Von Galgenvögeln und Intelligenzbestien

Cord Riechelmann - Krähen   Cover: Matthes&SeitzOb man die skurrilen schwarzen Vögel nun mag oder auch nicht, jede/r wird sie schon einmal in Aktion gesehen, amüsiert beobachtet oder sich angewidert abgewandt haben. Krähen – und alles gefiederte Getier, was darunter subsumiert wird – polarisieren. Aber warum? Diesen und anderen Fragen geht Cord Riechelmann in Krähen. Ein Portrait nach.

von SYLVIA KOKOT

Jeder kann doch eine Krähengeschichte erzählen, oder? Es gibt die, die unterstreichen, wie bösartig und gemein diese Vögel sind, wenn sie z.B. die Nester anderer Singvögel plündern und dass „man der Plage Herr werden müsste, notfalls mit Gewalt“. Und es gibt jene, die belegen wollen, wie ähnlich uns diese „Viecher“ sind – lässt sich doch Spieltrieb, Humor und Schadenfreude erkennen, wenn eine Krähe um eine Teichschildkröte herumhüpft, sobald diese versucht, aus ihrem Tümpel zu kommen und dieser dann immer wieder in die Beine zwickt, so dass sie in den Teich zurückplumpst.

Kultur oder Natur? – Eine Frage der Wissenschaft

Riechelmann, der Biologie und Philosophie studierte, bietet in diesem Portrait nicht nur einen konkreten Einblick in das Leben der sogenannten Krähenvögel, er portraitiert auch die Beziehung, die zwischen den gefiederten Zeitgenossen und dem Menschen besteht. Er bezieht sich dabei auf Forscherlegenden wie Konrad Lorenz, bemüht aber zudem Philosophie und Kulturwissenschaft, um der teils vorurteilsbefrachteten Gemengelage rund um die schwarzen Vögel beizukommen. Denn eins wird deutlich: Der die Deutungshoheit über die „moralische“ Wertigkeit von Tieren für sich beanspruchende Mensch ist ein Despot. „[…] wer davon weiß, wie das weiße Amerika den von Indianern als Gottheit verehrten Kojoten zum Schandtier umgedeutet hat, der braucht nicht viel Phantasie, um sich ähnliches für den Raben auszumalen“ (S. 30), stand dieser doch in einer fast symbiotischen Beziehung zu dem Präriewolf.

Krähen. Ein Portrait verschreibt sich – gegen die Tyrannei – der Wieder-Annäherung des Menschen an den Vogel. Zugleich ist es eine Annäherung von Kultur und Naturwissenschaft und beschreibt den Versuch, diese in einer Wissensgeschichte über Krähen zusammenzuführen. Denn „[z]uviel auch stimmige Spiritualität ist in die Krähengeschichten eingegangen, als dass sie aus der Naturgeschichte verschwinden sollten“ (S. 71). Riechelmann stellt sich hiermit in die Tradition des Biologen Bernd Heinrich, der in Ravens in Winter (1989) Naturwissenschaft, kulturelle Mythen und literarische Texte zusammendenkt. Ähnlich wie Heinrich versucht auch Riechelmann „den Raum für Anekdoten [zu] öffnen, die die aktuelle Wissenschaft aus ihrem Repertoire gestrichen hat.“ (S. 13)

Krähe und Mensch? – Eine Frage der Nähe

Eben diese Anekdoten sind es, die es vielleicht schaffen könnten, den zu Unrecht verteufelten Vögeln ein größeres Maß an Akzeptanz zukommen zu lassen. Denn wer ist nicht beeindruckt, wenn er liest, wie Raben in einer Stadt in Kanada beobachten und lernen, dass Autos vor roten Ampeln halten und dieses Wissen nutzen: Bei Rot werfen sie schwer zu knackende Nüsse auf die Kreuzung und können sie dann, nach der nächsten Grünphase, von der Schale befreit, verspeisen (vgl. S. 35). Elstern erkennen ihr Spiegelbild und stehen damit in einer Reihe mit „Elephanten, Schimpansen, Delfinen und Menschen“ (S. 56), Kiefernhäher sind wahre Erinnerungskünstler usw. usw. Die Anekdoten scheinen unerschöpflich. Dass Krähen zudem sozial komplexe und kompetente Wesen sind – Attribute, die der Mensch in seiner Eitelkeit für sich allein beansprucht –, zeigen die vielen gezielt platzierten Illustrationen zum Paar- und Balzverhalten der Tiere. Am Ende stellt sich beinahe die Frage, wer hier eigentlich der Kulturfolger ist. Fest steht jedenfalls, überall wo Krähen und Raben sind, tauchen auch Menschen auf.

Krähen oder Raben? – Eine Frage des Namens

Allerlei erfährt der geneigte Leser in diesem gerade mal 155 Seiten umfassenden Bändchen über Krähen und Raben, u.a. auch, dass die Unterscheidung in eben diese und jene eher willkürlich als wissenschaftlich oder sprachgeschichtlich eindeutig begründbar wäre. Denn die Bezeichnungen werden sowohl als Synonym verwendet als auch als Unterscheidung, z.B. der Größe. Krähen und Raben gehören gleichermaßen zur Gruppe der Corvidae, diese wiederum zu den Sperlingsvögeln und gliedern sich zuletzt ein unter die Aves, schlicht Vögel. Aber dass sie auch zu den Singvögeln gehören, ist vielen bestimmt neu. So erinnert ihr Gesang eher an ein Krächzen, manchmal sogar, im Fall des Grünhähers, an „querulatorische[s] Gezeter“ (S. 114) und ist wohl auch lautmalerischer Ursprung der Bezeichnung Krähe und Rabe.

Corvidae und Bücher? – Eine Frage der Ästhetik

Krähen. Ein Portrait bildet den Auftakt der Reihe Naturkunden bei Matthes und Seitz. Herausgeberin ist Judith Schalansky, die in ihren Büchern, u.a. Hals der Giraffe (2011) und Fraktur Mon Amour (2006), das bewusste Zusammenspiel von Text, Schrift und Buch ausgestaltet. Kein Wunder also, dass auch hier die innere und äußere Gestaltung, die Korrespondenz zwischen Buch, als visuelles haptisches Erzeugnis, und Literatur augenscheinlich wird: Der Kopfschnitt des Bändchens ist federgrau gefärbt, die Fadenheftung rabenschwarz, der Kapitelband schnabelgelb. Naturkunde, Kultur und Wissenschaft verschmelzen hier zu einer außerordentlichen, ästhetisch wertvollen Buch-Kunst-Kultur.

Cord Riechelmann: Krähen. Ein Portrait.
Matthes und Seitz, 155 Seiten
Preis: 18,00€
ISBN: 978-3-88221-048-4
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3 Gedanken zu „Von Galgenvögeln und Intelligenzbestien

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