„Wir werden gelesen!“

Lesart Spezial "Big Data" am 28.01.14   Bild: © Lara TheobaltBeim Lesart Spezial am vergangenen Dienstag im Casa Essen lud Prof. Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Thema der Runde: „Big Data“, also das Sammeln und Auswerten enormer Datenmengen, das schon vor Snowden unsere Gegenwart prägte. Es diskutierten Frank Schirrmacher und Manfred Schneider, Letzterer begreift in seinem Buch Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche das Phänomen „Big Data“ als ein kulturelles und stellt es in eine Genealogie mit literarischen Utopien, der philosophischen Zeitenwende und der französischen Revolution.

von LARA THEOBALT

Wie Prof. Dr. Manfred Schneider (Ruhr-Universität Bochum) in seinem Buch aufzeigt, prägt der Traum einer Transparenz des menschlichen Denkens die Ideengeschichte seit der Antike. Philosophen, Literaten und Neurobiologen streben nach Einsicht in das Innerste des Menschen, doch nun auch die NSA, Google & Co. Schneider erklärt, wie dieser Traum unsere Gesellschaft beeinflusst und warum er schließlich doch eine Illusion bleibt. Spätestens seitdem der Whistleblower Snowden den Überwachungsskandal losgetreten hat, verkehrt sich der Transparenztraum schließlich in einen Albtraum.

Aus Transparenz wird Überwachung

„Dieses Buch ist ein Eye-Opener“, lobt Frank Schirrmacher, Herausgeber der F.A.Z., Schneiders Arbeit. Es sei an der Zeit, dass die Geisteswissenschaften anfangen mitzureden. Bisher sei die Debatte um Big Data vor allem durch die Wirtschaft geprägt. So auch in der Redaktion, wo sich das Feuilleton in der aktuellen Diskussion besonders behaupten müsse. „Das Thema zwingt uns, komplexer zu denken“, ermahnt Schneider. Es gehe weder um einen Wettstreit der Disziplinen, noch um eine einseitige Betrachtung. Transparenz habe immer zwei Seiten. Einerseits fordere unsere Demokratie eine Einsicht in den Staatsapparat, es bestehe ein Ideal der Transparenz, nach dem jeder Zugang zu bestimmten Informationen hat: Die Bürger fordern mehr denn je Einblicke in Angelegenheiten aller öffentlicher Organe wie Politik, Wirtschaft oder Kirche. Zudem steigt die Tendenz, immer mehr Persönliches virtuell preiszugeben. Andererseits aber könne sich dieses Ideal in Ideologie verkehren. Gefährlich würde es, wenn die Forderung nach Transparenz einseitig sei und ein gläserner Bürger einer wirtschaftlichen Macht entgegenstehe, in die er keine Einsicht mehr hat.

Genau diese Beobachtung macht der Sammelband Big Data – Das neue Versprechen von Allwissenheit, herausgegeben von Heinrich Geiselberger und Tobias Moorstedt, in dem u.a. Schirrmacher in einem Beitrag zeigt, wie weit Überwachung heute in unser Leben eingreift und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Wir leben bereits jetzt mit einem Gesundheitssystem, das Krankheitsverläufe voraussagt, mit Krediteinstufungen, die auf Facebook-Einträge zurückgreifen und mit Autos, die unser Fahrverhalten messen. Wer ein Smartphone nutzt, sendet ständig Daten über seinen Aufenthaltsort. Firmen, die auf die Auswertung von E-Mails spezialisiert sind, behaupten, ganze Persönlichkeitsprofile erstellen zu können. Schirrmachers Fazit: „Wir werden gelesen!“ Das System dabei sei immer dasselbe: Daten werden in großem Maß gesammelt und vernetzt. Bei der Auswertung gehe es nicht, wie oft behauptet, um unsere Sicherheit, sondern um ökonomische Ziele wie Effizienzsteigerung und Profit, z.B. in Form von personalisierter Werbung.

