Strom sparen mit Marisha Pessl

Marisha Pessl - Die amerikanische Nacht   Cover: S. FischerIn Die amerikanische Nacht will Marisha Pessl von großen amerikanischen Themen erzählen: der Suggestivkraft der Bilder, dem Regisseur als Weltenbauer und der Kraft von Fiktionen. Gelungen ist ihr das nicht.

von SIMONE SAUER-KRETSCHMER

Vom Inhalt und vom Autor mal abgesehen, gibt es eine ganze Reihe von Kriterien, die den Käufer eines Buches bei der Entscheidung beeinflussen können: Neben einem ansprechenden Cover oder einem schmissigen Klappentext könnten ein handliches Format oder besonderer Tragekomfort durch leichtes Papier die Wahl des Titels erleichtern. Auch von auratischen Erlebnissen angesichts von Autorfotos wird berichtet, die den zukünftigen Fan so sehr in seinen Bann ziehen, dass nur kongeniale Seelenverwandtschaft vorliegen kann. Im Fall von Marisha Pessls zweitem Roman Die amerikanische Nacht ist es hingegen der Umfang des Buches, der beeindruckt, so dass Liebhaber des literarischen Schinkens hier voll auf ihre Kosten kommen könnten – es sei denn, sie lesen das Buch im Anschluss tatsächlich.:

Die Geschichte um den investigativen New Yorker Journalisten Scott McGrath beginnt mit dem Selbstmord Ashleys, der Tochter des ebenso berühmten wie mysteriösen Regisseurs Stanislav Cordova. Einige Jahre zuvor hatte Scott schon einmal versucht, dem Filmemacher im Ruhestand, von dem nicht ein aktuelles Foto existiert, auf die Spur zu kommen. Dessen Filme gelten als so verstörend, dass Scott dem Irrtum anheimfällt, es könne sich dabei einfach nicht um Fiktionen handeln, so ‚echt‘ wirkt darin alles. Cordovas Filme verändern jeden, der sie bei einem nächtlichen Screening (etwa in den Pariser Katakomben) zu sehen bekommt, und die Kopien sind extrem rar, was die ihren Meister nahezu kultisch verehrenden Anhänger des Regisseurs zu einem exklusiven Zirkel werden lässt. Seit Jahren hat die Öffentlichkeit eben jenen nicht mehr zu Gesicht bekommen und bis zum Schluss bleibt unklar, ob nicht Cordova und seine Assistentin, Coyote genannt, ein und dieselbe Person sind. Auch sein Anwesen, ‚The Peak‘, das einer gotischen Festung gleicht – und wo unter Garantie schwarze Messen gehalten, seltene Schweine geschlachtet, Kinderblut getrunken und Höllenhunde geritten werden – nährt die Spekulationen, dass Cordovas Familie ein grauenvolles Geheimnis verbirgt.

Mit dem Holzhammer erzählen

Um den Leser an der anschließenden Spurensuche, auf die McGrath sich begibt, hautnah teilhaben zu lassen, ist der Roman gespickt mit zahlreichen Abbildungen, die Auszüge aus Zeitungsartikeln, Interviews, Userkommentare geheimer Cordova-Foren oder auch vermeintliche Fotos des gesuchten Künstlers in jungen Jahren zeigen. Das Problem mit diesen Einschüben ist aber, dass sie weder die Funktion eines Rätsels tatsächlich ausfüllen, noch dem Leser anderweitig auf die Sprünge helfen müssten, weil Pessl ihren Roman derart mit dem Holzhammer erzählt, dass auch die letzte Möglichkeit, die eigene Phantasie und Vorstellungswelt mit einzubeziehen, von vornherein unterbunden wird. So lange es sich dabei um montierte Texte handelt, kann man diese also getrost überlesen, da auf den folgenden Seiten sowieso alles nochmal haarklein zusammengefasst wird. Bei den Bildern wird es dann aber unschön bis ärgerlich. Ein Beispiel: eine der Fotografien Ashleys. Diese wurde kurz vor ihrem Tod in einer Privatklinik behandelt und soll schon zuvor so etwas wie den Blick des Teufels gehabt haben. Was dem Leser im Anschluss gezeigt wird, ist die Aufnahme einer jungen Frau, die, in eine dicke Strickjacke eingepackt, auf einer Bank sitzt und leicht von unten in die Kamera schaut. Das Ganze ist nicht nur ungefähr so furchteinflößend wie ein Hundewelpe, sondern auch überflüssig, und so geht es weiter: Denn Scott fallen während seiner Jagd – die sich ganz klassisch an verschwörungstheoretischen Mustern orientiert und diese immer weiter spinnt – zwei Assistenten zu, von denen der weibliche Teil sich irgendwann in ihn verliebt glaubt, der männliche Gegenpol so verwegen schön ist, dass sowohl hetero- wie homosexuelle Zeugen seinem James-Dean-Charme sofort verfallen und plötzlich zu reden beginnen.

