Wann hat man es eigentlich „geschafft“?

Zadie Smith - London NW Cover Kiepenheuer & WitschAus Caldwell, London, scheint es nur zwei Wege zu geben: nach oben und nach ganz unten. Die Fleißigen, die bereit sind sich abzurackern und im Zweifel selbst zu verleugnen, haben eine Chance, die Sozialsiedlungshölle zu verlassen. Den Faulen bleibt nur der Absturz – uneheliche Kinder en masse, Drogen, Kriminalität – bis zum unteren Ende der Fahnenstange ist es nicht weit. Doch Zadie Smiths hervorragenden Roman London NW zeichnet aus, dass er es sich nicht so einfach macht. Selten fordert ein Roman so deutlich, endlich einzusehen, dass das Leben – zumal in der Großstadt – nicht nur in eine Richtung führen kann.

von SOLVEJG NITZKE

Manche Orte erscheinen eher ein Schicksal zu sein, als eine Adresse oder mehr noch: ein Urteil. Natalie, Leah, Felix und Nathan wachsen in Caldwell, einer Hochhaussiedlung im Nordwesten Londons, auf. Schon früh wird ihnen klar (gemacht), dass ihnen „Caldwell“ ihr ganzes Leben lang wie ein Makel anhaften wird. Alle vier sind gleichsam dazu verurteilt, ihr Leben an ihrer Herkunft zu messen – vereinfacht bedeutet das: je weiter weg von dort, desto erfolgreicher ist man. London NW erzählt davon, dass, wie unterschiedlich die Lebenswege der vier Protagonisten auch sein mögen, ihre Herkunft sie unauflöslich verbindet.

Gerade die große bürgerliche Kunstform, der Roman, scheint prädestiniert zu sein, um die Bemühungen erfolgreich zu sein und das eigene Leben selbst zu bestimmen, in den Blick zu nehmen und – im besten, weil unterhaltsamsten Fall – gnadenlos scheitern zu lassen. Die Herkunft würde dann wirklich wie ein Schicksal gelesen, um alle Träume von Erfolg und Selbstständigkeit an einer imaginierten Realität zerschellen zu lassen. Wie schön, dass Zadie Smith es in ihrem Roman anders macht.

Aufsteigerinnen und Sitzenbleiber

Auch in England gibt es den Traum, der verspricht, dass durch harte Arbeit alles möglich wird. Natalie ist eine der Fleißigen. Keine Drogen, keine Eskapaden und Partys nur im Ausnahmefall – mit Anfang/Mitte dreißig ist sie eine erfolgreiche Anwältin, Mutter zweier Kinder und so glücklich wie gut mit einem Banker verheiratet. Sie hat es geschafft. Weiter weg von Caldwell konnte sie praktisch nicht kommen und doch entkommt sie nicht. Beeindruckend ist, dass sie dennoch keine wohlerzogene Eliza Doolittle ist, deren Präkariatswurzeln von Zeit zu Zeit durchbrechen, sondern dort, wo sie hin wollte, auch wirklich hin gehört. Entfremdung wird ihr nur dann zum Problem, wenn sie „nach Hause“ kommt. Ihre Schwester, die mit ihren unehelichen Kindern noch immer bei den Eltern lebt, ist ihr ebenso fremd, wie nah. Dieser paradoxe Gefühlszustand erstreckt sich auch auf ihre beste Freundin, Leah, und ihre alte Nachbarschaft. Daran zerbricht Natalie aber nicht, auch wenn es manchmal schwer ist. Der Rassismus, der ihr entgegenschlägt (sie sei „eine Kokosnuss, von außen braun, von innen weiß“), die Ratschläge ihrer Mentorin, wie sie auch als Frau vor Gericht Erfolg haben kann, ohne aufzuhören eine solche zu sein und die schwierige Beziehung zu ihrer Vergangenheit, sind ein Teil davon, wer sie ist. Glück ist eben kein Zustand bloßer Problemlosigkeit.

Ihr äußerlicher Erfolg ist jedenfalls kein Grund für Zadie Smith, sie den in Caldwell „zurück“ gebliebenen Protagonisten Leah, Nathan und Felix als leuchtendes Beispiel vorzuziehen oder sie im Gegenzug als Nestflüchterin zu verdammen. Sie hat es nicht leichter oder schwerer als ihre Schulfreundin Leah, irischer Abstammung, die in Caldwell geblieben ist, einen (schwarzen) Franzosen geheiratet hat und sich fragt, ob sie wirklich Mutter werden möchte, oder ob ihr das Leben nicht so genug (oder ohnehin schon zu viel) ist. Begegnen sich beide, wird es anstrengend: Die eine hat es geschafft, die andere vielleicht nicht, so richtig glücklich ist keine und an Austausch ist eigentlich auch nicht mehr zu denken. Aber diese Entfremdung nun ausschließlich auf den (erworbenen) sozialen Status zurückzuführen, würde völlig verkennen, wie viel sich im Leben der beiden Frauen verändert hat und wie viel doch gleich geblieben ist.

