Was Mädchen so mit kleinen Jungs anstellen

Astrid Rosenfeld - Elsa ungeheuer   Cover: DiogenesEin Kindheitsroman, ein Künstlerroman, ein Abgesang auf die perfiden Strukturen des postpostmodernen Wirtschaftsunternehmens Kunst? Viel scheint geboten in Elsa ungeheuer, einem Roman, in dessen Zentrum eine ebenso biestige wie wunderbare, schreckliche wie königliche, zutrauliche wie ungezähmte Göre steht. Vielleicht zu viel.

von SYLVIA KOKOT

Was für eine krude Mischung von gestörten Persönlichkeiten in so einem kleinen oberpfälzischen Nirgendwo – eigentlich Ferienparadies – zu finden ist, hätte wohl niemand gedacht: eine Mutter, die glaubt, der Esel würde von den bösen Ponys geärgert und die ihn deswegen im Haus leben lässt, die wohl älteste Frau der Welt, ein kleiner fetter und ein etwas älterer Junge (Letzterer möchte die Ewigkeit bannen), ein Murmeltier, dem die Weiber übel mitgespielt haben und das Mimosen liebt, und Elsa. Elsa, ein Mädchen und gleichzeitig die „Königin des Murmeltiers“, der „Flamingo“ mit der Sehnsucht nach adeligen Fesseln und schwarzen Lackstiefeln, von der Mutter verlassen und ihrem Onkel und ihrem Vater überlassen. Sie ist das Zentrum dieser Welt. Zumindest aus der Perspektive des kleinen fetten Jungen.

Skurril-figürliche Dörflichkeit

Elsa bildet die Krönung im skurrilen Persönlichkeits-Potpourri, das in dem Dorf seinen Reigen tanzt. Fetti, dessen Mutter Hanna sich das Leben genommen hat, liebt sie, seitdem sie von ihrer Mutter im Dorf zurückgelassen wurde, er tut alles für sie. Die Halbwaisen Karl (von Elsa eben Fetti genannt) und sein älterer Bruder Lorenz sowie Elsa, verleben als Dreiergespann einen Teil ihrer Kindheit gemeinsam, prügeln sich, tragen Fehden mit Nachbarskindern aus, lassen sich schlüpfrige Gute-Nacht-Geschichten von Herrn Murmelstein erzählen und helfen Schweine-Willi beim Schweineschlachten. Gemeinsam besuchen sie einen Onkel in Den Haag und kommen so erstmals mit der dortigen Kunstszene und ihren Mäzenen in Berührung.

Fies-diabolische Kunstwelt

Diese Kunstszene: Im Gegensatz zur zumindest oberflächlich trauten Dorflandschaft schimmert hier immer schon ein Stück Verderbtheit durch, die im Verlauf des Romans dann in vollem Glanz erstrahlt. Protagonisten sind die Kunstsammlerin Mrs. Graham, manisch entbrannt für Rembrandts Andromeda, Sebastian Mirberg, Kunstberater, Verwalter, Schürzenjäger, und Vera, seine koksende, traurige und auf Rache sinnende Frau.

Natürlich ist die Kunstszene böse, es wird herumgehurt, konsumiert, betrogen, gemauschelt, Ersteigerungen werden fingiert, manipuliert. Fazit: ‚Künstler‘ werden gemacht. Sie werden nach einem Konzept entworfen, ihre Bedeutsamkeit wird herbeigeschrieben, man muss nur in den passenden Zeitschriften den entsprechenden Redakteur kennen und bezahlen, hier mal eine Auktion durch einen ominösen anonymen Bieter spannend gestalten und schon ist das Lebens-Projekt-Konzept ‚Lorenz Brauer, der Künstler, der die Ewigkeit malen will‘ ein Renner, ein Trend. Aber ebenso schnell, so mahnt der Roman drohend, kann auch das Leben selbst von einer solchen Projekthaftigkeit bedroht werden, floppt nämlich das Künstler-Konzept, scheint lediglich der wohlinszenierte Tod des ehemaligen Stars eine gewinnbringende und mitintendierte Lösung. Vielleicht etwas zu schematisch, berechenbar und auch überspitzt, diese ganze Inszenierung. Wenn nicht Pinsel und Spachtel, so macht es doch den Eindruck, hier seien die Schreibwerkzeuge mit der Hand der Autorin durchgegangen.

Janusköpfe zwischen Hund und Wolf

Zunächst verlässt aber erst einmal Elsa die Dorfgeschichte und sucht ihr Heil in Amerika, die Zeit springt, Fetti ist auf einmal schlank und erwachsen und sein Bruder ein Künstler. Während er sich mit Vera durch die Kunstszene seines Bruders kokst, mal in Den Haag, mal in Köln, geht er beinahe drauf, besinnt sich dann wieder zurück auf den Anfang, auf den Ursprung, auf Elsa. Er geht sie suchen und findet sie und (natürlich) sich selbst und landet schließlich wieder im Dorf. Welch ein Glück, mag man ausrufen, wäre das alles nicht so unglaublich dick, wie Ölfarbe auf die Leinwand mit dem Spachtel aufgetragen, so dick, dass man versucht ist, die Schichten abzukratzen (wie es Karl am Ende beim Ewigkeitsgemälde seines Bruders dann auch tut), wenn sie nicht auf Grund ihrer Schwere von selbst, Schlieren hinterlassend, herabtropfen würden: ein Anhänger, bei dem der Erzähler nicht zu unterscheiden vermag, ob es ein Hunde- oder Wolfskopf ist, Graugansschwärme, die einzelne verletzte Mitglieder zum Sterben begleiten, Esel, die von Ponys gemobbt werden, und wimmernde gebärende Katzen, die stellvertretend für das (tapfere) missbrauchte Mädchen weinen. Muss es noch ein bisschen direkter sein?

Und böse sind natürlich die Frauen: Sie haben die Fäden in der Hand, mit denen sie die mehr oder weniger unwissenden Jungs lenken und wie Marionetten durch die Geschichte zuckeln lassen. Die Mutter, die sich das Leben nimmt, und Elsa, ebenso egozentrisch wie kindisch, sind die harmlosen Varianten, ins Böse gespiegelt als Mrs. Graham und Vera, die für falsch verstandene Kunstliebe und Rache über Leichen gehen.

Am Ende muss sich dieser Roman doch die Fragen gefallen lassen: Wie viel Skurrilität verträgt eine Geschichte, ohne an ihr zu ersticken? Wie viel Allegorie? Eine Orientierung an Rembrandt, dessen Andromeda in dem Roman immer wieder herhalten muss, an seinem bewussten Umgang mit Licht und Schatten, hätten einer manchmal allzu plakativen Schwarz-Weiß-Zeichnerei eventuell vorbeugen können.

Astrid Rosenfeld: Elsa ungeheuer
Diogenes, 288 Seiten
Preis: 21,90 €
ISBN: 978-3-257-06850-4
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