Alte Meister, lebende Tote

Alexander Schimmelbusch – Die Murau Identiät Quelle: Metrolit Verlag „Seine Haare waren voller geworden und nicht mehr grau, sondern silbern, er trug ein weißes Hemd, eine navyblaue Krawatte, die Patek Philippe mit Verlagssignet, die ich ihm zur Genesung geschenkt hatte, und obwohl wir immer so formell gewesen waren, konnte diesmal auch Thomas Bernhard nicht anders, er sprang auf und wir schlossen uns fest in die Arme.“ Beim Lesen dieser Worte fällt dem Erzähler in Alexander Schimmelbuschs Die Murau Identität vor Schreck doch fast das Weinglas aus der Hand: Thomas Bernhard lebt.

von MARK SCHMITT

Februar 2014: der Todestag des österreichischen Schriftstellers jährt sich zum 25. Mal und das Land, ja die ganze Welt, ist in Aufruhr. Bernhard wird auf geradezu absurde Weise (und sicher gegen seinen Willen) als Nationalheiligtum gefeiert. Weltweit häufen sich die neuen Editionen und Übersetzungen und in Wien ist eine exklusive Bernhardtorte in Arbeit. Während dieser Bernhardeuphorie wird dem in Wien lebenden Erzähler Alexander Schimmelbusch, ein mehr oder weniger verlotterter Kulturjournalist, ein Reisebericht des Bernhardverlegers (im Roman nie explizit genannt: Siegfried Unseld) zugespielt. Der Bericht umspannt die Jahre 1992 bis 2000 und dokumentiert die Begegnungen mit Bernhard nach dessen gemeinsam fingierten Tod, der tatsächlich nur dazu diente, den Autor von der Bühne der österreichischen Kultur verschwinden zu lassen, um ihn in New York einer Behandlung zu unterziehen, die ihn von seiner lebenslangen Krankheit heilen sollte. Nach der Genesung genoss Bernhard das Leben nach dem (vermeintlichen) Tod unter dem Pseudonym Franz-Josef Murau (der Erzähler seines letzten Romans Auslöschung) in teuren Hotels, um sich schließlich in Spanien niederzulassen und sogar zu heiraten. Während Schimmelbusch den Bericht liest, wird ihm klar, dass er selbst einmal Bernhards Sohn in New York kennengelernt haben muss. Er entschließt sich zu eigenen Nachforschungen und tritt eine Reise an, die ihn durch die von den Auswirkungen jüngster Krisen gebeutelte westliche Welt über New York nach Spanien führt.

„Meist fehlt die Süddeutsche.“

Und was für eine Welt das ist: Schimmelbusch wird bei der Einreise in die USA von einer „Verhörspezialistin“, die vor allem in Folter und sexueller Demütigung versiert ist, zusammengeschlagen und oral in die Mangel genommen, um zu ergründen ob er Islamist, Nazi oder Homosexueller ist oder den USA anderweitig ideologischen Schaden zuzufügen gedenkt. Standard und dem Erzähler keinen Ausdruck des Erstaunens wert, ebenso wenig wie der endgültige gesellschaftliche Kollaps des wirtschaftlich ausgelaugten und in den Bürgerkrieg abrutschenden Spaniens. Die beeindruckenden Beschreibungen dieses Dauerausnahmezustands werden mit den Passagen aus dem Verlegerbericht kurzgeschlossen, in denen Bernhards Vertrauter seinerseits die kulturellen und sozialpolitischen Keimzellen des von Schimmelbusch fast zwei Jahrzehnte später erlebten Zerfalls diagnostiziert. Von Reflexionen über Bret Easton Ellis’ Gesellschaftsportrait American Psycho zu Beginn der 90er über die Desillusionierung des Verlegers angesichts der politischen Aussetzer seines Autors Peter Handke während des Kosovokriegs beobachtet der Verleger den kulturellen Wandel der Nachkriegszeit wenig begeistert: „Aus Massengräbern werden Golfplätze, aus Konzentrationslagern Fincahotels, die dann im Reiseteil der Zeit besprochen werden.“

Ohnehin, die Zeitungen: Wie schon Bernhard und viele seiner Erzählerfiguren stürzen sich Schimmelbusch und auch der Verleger immerzu auf die neuesten Ausgaben und werden ihrerseits fast irre am Fehlen der wichtigsten Blätter in den Flugzeugen und Lounges dieser Welt. Musste schon Bernhard in Wittgensteins Neffe für die Süddeutsche erst ins benachbarte Deutschland reisen, hat sich für Schimmelbusch im Jahr 2014 nicht viel geändert. Der unbedingte Drang, sich über die Rezeption des in den Zeitungen aufgearbeiteten kulturellen und politischen Zeitgeschehens mit der Welt in Bezug zu setzen und ihrer intellektuell habhaft zu werden, wird in Schimmelbuschs Roman durch die beiden Erzählerfiguren gekonnt in zwei Ausformungen dargestellt: Während sich in der Figur des Verlegers letztlich ein zunehmend enttäuschter idealistischer Intellektueller erkennen lässt, stellt Schimmelbuschs weitestgehend illusionsbefreite Perspektive die Konsequenz aus eben diesem enttäuschten Idealismus dar. Manchmal erinnert das an Rainald Goetz’ loslabern, in dem sich auf ähnliche Weise die Frage danach stellt, was die Angehörigen der symbolischen Klasse, zu der schließlich auch das Personal in Die Murau Identität – Verleger, Journalisten, „Kulturschaffende“ – gehört, den Krisen dieser Welt entgegenzusetzen haben.

Der (Un)Tod des Autors

Natürlich laden Bernhards fingierter Tod und seine Wiedergeburt dazu ein, Schimmelbuschs zweiten Roman nach Blut im Wasser (2009) als einen Metareflex auf den Barthesschen „Tod des Autors“ zu lesen. Erfreulicherweise hat sich das Potential der Murau Identität damit aber nicht erschöpft, denn der Roman bietet mehr als nur eine an ein literaturwissenschaftlich geschultes Publikum adressierte Einladung zum selbstgefällig-süffisanten Kinnkratzen und Brillezurechtrücken und ist nicht zuletzt ausgesprochen kurzweilig, oft auch witzig. Mit den teils direkt zitierten und vergleichbar funktionierenden Vorbildern wie Michel Houellebecqs Karte und Gebiet und Bret Easton Ellis’ Lunar Park kann es Schimmelbusch durchaus aufnehmen, wobei besonders der Humor des letzteren hier wiederzuerkennen ist. Angesichts des Gegenstandes des Romans liegt es natürlich nahe, dass Bernhardreferenzen in Stil und Motivik nicht zu kurz kommen; nicht zuletzt die fiktionalisierende Dopplung von Autor und Erzähler Schimmelbusch ist eine Strategie, die viele Texte Bernhards mit denen der oben genannten zeitgenössischen Autoren verbindet. Der Roman verkommt aber nicht bloß zu einer Art fan fiction, sondern vermag auf originelle Weise Bernhards Schaffen pünktlich zum 25. Todestag zu einem gegenwärtigen literarischen und kulturellen Kontext in Bezug zu setzen und so zu revitalisieren. Eine empfehlenswerte Lektüre. Das ist die Wahrheit.

Alexander Schimmelbusch: Die Murau Identität
Metrolit, 206 Seiten
Preis: 18 €
ISBN: 978-3-8493-0338-9
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Ein Gedanke zu „Alte Meister, lebende Tote

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