Auf einen literarischen Windbeutel KW 4

Windbeutel   Foto: flickr Userin Astrid Kopp CC BY-NC-SA 2.0Gestatten: Hemgesberg. Ich lade Sie hier und heute auf ein aufgeblasenes Häppchen, oder – wie man so schön im Nachbarland Österreich sagt – Brandteigkrapferl der vergangenen Woche ein. Setzen Sie sich, es ist genug geschehen in dieser Welt der fanatischen Fanboys und Fangirls, damit wir ein wenig plaudern können: Die Arno-Schmidt-Mania zum 100.

von NADINE HEMGESBERG

Natürlich, natürlich, die Analogiebildung vom windigen und aufgeplusterten Luftgebäck mit dem Misanthropen und „Grantler“ Arno Schmidt hinkt fast vollkommen. Windig, gar oberflächlich war der Schriftsteller ganz und gar nicht. Ganz falsch liegen wird man mit dem Windbeutel dann aber auch wieder nicht, wenn man Schmidts hin und wieder allzu kokette Selbstinszenierung betrachtet. Am 18. Januar wäre Arno Schmidt 100 Jahre alt geworden, das Feuilleton schaut mit Zettelkästen zurück, reflektiert die eigene Verehrung und gibt mir Anlass darüber nachzudenken, wie es eigentlich heute um das manchmal fanatisch exegetische Fangirl, den entschlüsselnden und hermeneutisch grabenden Fanboy, bestellt ist.

So schreibt Kurt Scheel, Kulturjournalist und Arno-Schmidt-Jünger, über die anhaltende Verehrung Schmidts in den Anfangszeiten und die wachsende Popularität: „Arno Schmidt war uns also nicht nur ein Schriftsteller, dessen Werke man las und liebte und bewunderte – er war ein Guru, ein Role-Model, er war der King: der Elvis für die gebildeten Kreise.“ Die Gesamterscheinung Arno Schmidts wurde gewürdigt, sein Werk gehegt, gepflegt und auseinandergenommen und nahezu heilsuchend verschlungen. Und wie sieht es gegenwärtig mit der Autorenverehrung aus? Nicht viel anders möchte man meinen, AutorInnen werden auf Lesungen gelöchert, Orte der Handlung in Romanen werden in den verwinkelten Gassen Londons, Wirkungstätten der Literaten in Prag, Paris oder Wien besucht, mit den AutorInnen wird noch und nöcher interagiert und jedes noch so kleine Fitzelchen Schriftgut aufgesogen wie nährende Muttermilch.

Doch geht es beim gegenwärtigen Lesen – auch der sogenannten Höhenkammliteratur (Hochliteratur) – und dem Leseverhalten einiger, das in Lese-Communities (manchmal mehr, manchmal weniger reine Marketingmaschine) und auf diversen Plattformen der Vernetzung (und in absoluten Nerdforen) zur Schau getragen wird, nicht vielmehr nur um die Pflege eigener Narzissmen. Handelt es sich nicht um die Zwänge der Selbst-Quantifizierung und der eigenen Selbstversicherung? In Lese-Challenges werden andere LeserInnen herausgefordert immer mehr Seiten in der Stunde zu verschlingen, Prozentzahlen zum aktuellen Fortschritt werden angegeben, die Stapel ungelesener Bücher (SUBs) aufgebaut und wieder abgebaut. Doch was heißt eigentlich „XY ist auf Seite 895 von 1552 des Unendlichen Spaß“? Was bedeuten Statistiken hier, wenn einem Sinn und Tiefe verloren gehen (Ja, sehr kurz gedacht die Gleichsetzung von Schnelligkeit und Oberflächlichkeit, aber wer vermag die Recherche schon in drei Tagen zu lesen und mehr zu berichten wissen als nur von der Madeleine?) Sprich, geht es gar nicht so sehr um den Inhalt, sondern um die Leistung, die dahinter steckt, den Stapel ungelesener Bücher zu erklimmen und anderen die lange Nase zu zeigen, weil sie nicht so leistungsfähig sind, nicht die – und ich hoffe, ich übertreibe nun – 150 Seiten in der Stunde schaffen?

Nun dieser schnelle Werkerschließungsgedanke und die Spiegelung der eigenen Fähigkeit und Vergleichbarkeit mit anderen LeserInnen, das mag in gewisser Hinsicht auch bei den Jüngern Arno Schmidts und vieler anderer Autoren nicht anders gewesen sein, einzig der Leistungsgedanke ist doch ein anderer.

Wo sind sie hin die im Scheelschen Sinne exegetischen Fanboys und Fangirls, die wenn auch jugendlichem Leichtsinn anheimgefallen sein mögen, sich jedoch fernab von Statistiken in das Werk des Autors vergruben? Ist es so oder so oftmals nur noch ein Internetphänomen, dass sich Menschen zusammentun, um in einer Art Lesekreis – und pardon, auf gehobenem Niveau diskutieren und nicht nur #TeamEdward oder #TeamSchießmichtot schreien – Wikis zum Unendlichen Spaß von David Foster Wallace zu erstellen oder interaktive Karten der sieben Königreiche in Game of Thrones zu gestalten. Unausgegoren ist dieser Gedanke noch, reichen soll es fürs erste vom Windbeutelleseverhalten.

Häppchen alle, auf Wiederlesen in der nächsten Woche.

 

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