mit schauerndem Amüsement von der Authentizitätslüsternheit und den „Wie können Sie am Abendbrottisch sitzen, wenn Sie zuvor den ganzen Tag im Kopf eines Mörders waren“-Fragen berichtete. Auch Jo Lendle brachte seine diesbezüglichen Beobachtungen in einem Facebookposting auf den Punkt:

Worauf Julya Rabinowich erwiderte: „besonders schön [sei] die Frage nach dem Autobiografischen, wenn man gerade von einer alternden, in den Wahnsinn abgleitenden Prostituierten mit Hang zu Gewalt vorgetragen [habe].“ Und während sich einige nur noch genervt von dieser ewigen Authentizitätsdebatte zeigen, haut der große Paul Auster nun ein Schubladenwerk nach dem anderen raus und gibt dem Affen richtig Zucker. Auch wenn er die Exhibitionistenprosa-Zeitgeist-Poetologen-Nummer mit einem Schuss Fiktion abrundet, rollt die Marktmaschine „Autobiografie“ doch an wie sonst nix: „this four-part work answers the challenge of autobiography in ways rarely, if ever, seen before“ ist in der Ankündigung zu lesen.

Und nun … Erfreuliches

Der MDR/SWR hat den Arsch in der Hose, das wunderbare Aufklärungsbuch Make Love in ein TV-Format (Internet & Radio inklusive) zu übertragen und mit ästhetischem Blick und gut gestellten Fragen der Sexualität und ihren Problemen auf den Grund zu gehen. Die sehr gute Vorlage in Buchform von Ann-Marlene Henning, die auch das TV-Produktion als Paartherapeutin und Sexologin begleitet, und Tina Bremer-Olszewski lässt nur Gutes erahnen (meint auch Anne Hähnig in der ZEIT).

Und in der nächsten Woche – ach, was weiß ich schon über die Zukunft. Lassen Sie sich also überraschen, irgendwas wird schon passieren. Häppchen alle, auf Wiederlesen.

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