Beunruhigt Euch!

Pessoa Kongress in Lissabon    Quelle: offizieller FlyerVor 125 Jahren wurde Fernando Pessoa geboren. Ein internationaler Kongress in Lissabon versammelte vom 28. bis 30. November Literaturwissenschaftler, Philosophen und Künstler zu offenen Diskussionen über den Dichter der Aufspaltung der Persönlichkeit.

von PHILIPP KAMPSCHROER

Die Unruhe ist allgegenwärtig. Das spürt man schon bei den Eröffnungreden des 3. internationalen Pessoa-Kongresses in Lissabon. In einem Land, das vor zwei Jahren sein Kulturministerium abschaffte, fürchtet man weitere drastische Sparmaßnahmen, die Museen, Bibliotheken und Universitäten treffen könnten. Ausgerechnet im Jahr 2013, das mit den Jahrestagen zweier bedeutender Figuren der portugiesischen Kulturgeschichte verbunden ist:

Vor 120 Jahren wurde der Universalkünstler José de Almada Negreiros geboren, ihn würdigte man in Lissabon mit Ausstellungen, Stadtrundgängen und einem Kolloquium in der Fundação Gulbenkian.

Der andere Jubilant, der 1888 – also vor 125 Jahren – in Lissabon geborene Fernando Pessoa stand am vergangenen Wochenende im Mittelpunkt der dritten Ausgabe eines interdisziplinären Kongresses, den das Casa Fernando Pessoa ins Leben gerufen hat. Dessen Vorsitzende Inês Pedrosa warnte in ihrer Eröffnungsrede im Lissabonner Teatro Aberto vor weiteren Einsparungen im Kulturbereich – eine Angst, die viele umtreibt im ärmsten Land Westeuropas..

Pessoa war viele – Dichter, Philosophen, Denker

In 20-minütigen Kurzvorträgen näherten sich Literaturwissenschaftler, Übersetzer und Philosophen dem Werk des Schriftstellers der Aufspaltung der Persönlichkeit. Begleitet wurde das Rahmenprogramm mit Konzerten und Lesungen aus Pessoas Werken. Interdisziplinäre Perspektiven bieten sich in der Tat an, sind Pessoas fiktive Autoren, die Heteronyme, doch nicht nur Poeten, sondern auch Denker und Philosphen. Das ermöglicht etwa Religionswissenschaftlern wie Steffen Dix den Zugang zum Werk des Lissabonner Schriftstellers. Dix, der Ende der 1990er Jahre eher zufällig mit Pessoa in Berührung kam, sprach beim Kongress über die historischen und philosophischen Einflüsse Pessoas. Dix forscht seit mehreren Jahren an der Katholischen Universität Lissabon zur Religionsgeschichte in Portugal und zu Pessoas philosophischem Werk und berichtet, dass der Kongress seit der ersten Ausgabe 2008 enorm angewachsen sei.

„Das echte Buch der Unruhe hat niemals existiert“

Viele Vorträge beschäftigen sich mit Pessoas einflussreichstem Werk, dem Buch der Unruhe, das Pessoa vermutlich 1913, vor 100 Jahren, begann, das aber zu Lebzeiten unveröffentlich blieb: Die Fragmente des Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, der in Lissabonns Unterstadt über das Großstadtleben und Metaphysik nachsinnt, wurden erst 1982 herausgegeben. Die Edition des Buches der Unruhe ist ein unabschließbarer Prozess, wie Jerónimo Pizarro in seinem Vortrag darlegte. Er bezieht sich auf Leyla Perrone-Moisés, die prägnant formulierte: „Das echte Buch der Unruhe hat niemals existiert und wird niemals wieder existieren.“

Da Pessoas Gesamtwerk fast ausschließlich als Nachlass überliefert ist, gibt es in der Tat völlig unterschiedliche Editionen. Auch Übersetzer haben relativ freie Hand. Steffen Dix hat im vorigen Jahr die Textzusammenstellung Boca do Inferno: Aleister Crowleys Verschwinden in Portugal übersetzt und im Fischer-Verlag herausgegeben. „Jeder Übersetzer kann sich an den Nachlass setzen und eine eigene Pessoa-Ausgabe edieren“, sagt der Tübinger. In Deutschland würden Pessoa-Veröffentlichungen im Feuilleton dann zwar ausgiebig besprochen, die Leserschaft beschränke sich aber weitgehend auf akademische Kreise, so Dix.

„In mir trage ich alle Träume dieser Welt“

In Portugal liegen die Dinge anders. Fernando Pessoa ist dort zweifellos der einflussreichste Schriftsteller, seine Gedichte sind unbestrittenes Kulturgut. Es ist diese unverwechselbare Mischung aus poetischem Pessimismus und träumerischer Sentenz, die fasziniert: „Ich bin nichts.// Ich werde nie etwas sein.// Ich kann nicht einmal etwas sein wollen.// Abgesehen davon trage ich in mir alle Träume dieser Welt.“ So beginnt das Gedicht Tabacaria (Der Tabakladen) von Pessoas Heteronym Álvaro de Campos.

Auch als Thema von Essays und wissenschaftlichen Studien freut sich Pessoa ungebrochener Beliebtheit – eine Tatsache, die eine Kolumnistin im Magazin der einflussreichen Tageszeitung Público zu einer ironischen Feststellung kommen ließ: Angesichts der enormen Produktion sinke die Hoffnung, ein neues Buch über Pessoa „könne den von dieser editorialen Überdosis narkotisierten Leser wirklich beunruhigen.“ Dieser Eindruck vermittelt sich leider auch dem Besucher des Kongresses in Lissabon. Da sich die Vorträge mit allen möglichen Fragen um Pessoas Werk beschäftigen, ist es allzu leicht, in dessen undruchdringbarer Welt den Überblick zu verlieren. Für die zukünftigen Treffen bleibt zu überlegen, ob sich die Themen der Vorträge nicht etwas eingrenzen lassen, um so den wissenschaftlichen Dialog zu befördern. Unbedingt aufrechtzuerhalten aber ist die angenehm informelle Atmosphäre des Treffens, das Pessoa für kurze Zeit aus seiner kosmischen Einsamkeit auslöst.

„Andere haben jemanden, der ganz für sie da ist. Ich hatte nie jemanden, der auch nur im Traum daran gedacht hätte, ganz für mich da zu sein. Anderen tut man alles: Mich behandelt man gut.“ So klagte Bernardo Soares im Buch der Unruhe. Und da wir, wie es der Amerikaner Richard Zenith ausdrückte, im Buch der Unruhe immer Pessoa selbst hören wollen, darf man hoffen, dass der Kongress in Lissabon trotz Krise weitere Auflagen findet und Menschen versammelt, die „ganz“ für Pessoa da sind.

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2 Gedanken zu „Beunruhigt Euch!

  1. Ich bin sehr begeistert sowohl darüber, dass Ihr einen Korrespondenten in Lissabon habt, als auch über den informativen und gut lesbaren Kongressbericht. Danke!

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