Unüberzeugend? – Unüberzeugt!

Peter Schneider - Die Lieben meiner Mutter   Cover: KiwiPeter Schneiders Autofiktion Die Lieben meiner Mutter hat einiges zu bieten – das zumindest suggerieren zahlreiche Rezensionen, die sich in Begeisterungsstürmen ergehen (wie z.B. Zeit, taz, dradio oder 3Sat). Der Roman handle von großen Gefühlen, wahrer Leidenschaft, von Stärke und Aufrichtigkeit einer Frau in schweren Zeiten heißt es dort. Seltsam, dass das Buch mir dies so gar nicht vermittelt. Beim Bemühen, die Toten wiederzuerwecken, werden sie leider nicht lebendig. Schneider scheitert: am falschen Verständnis, an unpassenden Worten und vielleicht am eigenen Anspruch. Er rührt mich nicht, er überzeugt mich nicht, er quält mich! – Eine Suche nach Gründen …

von ANNA KREWERTH

Zu Beginn: An Schneiders Buch lassen sich etliche Aspekte finden, die es zu honorieren gilt. Seine Bereitschaft sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen und der Anspruch, seiner Mutter gerecht zu werden, gehören ebenso dazu, wie seine Kunstfertigkeit in Bezug auf das Verweben von Schriftzeugnis, Erinnerung und Fiktion. Mir gefällt es dennoch nicht!

Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben, möglicherweise bin ich zu jung. Die romantisierende, vor Kitsch mitunter triefende Sprache der angeblich künstlerisch talentierten Mutter ist mir eventuell ob ihrer Altertümlichkeit fremd. Und vielleicht kann ich der bis zur Selbstaufopferung getriebenen Liebe einfach nichts abgewinnen. Fakt ist, ich sehe in der Mutter keine „sehnsüchtige“, „rasende“ Liebende, sondern eine depressive und egomanische Frau. Unter diesen geänderten Vorzeichen, hätte der Roman eine zweite Chance verdient, liest man ihn weniger als Liebes- denn als Krankengeschichte – wäre da nicht die …

… Empörung.

Zum Beispiel diejenige über das schier grenzenlose Verständnis des Sohnes für seine Mutter und das ebenso vehement hervorgebrachte Unverständnis in Bezug auf den Vater. Selten hat mich eine Buchpassage so empört wie Schneiders Verurteilung des Auftrittes des väterlichen Dirigenten im Führerhauptquartier. Die dichotome Spaltung des Erzählers Schneider in einen reifen, einsichtigen Mann, der es „überhaupt nicht schlimm“, nein offen gesagt „toll“ findet, dass seine Mutter „egoistisch und launisch“ ist, und ein gekränktes „Kinder-Ich“, das die Illusion eines strahlenden heldenhaften Vaters aufzugeben hat, ist frappierend. Das nur vermeintlich Heroische wird enttarnt und mit Inbrunst verteufelt, während die schwierige und, so scheint es, literarisch stark überhöhte Mutterfigur in den Stand einer Heiligen erhoben wird – das nervt!

Es sind auch Kleinigkeiten, die mich gegen dieses Buch aufbringen und mal reichen wenige Worte hierzu. Wenn der Autor schreibt, der Liebhaber der Mutter (im Übrigen das männliche Pendant an der Egozentriker-Front) „nimmt sie, wann und wie es ihm gefällt, er unterwirft sie seinem Willen, seiner Zärtlichkeit und seiner Gier, er tobt sich aus bei ihr, und wenn er sich verströmt hat, drängt er zum Aufbruch“ (S. 107), so stößt dies mehr als übel auf. Die Formulierung erinnert stärker an den Stil eines prüden Sexheftchens als an den eines Redners, der während der 68er-Bewegung ganze Massen von Menschen durch die Raffinesse seiner Sprache für sich einzunehmen verstand.

Versöhnliche Töne

Nur, um es festzuhalten: Es geht in diesem Text nicht ausschließlich um die Mutter des Erzählers, er handelt auch vom Sohn selbst. Bei der Lektüre habe ich nicht nur einmal gewünscht, es möge mehr um das Alter Ego des jungen Schneider gehen, der vom Nachbarsjungen eingenommen ist und vom Erzengel Michael das Fliegen lernen möchte. Die kindliche Naivität und zeitweise wundersame Gelöstheit von den Vorgängen ringsherum, mit der der Autor ohne falsche Scham und sehr anschaulich berichtet, entschädigt für manch ausladende Passage über die von Liebeskummer zerfressene Anneliese. Doch auch sie nimmt, zumindest in ihrer Rolle als Mutter, eine Position im Buchgeschehen ein, die ihren Wert hat. Die Schilderungen ihrer Fürsorge und Liebe, die sich mit zunehmender Überforderung durch den Lebensmittelmangel, ihre Krankheit und auch ihr persönliches Unglück in Gewaltausbrüche und Prügel wandeln, lassen sie in einem anderen Licht erscheinen als ihre gnadenlose Ehrlichkeit bezüglich ihrer amourösen Abenteuer und ihre immense Selbstbezogenheit. Die Frau, die eher zwischen den Zeilen als in ihnen aufblitzt, kann man zumindest begreifen, die eigentlich geschilderte kaum verstehen, mögen erst recht nicht.

 Es geht auch anders

Der Markt der sogenannten „Elternromane“ boomt noch immer. Ähnlich wie Schneider, entwarf auch Christoph Meckel (*1935) die Erinnerung an eine Kindheit im Krieg, die primär von „zwischenmenschlicher“ Entbehrung gezeichnet war: besonders der entbehrten Mutterliebe. Mit Suchbild: meine Mutter (2002) hat Meckel ein sehr viel radikaleres und schonungsloseres Werk geschaffen als das vorliegende. Vielleicht ist es gerade deshalb ein so wunderbares, ehrliches und unbemühtes Buch – und auch das ist wiederum ein rein subjektives Werturteil.

Dass in Andreas Kilbs (FAZ) Rezension zu Schneiders Text von einem „großen, traurigen, hinreißenden Buch“ die Rede ist, verdeutlicht insofern nur einmal mehr, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt, auch beim Lesen nicht. Die Lieben meiner Mutter ist als Werk insofern nicht per se unüberzeugend, aber ich als Leserin bin nicht überzeugt.

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch, 304 Seiten
Preis: 19,99 €
ISBN: 978-3462045147
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