Alles keine Frage der Technik

„Wir erleben zurzeit den größten Bluff des 21. Jahrhunderts. Big Data ist kein technisches Ereignis, sondern ein Politisches“, betont Schirrmacher. Wir – und auch unsere PolitikerInnen – müssen nicht verstehen, wie ein Mikrochip funktioniert, wir sollten uns jedoch die Frage stellen, welche Daten er speichert. Auch Schneider hält es für technischen Fatalismus, eine bestimmte technische Entwicklung allein für den aktuellen Überwachungsskandal verantwortlich zu machen. Was uns die Verantwortlichen mit Sätzen wie „Die Technik entwickelt sich nun einmal so“ ausmalen, die Vorstellung einer unkontrollierbaren Technik, ist nicht mehr als eine Science-Fiction-Vision. Was wir jedoch heute erleben, hat nicht viel mit Robotern zu tun. Es geht um ökonomische und politische Entscheidungen. Etwa: Wie wollen wir die Technik, die uns zur Verfügung steht (und mit der wir viele sinnvolle Dinge tun können), nutzen? Wie weit darf die Ökonomisierung des Privatlebens gehen? Schirrmacher und Schneider stimmen darin überein, dass eine politische Beschäftigung mit diesen Themen unerlässlich ist.

Big Data ist nicht zuletzt eine Frage der Solidarität. Schirrmacher betont, man dürfe nicht vergessen, dass jede Auswertung gesammelter Daten eine bestimmte Fehlertoleranz habe. Selbst bei Fehlerquoten von bis zu 20% gelte eine Berechnung, etwa der Kreditwürdigkeit noch als effizient. Was aber, wenn ich nun fälschlich als nicht kreditwürdig eingestuft werde? Wie ein BGH-Urteil dieser Woche entschieden hat, muss etwa die Schufa ihre Berechnungsmethoden nicht einmal offenlegen. So geht an entscheidenden Stellen die Fähigkeit verloren, den Menschen hinter den Daten einzuschätzen. Nach Schirrmacher seien wir auf bestem Weg, einen völlig neuen, wenn auch nicht weniger willkürlichen, Schicksalsbegriff einzuführen. Er geht davon aus, dass in Zukunft immer mehr Menschen durch das System rutschen und so die Folgen der Überwachung eine ganz neue Dimension annehmen. Eine weitere Prognose, die er wagt, ist, dass das Silicon Valley bald den Banken Konkurrenz machen könnte. Die digitale Währung Bitcoin sei nur ein erster Schritt. Langfristig gedacht, kann diese eigene Währung weitestgehende Unabhängigkeit vom Staat bedeuten.

Empört euch!

Es bleibt unverständlich, warum trotz der teils alarmierenden Enthüllungen der letzten Monate und Wochen viele noch immer der Ansicht sind, Big Data gehe denjenigen, der nichts zu verbergen habe, nichts an. Schneider erklärt, dies liege vor allem daran, dass die Form der Machtausübung, die wir derzeit erleben (noch) nicht direkt spürbar sei. Im Gegenteil, jeder werde in das System mit einbezogen: „Das ist nicht 1984, sondern 2014.“ Und eben darin liegt die Gefahr. Die Frage, wie weit Transparenz reichen darf, gilt es auf europäischer Ebene zu klären. Leggewie macht deutlich, es gehe nicht um Kulturpessimismus. So sei die aktuelle Debatte auch eine Chance für Europa, sich mit seinen Grundwerten neu zu positionieren und zu festigen. Für Schirrmacher stehen dabei auch die Medien in der Verantwortung: „Es darf nie heißen, die Nachricht, die die meisten Klicks hat, ist von größter Relevanz.“ Nicht nur die Medien, auch die Literatur steht vor der Aufgabe, sich mit den jüngsten Ereignissen zu beschäftigen.

Neben dieser großgesellschaftlichen Dimension, ist Big Data aber auch eine ganz persönliche Frage. Schneider betont, wir müssen nicht in einer Dystopie leben, in der man seinen Lebensraum zwischen „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ verorte. Sein Buch gibt einen guten Anstoß, sich mit diesem – vielleicht gegenwärtig wichtigsten – Thema auseinanderzusetzen.

Die abschließende Diskussion mit dem Publikum hat noch einmal verdeutlicht, dass das Interesse an Big Data vor allem da beginnt, wo uns die Überwachung direkt betrifft. Die Veranstaltung hat zumindest mir aufgezeigt, dass dies an wesentlich mehr Punkten der Fall ist als erwartet.

Hinweis: Das Lesart Spezial ist am 02.02. zwischen 12:30 und 13:00 im Deutschlandradio Kultur zu hören.

Manfred Schneider: Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche.
Matthes & Seitz Verlag, 176 Seiten
Preis: 19,90€
ISBN: 978-3-88221-082-8
Heinrich Geiselberger und Tobias Moorstedt (Hrsg.): Big Data – Das neue Versprechen der Allwissenheit
Suhrkamp, 309 Seiten
Preis: 14,00€
ISBN: 978-3-518-06453-5
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