In der Laberzange

Regener_Magical Mystery Cover Galiani BerlinSven Regener setzt in Magical Mystery. Die Rückkehr des Karl Schmidt auf Bewährtes – sein Spin-Off zur Lehmann-Trilogie vermag mit lakonischen Dialogen zu unterhalten, verschenkt aber die Gelegenheit, neue Wege und in die Tiefe zu gehen.

von LINA BRÜNIG

Karl Schmidt kehrt zurück. Die Nebenfigur aus Regeners Debütroman Herr Lehmann war dort „für einen Knalleffekt in die Klapsmühle verfrachtet“ worden und lebt nun – im Jahr 1994 – in einer WG für Ex-Junkies in Hamburg-Altona. Sein geordnetes Leben als Hilfshausmeister wird durcheinandergebracht, als er zufällig einen Bekannten aus den Berliner Jahren trifft. Raimund Schulte ist Mitinhaber des Techno-Labels BummBumm Records und macht Karl ein Angebot: Er soll auf einer Clubtournee durch Deutschland den Bus fahren. Grund: Wegen seines depressiven Zusammenbruchs im Jahr des Mauerfalls muss Karl von nun an nüchtern bleiben. Die Techno-Meute will sich mit ihrer Magical Mystery Tour ein Beispiel am gleichnamigen Konzeptfilm der Beatles nehmen – auch wenn dieser als größter Flop der Bandgeschichte gilt.

 Nur sympathisch

„Ich habe den immer sehr geliebt und finde es gut zu zeigen, das Leben hat für den nicht aufgehört“, schildert Regener die Motivation, Karl Schmidt einen ganzen Roman zu widmen. In dieser Aussage offenbaren sich sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Romans. Der Autor hegt große Sympathie für seinen Protagonisten, der – anders als Frank Lehmann – aus der Ich-Perspektive berichtet. Dadurch ergibt sich auch für den Leser eine große Nähe zur Hauptfigur: Karls sensibel-künstlerischer Charakter, seine gelassene Menschenfreundlichkeit und seine genauen Beobachtungen machen ihn zu einer einnehmenden Erzählerfigur. Leider belässt Regener es über die Dauer von 500 Seiten dabei und gesteht seiner Figur weder Entwicklungspotenzial noch tiefer gehende Reflexionen zu. Karls Angst vor einer wiederkehrenden Depression, sein Umgang mit der gescheiterten Existenz als Künstler, seine Perspektivlosigkeit: das alles wird anfangs kurz angerissen, nur um dann in der lollipop-bunten Beschreibung der Techno-Szene unterzugehen.

Lustig rauschen die Dialoge vorbei

Natürlich, die Dialoge sind – wie auch in der Lehmann-Trilogie – absurd-komisch und mäandern unterhaltsam über das Papier. Hier sind es vor allem die Unterhaltungen der Techno-Künstler über Ablauf, Umsetzung und Probleme der Tour, die über weite Strecken Spaß machen, nach mehreren hundert Seiten aber doch an Reiz verlieren. Zumal die einzelnen Figuren ziemlich auf ihre Eigenschaft als dauerbreite Elektro-DJs reduziert werden und dadurch arg verwechselbar sind. Herr Lehmann zog seinen Reiz daraus, dass niemand erwachsen werden wollte, während in Magical Mystery Karl Schmidt der einzige Erwachsene zu sein scheint, der sich wie ein Erziehungsberechtigter um eine Schar Techno-Kids kümmert – von denen einige älter sind als er selbst. Auch aus dieser Ausgangssituation hätte man mehr machen können. Regener verlässt sich zu sehr auf die Schrulligkeit seiner Figuren und scheint darüber zu vergessen, dass ein Mindestmaß an Plot und Struktur einem Text meist nicht schadet.

Auch auf Herr Lehmann trifft zu, dass die Handlung nicht im Vordergrund steht. Aber durch das räumlich begrenzte Setting im Westberlin des Jahres 1989 und den als Schlusspunkt gewählten Mauerfall besitzt dieser Roman ein Maß an Konzeption, das Magical Mystery vermissen lässt. Die Frage, ob ein Roman ein Problem hat, dessen dramatischstes Ereignis der Tod eines Meerschweinchens ist, mag jeder für sich beantworten. Aber vielleicht erwartet auch nur derjenige ästhetische Höchstleistungen von Sven Regener, der seine Romane mit den Liedtexten vergleicht, die er für Element of Crime schreibt. Diese sind originell und welthaltig – sein neuestes Buch ist es leider nicht.

Sven Regener: Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt.
Galiani Verlag Berlin, 502 Seiten
Preis: 22,99 Euro
ISBN: 978-3-86971-073-0
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Ein Gedanke zu „In der Laberzange

  1. Die Rezension bringt es ganz gut auf den Punkt. „Magical Mystery“ ist amüsant und unterhaltsam zu lesen, darübeer hinaus fehlt aber irgendwas. Mittendrin gelingt dann aber doch immer wieder in Ansätzen eine miniaturhafte „Milieustudie“, aber das trägt vielleicht nicht über 500 Seiten.
    Und in Sachen schrullige Figuren hab ich mich aus persönlichen Gründen sehr über den Kurzauftritt eines „Historikerfreaks“ gefreut 😉
    http://timoluks.wordpress.com/2013/09/26/der-historikerfreak-und-karl-schmidt/

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