Das Spiel des Lesens

wareEin bekanntes Gesellschaftsspiel inszeniert das Leben als Aneinanderreihung glücklicher Zufälle. Es geht um den möglichst besten Bildungsweg, um das dickste Jahresgehalt, um Statussymbole wie Yachten und Privatjets. Wer am Ende das meiste Geld hat, ist zufrieden und gewinnt das Spiel des Lebens. Chris Ware, der Meister der gezeichneten Depression, zeigt uns in Building Stories die andere Seite, ohne auf das Spielerische zu verzichten.

Von HANNAH KONOPKA

Was man da in der Hand hält, ist verpackt wie ein Brettspiel: In einem stabilen Pappkarton liegen zahlreiche Einzelblätter, Broschüren, Büchlein, großformatige Papierbögen und eben ausklappbare Pappbretter – allesamt Comics, die keine klare Lesereihenfolge vorgeben. Auf und in diesen Einzelteilen (auch auf dem Verpackungskarton findet sich ein kurzer Comic) erzählt Ware fünf Geschichten aus verschiedenen Perspektiven. Alle Handlungsfäden laufen zusammen in einem einzigen Mietshaus, das selbst als Erzähler in Erscheinung tritt. Wenn Wände reden könnten: Hier erleben wir, wie zwei Menschen ihre Beziehung zugrunde richten, weil sie nicht miteinander reden; wie die alte Vermieterin durch ein gestörtes Verhältnis zur Mutter letztendlich ihren Lebensabend allein verbringt. Der schusselige Branford ist die Reinkarnation einer anderen zentralen Figur aus Wares Gesamtwerk: Jimmy Corrigan, dessen Geschichte Anfang des Jahres durch die Erstübersetzung auch hierzulande großen Zuspruch gefunden hat, ist laut Untertitel der „klügste Junge der Welt“. Ware nimmt den Hoffnungsschimmer, mit dem das Buch endete, wieder auf und erzählt die Geschichte im Mikrokosmos einer Biene weiter. Hier gründet die „beste Biene auf der ganzen Welt“ eine Familie mit dem Weibchen, das, wie schon Jimmys Bekanntschaft, große runde Brillengläser trägt. Hin- und hergerissen zwischen ihr und seinem Drang, sich mit der Königin zu paaren, entfaltet Branford als Figur das tragikomische Potenzial, das auch Jimmy Corrigan geprägt hat. Das lustig Traurige geht aber spätestens im Haupthandlungsstrang wieder verloren: Beziehungen, Liebe und Sex sind keine abstrakten oder absurden Vorstellungen mehr, sondern Teil der kalten Realität des Comics. Die namenlose Protagonistin, die durch ihre Unterschenkelprothese erkennbar ist, durchlebt eine tiefe Depression. Die einzelnen Hefte und Büchlein, die sie zur Hauptfigur machen, widmen sich jeweils einem kurzen zeitlichen Abschnitt ihres Lebens und einer wichtigen Beziehung: zu ihrem ersten Freund, zu ihrer Mutter, zu ihrem späteren Ehemann, zu ihrer Tochter. Ihr Weg verläuft alles andere als gerade, wie es uns etwa das Spiel des Lebens suggeriert, in dem man erst Abitur macht, dann Anwalt wird, Aktien kauft und auf dem Alterswohnsitz landet. Nach Abbruch ihres Kunststudiums ist sie vollkommen orientierungslos und allein. Einmal mehr führt Chris Ware hier vor, wie spürbar er in seinen Comics Gefühle und Stimmungen vermitteln kann.

Kunstwerk in Bewegung

Wares stressgeplagte Figuren sind offene Bücher, auch wenn sie selbst kaum ein Wort herausbringen. Ihre Gesichter bestehen aus kaum mehr Elementen als zwei Punkten, einem Komma und einem Strich, und doch enthalten sie die ganze Welt. Genau diese reduzierte Form ist es nämlich, die sie so leicht lesbar macht wie Worte. Wie Worte vermitteln sie eine eindeutige Botschaft, die jeder für sich selbst erkennt. Sie provozieren die empathische Anteilnahme geradezu, können traurig machen, zum Nachdenken oder Schmunzeln bringen. Auch formal fordert Ware zum eher gefühlsgeleiteten, intuitiven Lesen heraus: Indem er die lineare Bilderabfolge stellenweise durch sehr viel freiere Gestaltungsweisen ersetzt, öffnet er den Blick für größere Zusammenhänge. Die Seitenstruktur seiner Building Stories erscheint hier als Diagramm, als narrative Mind Map; dort als wegweisende Collage aus Worten und Bildern. Die Zusammenstellung verschieden formatiger Comiceinheiten macht Wares Geschichte zu einem echten Kunstwerk in Bewegung, wie es Umberto Eco in den 1960er Jahren definiert hat. Als Weiterführung seines Begriffs des offenen Kunstwerks, das den Interpreten die letztendliche Form des Kunstwerks selbst bestimmen lässt und ihm keinen klaren Ansatz vorgibt, ist das Kunstwerk in Bewegung darauf ausgelegt, nicht nur gedanklich, sondern auch physisch erst vom Rezipienten vollendet zu werden. Der Titel Building Stories ist demnach im zweifachen Sinne zu verstehen: Einerseits handelt es sich um die Geschichten, die sich in und um ein einziges Gebäude abspielen. Andererseits wird der Leser selbst zum Architekten, der nach eigenem Empfinden alle Einzelteile zusammensetzen kann.

Ware erzählt seine Comicgeschichten auf eine Weise, für die noch kein Begriff gefunden zu sein scheint. Anders als die direkte Folge von Bild auf Bild entwirft er in seinen Werken einen übergreifenden Gesamteindruck, der nicht direkt auf die Entwicklung einer geraden Erzähllinie abzielt. Es geht vielmehr um unterschwellige Verknüpfungen, emotionale Zusammenhänge und atmosphärische Gesichtspunkte. Die Seiten bilden Gedankenströme und Stimmungen ab, was für die Entfaltung der Geschichte als solche ebenso wichtig ist wie die konventionelle Erzählung in Comicform. Sinn entsteht hier nicht allein zwischen den Bildern, sondern über weitere Strecken, in einem viel größeren Rahmen.

Kunstwerk mit Gefühl

Leider ist Building Stories bisher nicht auf Deutsch erschienen. Wie die Übersetzung von Jimmy Corrigan, die erst 13 Jahre nach der Erstveröffentlichung und insgesamt 20 Jahre nach dem ersten Auftritt der Figur erschienen ist, wird die Überarbeitung sehr viel Zeit und Mühe in Anspruch nehmen. Building Stories ist bis ins Detail durchgeplant, alles hat einen Sinn für das Gesamtwerk und bezieht sich auf etwas anderes. Vollkommen zu Recht hat Ware im Rahmen der San Diego Comic-Con im Juli diesen Jahres gleich vier der renommierten Eisner-Awards gewonnen, unter anderem für sein Design und sein Lettering. Building Stories ist ein erlebbares Kunstwerk: man ist Produzent und Rezipient, man entscheidet, wie man was wann liest. Nicht zu beeinflussen ist dagegen, was man fühlt. Natürlich geht es um Depressionen, aber man wird nicht depressiv. Natürlich ist die Geschichte traurig, aber man lächelt trotzdem. Scheinbar alltägliche Momente werden zu Momenten größten Glücks. Und dieses Gefühl ist bestimmt nicht mit dem Gefühl beim Kauf eines Statussymbols vergleichbar.

Chris Ware: Building Stories
Random House, 246 Seiten
Preis: 24,95 Euro
ISBN: 978-0224078122
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