Auf einen literarischen Ohitashi KW 48

Ohitashi - Spinat mal anders   Quelle: flickr User I Believe I Can Fly, keine Ändeurngen vorgenommen http://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/deed.deGestatten: Hemgesberg. Ich lade Sie hier und heute auf ein asiatisches Häppchen, einen Ohitashi der vergangenen Woche ein – die japanische Salatkreation aus dem Literaturbetrieb. Setzen Sie sich, es ist genug geschehen in dieser Welt der Lebenden und WeihnachtenherbeischreierInnen, damit wir ein wenig plaudern können: Peter Kurzeck verstirbt im Alter von 70 Jahren, in den USA eröffnet die erste, rein digitale Bibliothek und Weihnachten fällt hoffentlich aus.

von NADINE HEMGESBERG

Das ist der Gaumen nicht gewohnt: kalter Blattspinat auf einem Soyasaucenspiegel und mit Sesam bestreut. Spinat, den muss man doch warm und am besten noch mit Blubb essen. Aber man kann sich ja mal drauf einlassen. Ebenso einlassen sollte man sich auch auf das Experiment Bibliothek ohne Bücher. In San Antonio, Texas, eröffnete die Bexar County digital library, deren Bestand 10.000 digitale Titel und 400 Hörbücher umfasst und die als Medienvermittler verschiedenste Endgeräte bereitstellt, um die Titel zu benutzen (umfassender auf buchreport.de). Nelson Wolff, der die Bibliothek finanzierte, ist zuversichtlich, 100.000 BesucherInnen mit dem Angebot „anlocken“ zu können. Das Beispiel der Bexar County digital library ist äußerst interessant im Zusammenhang mit der Debatte um die Zukunft der Bibliotheken und eine erste praktische Umsetzung einer Institution zur Medienvermittlung. Man darf gespannt sein, wann es im haptisch-buchaffinen Deutschland zu einem solchen Experiment kommt und ob es gar, mangels großem Mäzenentum à la USA, von einer staatlichen Förderung profitieren kann.

Der Tod und die Lebenden

In der Debatte um die Bibliotheken wird oft – einer Einbahnstraße gleich – diskutiert: Häufig scheint es nur in eine Richtung, nämlich vom Print zum Digitalen zu gehen. Dabei ist es ebenso ein Phänomen unserer Zeit, dass zum Beispiel Blogs in einem Re-Print-Verfahren, sprich vom Digitalen zum Print, wieder den Weg in die Buchregale finden. Das ist faszinierend, regt allerdings ebenso zum Nachdenken an. Welches Format lesen wir lieber? Ist beides noch ein und dasselbe? Was verändert sich beim Medienwechsel, was passiert dann mit dem Text? Handelt es sich bei Re-Prints um die haptische, ja auch kommerzielle Ausschlachtung, um die konservative, noch immer geldbringende Lösung? Sind die Kulturtechniken des Blätterns und Scrollens gleichzusetzen? Wie funktioniert der Blog Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf, der sich im August das Leben nahm? Der Blog erscheint dieser Tage in Buchform: Funktioniert er auf bedrucktem Papier? Ist das gar vom Genre abhängig? Funktioniert (oder verkauft) sich ein humoristisches Werk besser (The Bloggess) als ein feministisches Manifest (Laurie Penny). Oder ist das Genre egal?

Nicht gebloggt, jedoch unablässig geschrieben, erzählt und telefoniert hat der „deutsche Proust“ Peter Kurzeck, der am vergangenen Montag in Folge mehrerer Schlaganfälle im Alter von 70 Jahren viel zu früh gehen musste. Und auch der Publizist und Verleger Wolf Jobst Siedler verstarb im Alter von 87 Jahren in der vergangenen Woche.

Und die Lebenden? Sie schauen schon jetzt zurück auf das Jahr und beschreien das Weihnachtsfest. Allerorts wird die Werbemaschine angeschmissen, werden Kalender zelebriert und ungefragt Lese- resp. Einkaufs-Tipps gegeben.

Am Ende dieser Woche stellt sich schließlich die ernstere, weil die Unversehrtheit eines Menschen betreffende, Frage: Was ist mit dem deutsch-ägyptischen Autoren und Journalisten Hamed Abdel Samad in Ägypten geschehen? Seinen Äußerungen auf Twitter und Facebook zufolge ist er wieder in Deutschland, Genaueres zu den Vorgängen in Ägypten ist jedoch noch nicht bekannt.

Und in der nächsten Woche: hoffentlich mehr von den Lebenden als von den Toten. Durch den Advent mit der Hemgesberg und nicht mit dem Herrn Krüger, wissta Bescheid. Häppchen alle, auf Wiederlesen.

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