Marisha Pessl und David Lynch?

Doch zurück zum eigentlichen Rätsel: zur Suggestivkraft der Filme Cordovas, zu seinem Verbleib, und zur Frage, was der Vater mit dem Tod der Tochter zu tun hat. Mit einem Einbruch in ‚The Peak‘ ändert sich die Sichtweise Scott McGraths auf die Werke seines selbsternannten Gegenspielers radikal, denn alle vorherigen Gewissheiten lösen sich infolgedessen auf. Nachdrücklich stellt der Journalist sich die Frage, ob er den Kontakt zur Wirklichkeit nicht längst verloren hat: Doch woher kommen dann all die bedrohlichen Verfolger, die Scott in den Straßen New Yorks auszumachen glaubt? Etwa nur aus seinem eigenen Kopf? Oder ist er längst zu einer Marionette Cordovas geworden und befindet sich mittlerweile selbst als Darsteller in einem seiner Filme? Was Pessl hier angeht, das hätte ein Verwirrspiel aus Realität und Fiktion ergeben können, mit dem Leser als Auge der Kamera, wenn nicht über allem der Verdacht stünde, dass hier bewusst auf mancherlei literarischen Kunstgriff verzichtet wurde, um Die amerikanische Nacht (und ja, das Buch steckt voller Anspielungen auf bekannte Filme und Romane) so massenkompatibel zu gestalten wie nur irgend möglich. Das Resultat ist dann ein erzählerischer Schonwaschgang und explizit die Parallelen zu David Lynch – von dem Pessl sich laut ihrer Homepage nebst Agatha Christie, Damien Hirst, Woody Allen usw. beeinflusst sieht – erscheinen zudem letztlich nur albern. Denn wenn man das sehr, sehr dicke Buch schlussendlich zur Seite legt und sich daran erinnert, wie es ist, etwas wirklich Unheimliches zu lesen, anzuschauen oder schlicht sich vorzustellen, dann lässt man schon mal nachts das Licht an. Das passiert einem mit Die amerikanische Nacht sicherlich nicht. Marisha Pessl und David Lynch also? Maximal vorstellbar mit einem Lost Highway-Remake aus dem Hause Disney.

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht.
Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler
S. Fischer Verlag, 800 Seiten
Preis: 22,99
ISBN: 978-3-10-060804-8
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2 Gedanken zu „Strom sparen mit Marisha Pessl

  1. Beschrei es nicht. Disney hat schon Star Wars gekauft, warum nicht Lynch?!
    Aber mal ganz im Ernst, was soll diese Elende Erklärerei? Ich krieg auch zu viel, wenn ich für ein Buch bezahle, mal ganz abgesehen von der investierten Zeit, nur um dann alles kleinklein vorgekaut zu bekommen.
    Vielleicht ist es kein Zufall, dass viele der schaurigsten Geschichten eben vor allem eins sind: kurz!

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