Es kann jedoch auch anders laufen, man kann allzu sehr unter die Räder kommen, auch wenn man, wie Felix, eigentlich schon an die eigene Rettung glaubt, oder sich, wie Nathan, im Milieu ganz gut eingerichtet hat. Was auch passiert, „Caldwell“ zu leugnen, scheint nicht zu gelingen. Schwestern, Eltern, Freunde, Liebhaberinnen und Gewohnheiten stellen, ob man will oder nicht, scheinbar unverbrüchliche Verbindungen zu einem Leben her, dem man nicht (mehr) angehört oder angehören will, verknüpfen Scheitern und Erfolg und verweisen ebenso in die eigene wie auch in fremde (mögliche) Zukünfte und in die viel zu wirkliche Gegenwart. Zu wirklich, weil irgendwie doch niemand weiß, was damit anzufangen ist. Weder die reiche Anwältin noch die zweifelnde Sozialarbeiterin, weder der Drogendealer noch der Ex-Junkie schaffen es, sich selbst zu entkommen. Denn sie selbst, das sind doch immer auch die anderen. Vielleicht ist das aber auch in Ordnung, denn London NW begleitet die Protagonisten ohne zu urteilen und ohne sie einem voyeuristischen, nach Niedergang lechzenden Leserblick  auszuliefern oder sie zu bemitleiden. Dass sie nicht „gewinnen“ können, macht sie so glaubwürdig.

Biographien ohne Pathos

London NW erzählt keine neuen Geschichten, aber hier gelingt etwas, das leider viel zu leicht zu übersehen ist. Es ist allzu verführerisch, seine Aufmerksamkeit auf all die „ethnischen Schubladen“ (DIE ZEIT, 9. Januar 2014) zu konzentrieren, die, oft nur angedeutet, natürlich ein Teil des Lebens der Protagonisten sind und doch nicht allein bestimmen, wer sie sind. Anders zu sein (als die Eltern, die Freunde, die Kollegen), macht den Figuren das Leben mindestens so oft schwer, wie genauso zu sein (wie die Eltern, die Freunde, die Kollegen) und trotzdem geht es hier um Menschen, die sich nicht nur erfolgreich erfinden oder im Sog des Lebens verlieren, sondern es verstehen, sich durch die Stadt und durch ihre eigene Geschichte zu bewegen. Niemand wird es am Ende wirklich „schaffen“ (was auch immer „es“ ist) und schon gar nicht wird London zu einem utopischen Ort, an dem all die Äußerlichkeiten verschwinden. Ganz im Gegenteil, das Leben wird nicht leichter, wenn man nicht in eine Schublade gesteckt wird, denn wenn einem alle Wege offen stehen, kann man eigentlich nur scheitern. Denn ja, „Verfasser seines eigenen Lebens zu sein ist Glück und Stress zugleich.“ (DIE ZEIT, 9. Januar 2014)

London NW kommt deswegen ohne Heldinnen und Helden aus, weil die Autorin es versteht, Dinge nicht als gegeben zu betrachten und gleichzeitig von London und Caldwell zu erzählen, als ob man sich dort auskenne. Dadurch wird die Stadt selbst zur Protagonistin, ohne – und darin sucht der Text seinesgleichen – sich ständig in Beschreibungen zu ergehen, die doch nur zeigen, was man schon zu kennen meint. London gehört nicht mehr Dickens, sondern den Figuren und wird dadurch konsequenterweise weniger groß und weniger großartig. Die Stadt bildet sich und wird dort lebendig, wo sich die Wege und Geschichten ihrer Bewohner kreuzen, außerhalb dessen hat sie keine Bedeutung – warum auch?

Distanz, Realismus und das Schreiben „ausgesprochen zeitgenössischer Romane“

Das, was einen an London NW so fasziniert – die von Tanja Handels überzeugend ins Deutsche übertragene, kraftvolle und doch nüchterne Sprache Zadie Smiths, der unsentimentale Witz des Romans und seine anschlussfähige und doch exklusive Perspektive –, kann einen als Leser nicht weniger überfordern. London NW ist kein Schmöker, der einen am Ende mit dem wohligen Gefühl zurück lässt, am richtigen Platz zu sein, sondern rüttelt gerade durch die beharrliche Weigerung seine Figuren zu bewerten oder in irgendeiner Weise Position zu beziehen nicht nur an außerliterarischen Sicherheiten, sondern auch an den Konventionen des Erzählens von Identitäten.

Zu Recht stellt Ijoma Mangold fest, dass dieser Roman einen „sehr umsichtigen Leser [erfordert], der die Lebensgeschichten der Protagonisten, die relativ unabhängig voneinander erzählt werden, so übereinanderlegt, dass sich Konstellationen zeigen, durch die die Figuren sich gegenseitig charakterisieren“ (DIE ZEIT, 9. Januar 2014). Das bedeutet aber auch, aushalten zu müssen, dass einem kein auktorialer Erzähler „hilfreich zur Seite“ steht. Das kann man als Zumutung und Zeichen für einen Willen zu mehr Form als Inhalt sehen und den Roman als „seltsame Kombination aus Einfühlungsrealismus und kühler, beherrschter Distanz“ (ebd.) lesen. Aber wenn man sich als Leser genug emanzipiert, um sich zuzutrauen, sich selbstständig durch einen Text zu bewegen, ohne Bewertungen vorgesetzt und Erklärungen eingetrichtert zu bekommen, dann wirkt der Roman alles andere als „kalt wie Marmor“ (ebd.). Vielleicht ist es „leichter, diesen Roman zu bewundern, als ihn zu lieben“ (ebd.), aber es ist selten genug, dass man einen Text (und seine Figuren) so bewundern kann wie diesen.

Wer sagt schließlich, dass man es beim Lesen (oder Lieben?) leicht haben soll? London NW verlangt seinen Figuren und Lesern gleichermaßen viel ab. Dafür lässt dieser Roman ihnen jedoch auch so viel Freiheit, dass einmal mehr deutlich wird, dass gute Literatur auch außerhalb der Klassikerabteilungen zu finden ist und ambitioniertes Erzählen und eine gute Geschichte sich auch in zeitgenössischen Texten nicht ausschließen – einen alles andere als kalt lassen.

Zadie Smith: London NW
Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten
Preis: 22,99 Euro
ISBN: 978-3-462-04557-4

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