Blinde Flecken

Gabrielle Bell – Die Voyeure Quelle: Metrolit Verlag BerlinGabrielle Bell blickt in Die Voyeure auf sich selbst und die Zeit zwischen 2007 und 2010, lässt den LeserInnen dabei aber viel Platz für eigene Selbstauslotung. 

 von CHRISTIAN A. BACHMANN

In Comics geht es irgendwie immer ums Sehen. Darum, was die Bilder zeigen und darum, wie sie es zeigen. Comics – Bilder überhaupt – bedienen nicht selten den sehr menschlichen Wunsch danach, etwas zu sehen zu bekommen. Etwas Neues, Unbekanntes, etwas Überraschendes, Erstaunliches oder etwas Vertrautes – und am liebsten etwas Geheimes oder gar Verbotenes. Was uns eigentlich verborgen bleiben soll, reizt die Neugier. Das gilt besonders für Tagebücher, diesen den meisten fremden Blicken verborgenen Aufschreibeorten intimster Gedanken und Phantasien.

Zur Beobachtung freigegeben

Gabrielle Bells neues Buch Die Voyeure schöpft, wie schon frühere ihrer Comics, aus ihren Alltagserfahrungen. Sie lädt uns ein, einen Blick in ihr gezeichnetes Tagebuch zu werfen. In kurzen Episoden, jeweils kaum mehr als ein, zwei Seiten lang, schildert sie ihr Leben als struggling artist mit Anfangmittedreißig.

Ein Prolog gibt dem Buch Titel und Thema. Sommerabend. Ein Hausdach in Brooklyn. Auftritt: Gabrielle Bell. Sie stößt zu einer Gruppe Gleichaltriger, die mit Getränken und Knabbersachen am Rand des Daches steht. Mit ihren Freunden beobachtet sie ein Paar, das im Haus gegenüber Sex hat. Bevor sie uns jedoch ein Bild der partnerschaftlichen Leibesübungen gibt, zeigt sie die Gruppe frontal. Alle starren schweigend. Aber sie gucken nicht nur hinüber, sie schauen auch uns an, die wir ihr Beobachten beobachten. Dann zeigt Bell das Paar, und für die Dauer eines Bildes – also solange wir möchten – dürfen wir das gezeichnete Schamhaar der Frau sehen, bevor sie den Vorhang ver- und die gierigen Augen ausschließt.

Nichts Frivoles oder auch nur Pikantes

Das Leben einer Comiczeichnerin ist nicht frivol oder pikant, selbst wenn sie mit ihrem (damaligen) Lebensgefährten Michel Gondry nach Japan oder Südfrankreich reist oder an exklusiven Hollywoodpartys teilnimmt. Bells fiktives alter ego ist betont normal und damit so unzufrieden wie wir alle. So wird Die Voyeure nicht nur zu einem (weitgehend) autobiographischen Selbstportrait, sondern auch zu einem Bild der späten Nuller-Jahre, in dem sich jeder wiederfindet, der einmal persönliche Ängste oder Selbstzweifel hatte.

Wenn Bell erzählt, wie sie Gondry durch den Türspion heimlich im Gespräch mit einer anderen Frau beobachtet, dann grenzt das an psychologische Nabelschau. Nicht so sehr, weil das ein unverzeihlicher Akt des Misstrauens ist, dafür ist es viel zu gewöhnlich und banal, sondern weil Gondry sie dazu überredet, es in ihr Tagebuch zu schreiben, auf dessen Basis sie die Episode zeichnet. Das sagt vieles über Bell aber auch über die Beziehung zwischen ihr und Gondry aus. Zuweilen erinnert der melancholische Ton und die Selbstironie an Woody Allen, Larry David oder, um bei Comics zu bleiben, an Chris Ware.

Den Blicken entzogen

Aber: Bilder zeigen nicht nur, sie verbergen auch. Darauf weist auch Aaron Cometbus in seinem knappen aber klugen Vorwort hin. Bells an die ligne claire erinnernder Strich, der nicht selten etwas unbeholfen und linkisch wirkt, ist eine Fassade, hinter der sie ihre Bekannten und nicht zuletzt sich selbst versteckt. Die Figuren sind kaum mehr als Umrisse, ihre Gesichtszüge weitgehend austauschbar. Wo in ihrer Welt etwas mehr zu erkennen sein könnte, kritzelt Bell schwarze Flecken, die nur selten Schattierungen sind, viel häufiger aber Leerstellen, die zu sagen scheinen: Hier könnte etwas sein, aber ich zeige es dir nicht – füll’ es selbst aus. So bleibt Bells Geschichte gerade wegen der blinden Flecken offen für jeden, der bereit ist, sich in sie hinein zu denken oder zu fühlen.

Eine Anmerkung zum Schluss: Wer sich von dem mit „Graphic Novel“ untertitelten Buch eine abgeschlossene Handlung verspricht, wird enttäuscht: Die Gattungsbezeichnung scheint (wie so oft) aus rein marktwirtschaftlichen Interessen hinzugefügt worden zu sein.

Gabrielle Bell: Die Voyeure
Aus dem Amerikanischen von Thomas Stegers
Walde+Graf/Metrolit, 158 Seiten
Preis: 22,99 Euro
ISBN: 978-3-8493-0072-2
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