Zufall, Verantwortung und Boulevard

Peter Hennig – Ein deutscher Sommer Quelle: Aufbau Verlag BerlinErinnerungswürdige Fernsehbilder boten die 1980er Jahre zur Genüge. Im Januar 1986 zerbrach die Raumfähre Challenger 73 Sekunden nach dem Start, im April desselben Jahres ereignete sich die Nuklearkatastrophe in Tschernobyl, 1989 schlussendlich wurde die Maueröffnung weltweit in die Haushalte übertragen. Und Gladbeck 1988? Ein deutscher Sommer von Peter Henning.

von KAI FISCHER

Für einen bundesrepublikanischen Fernsehzuschauer gehört die massenmediale Berichterstattung über das sogenannte „Gladbecker Geiseldrama“ sicherlich in dieselbe Reihe erinnerungswürdiger Bilder, die das visuelle Gedächtnis geprägt haben. Nach einem missglückten Bankraub in einer Filiale der Deutschen Bank in Gladbeck nehmen Rösner und Degowski zwei Geiseln und verlangen 300.000 D-Mark Bargeld und einen Fluchtwagen. Vom 16. bis 18 August konnte man die Irrfahrt der beiden Verbrecher, die sie bis in die Niederlande geführt hatte, zu Hause am Fernsehschirm verfolgen. Am Ende waren zwei Tote, eine völlig enthemmte Medienmeute und polizeiliches Versagen zu beklagen. In Ein deutscher Sommer folgt Peter Henning der Chronologie der Ereignisse und erzählt von den Beteiligten und Unbeteiligten der Geschehnisse. Dabei ist es ein großes Verdienst des Romans, dass er sich nicht in plumper Medienkritik erschöpft.

Verantwortung übernehmen

Bemerkenswert ist, dass die beiden Geiselnehmer nicht nur flüchten können, sondern während ihrer Flucht sowohl von der Polizei als auch von zahlreichen Zeitungs- und Fernsehjournalisten verfolgt werden. Die daraus resultierende Außerkraftsetzung journalistisch-ethischer Standards wie auch die Ohnmacht der Polizei, die Auswüchse der Berichterstattung einzudämmen, werden dabei jedoch von Henning nicht einfach benannt und kritisiert. Es ist vielmehr ein Verdienst des Romans, dass diese beiden, für die Erzählung sicherlich wesentlichen Punkte, über einzelne Figuren, wie etwa den Fotografen Peter Ahrens, den RTL-Journalisten Thomas Bertram oder den Polizisten Rolf Kirchner, vermittelt werden. Man wird dem Text allerdings nicht gerecht, wenn man ihm ausschließlich eine medienkritische Agenda unterstellt, die dann schlicht erzählerisch illustriert worden sei. Wenn Christoph Schröder in seiner Rezension in der ZEIT davon spricht, der Roman handle von der „verlorenen Unschuld des Fernsehens“, dann trifft das eher auf die Rezeption des „Geiseldramas“ selbst zu als auf Hennings Roman. Dieser erzählt nicht nur von den durch ihren jeweiligen Beruf beteiligten Figuren, sondern auch von den Unbeteiligten, die an den Fernsehschirmen die Geschehnisse verfolgen oder von denjenigen, die der Zufall zu Protagonisten in dieser Geschichte auserkoren hat. Der Roman verhandelt demnach nicht – oder nicht ausschließlich – das Versagen des Systems Journalismus, sondern die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen.

Zufälle gibt’s

Welche Motive liegen menschlichem Handeln zugrunde? Was, wenn man durch Zufall in eine Situation gerät, der man nicht gewachsen ist, aber man sich, entgegen aller Vernunft, dennoch entschließt zu handeln? Wie Adam Jalowy, der eigentlich schon Dienstschluss hat, sich aber als Fahrer für den von Rösner und Degowski gekaperten Linienbus anbietet, und den diese Erfahrung verändert und darin bestärkt, sein Leben von da an in eine andere Richtung zu lenken. In diesem Sinne wirkt das „Gladbecker Geiseldrama“ als Katalysator für die verdrängten, aufgeschobenen, belastenden Entscheidungen, die es für die unterschiedlichen Figuren endlich zu fällen gilt. Manchen gelingt es auf diese Weise, die Verhältnisse, in denen sie es sich eingerichtet haben, hinter sich zu lassen, wie Adam Jalowy oder wie Peter Ahrens, der, anfangs einer der „Aasgeier“, nach der Ermordung einer Geisel erkennt, dass er sich schuldig gemacht hat und die Verantwortung für sein Handeln übernimmt.

Figurenkabinett

Die hier nur angedeutete Figurenfülle mag gerade zu Anfang des Romans verwirren. Dennoch entfaltet der Text eine beträchtliche Sogwirkung, sobald man sich an die filmische Erzähltechnik des Romans mit ihren kurzen Szenen, Schnitten und Cliffhangern gewöhnt hat; eine Technik, die am ehesten mit Sartres Roman-Tetralogie Die Wege der Freiheit verglichen werden kann. Dieser erzähltechnischen Verwandtschaft entsprechen auch die thematischen Gemeinsamkeiten und es erscheint nicht unangemessen, Peter Hennings Ein deutscher Sommer einen philosophischen Roman zu nennen. Philosophisch in dem Sinne, dass es ihm gelingt, durch die Darstellung von Einzelschicksalen die ‚großen‘ Fragen zu stellen: nach der Verantwortung des Einzelnen, nach der Rolle des Zufalls, nach der Gestaltbarkeit des eigenen Schicksals.

Die im Roman beschriebene Boulevardisierung der Lebensgeschichten, insbesondere im Fall der Opfer, wird von Henning allerdings nicht bedient. Dass Henning darauf verzichtet, die Perspektive der Opfer einzunehmen, stellt demnach keinen Nachteil oder ein Versäumnis dar, sondern zeugt im Gegenteil von Respekt und einem angemessenen Umgang mit einem heiklen Thema.

Peter Henning: Ein deutscher Sommer

Aufbau Verlag, 607 Seiten

Preis: 22,90 Euro

ISBN: 978-3-351-03542-6

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2 Gedanken zu „Zufall, Verantwortung und Boulevard

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