Bon anniversaire, Recherche!

Marcel Proust Quelle WikimediaEs gibt Bücher, über die alle reden, die immer wieder zum Kanon der Weltliteratur gezählt werden, die aber kaum jemand wirklich gelesen hat. Eins davon wird heute 100 Jahre alt: Unterwegs zu Swann, der erste Band von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.

von KATJA PAPIOREK

Bereits 1911 liegt der erste Teil der Recherche im Typoskript vor: Les Intermittences du coeur. Le Temps perdu, première partie. Geplant ist zu diesem Zeitpunkt noch ein (!) weiterer Band: Le Temps retrouvé. Bis zu seinem Tod am 18. November 1922 arbeitete Proust an seinem Roman, schreibt ihn immer wieder neu, überschreibt ihn, erweitert ihn, verfasst selbst beim Korrigieren der Druckfahnen noch unzählige Zusätze. So sind es am Ende sieben Bände, verteilt auf fast 4000 Seiten. Doch es passiert eher wenig, der Roman gilt gemeinhin als handlungsarm. „Marcel wird Schriftsteller.“, fasst Genette ihn überspitzt zusammen. 4000 Seiten ohne Handlung – das könne man nicht lesen. Entsprechend urteilt Anatole France bereits nach der Veröffentlichung des ersten Bandes, der übrigens als Privatdruck, also von Proust selbst finanziert, erschienen ist: „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang.“ Prousts Bruder Robert, der sich nach dem Tod Marcels um die Veröffentlichung der verbleibenden Bände kümmert, geht gar davon aus, dass ein Mensch sehr krank sein oder sich zumindest ein Bein gebrochen haben müsse, um sich intensiv mit der Recherche zu beschäftigen.

Wer ist eigentlich diese Madeleine?

Gelesen wird der Roman dann natürlich doch – und gerne als Erinnerungsroman bezeichnet. Zu den bekanntesten Textstellen des ersten Bandes von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gehört dann auch zweifellos die Madeleine-Episode. Sie gilt als Paradebeispiel für die von Proust in seinem Roman entwickelte Gegenüberstellung der mémoire volontaire und der mémoire involontaire. An einem Wintertag kehrt der Erzähler nach Hause zurück, wo ihm seine Mutter eine Tasse Tee und dazu eine Petite Madeleine serviert. Er nimmt einen Löffel Tee zusammen mit einem Stück Gebäck zu sich. Der Geschmack löst unerwartete Glücksgefühle in ihm aus, deren Ursache er zunächst nicht deuten kann. Durch wiederholtes Probieren versucht er seine Gefühle zu ergründen, muss aber feststellen, dass die Wirkung des Tees nachlässt. Zwar macht Marcel hier bereits sich selbst als Ursprung dieser Empfindung aus, doch das Geheimnis der mémoire involontaire und der mit ihr erfahrenen Glücksgefühle wird sich sowohl für ihn als auch für den Leser erst sehr viel später enthüllen.

Tatsächlich handelt es sich dabei um ein gängiges Erzählverfahren des Romans. Immer wieder tauchen Figuren, Motive oder Themen auf, deren Bedeutung für den Erzähler und das Gesamtwerk sich erst retrospektiv entschlüsseln lässt. Konsequenterweise verlangt der Text deshalb nach einer Re-Lektüre – auf der Suche nach all den Dingen, die dem Leser beim ersten Mal entgangen sind.

Hummel und Orchidee

Doch Prousts Roman hat deutlich mehr zu bieten, als die Suche nach Kindheitserinnerungen und Marcels Berufung zum Schriftsteller. Es geht um Literatur, Musik, Kunst, Theater, Architektur. Um das Geheimnis von Namen und Orten. Um Perspektive und Wahrnehmung. Aufstieg und Fall von Adel und Bürgertum – Beobachtungen der Gesellschaft voller Witz und Ironie: „Die Bewegungen von Kopf, Hals und Beine hätten bei ihm eine gewisse Anmut gehabt, wenn er noch neun Jahre alt gewesen und mit blonden Locken, einem großen Spitzkragen und in kleinen Stiefelchen aus rotem Leder aufgetreten wäre.“ Unzählige (Ent-)Täuschungen. Und natürlich um die Liebe in all ihren Facetten: die erste Schwärmerei, obszöne Gesten, Ringkämpfe im Gebüsch, Lügen, Eifersucht und Leiden, Liebe zwischen Mann und Frau, zwischen zwei Männern, zwischen zwei Frauen. Von Sodom und Gomorrha ist gar die Rede. Die wohl erotischste Hummel der Weltliteratur beglückt eine Orchidee. Eine Aufzählung, die sich noch ewig fortsetzen lässt. Das alles in mehrfach verschachtelten Endlossätzen, die einen ganz eigenen Proust-Sound entstehen lassen, der sich schnell zum Sog entwickelt. Immer wieder finden sich Sätze, die so elegant ihre Boshaftigkeit verschleiern, dass wir gleich mehrfach hinsehen müssen.

Für alle, die sich jetzt noch immer nicht an die Recherche herantrauen, gibt es Proust für Gestresste, Cineasten, Comic-Liebhaber, Lebensänderer, Hirnforscher, Hörbuchfans, Menschen, die nicht allein lesen wollen, und – mein persönlicher Favorit – für Boshafte. Doch das Ziel all dieser Veröffentlichungen kann natürlich nur sein, uns zurück an den Anfang zu führen, zum Roman selbst. Deshalb: Kerze anzünden, Madeleine in Lindenblütentee tauchen und lesen!

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2 Gedanken zu „Bon anniversaire, Recherche!

  1. Pingback: Auf ein literarisches Stuzzichino KW 46 | literaturundfeuilleton

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