Große Preise werfen ihre Schatten voraus

John Morgan: Gentlemen of the Jury (1861)   Quelle: WikimediaEntscheidungen über Auszeichnungen, Preise und ihre Träger sind häufig strittig, aber ebenso umstritten sind auch die Entscheidenden. Das gilt nicht nur für DSDS oder GNTM, sondern im Grunde immer, wenn sich eine Experten-Jury berufen fühlt oder berufen wird, also auch für die Buchbranche. Seien wir also gespannt auf weitere Verkündigungen im diesjährigen Literaturpreis-Catchen.

von SYLVIA KOKOT

Leipzig

Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse (ausschließlich ausgewiesene Liebhaber literarischer Erzeugnisse mit journalistisch-feuilletonistischem Hintergrund) hat ihre Nominierungen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzungen natürlich längst bekannt gegeben, schließlich findet die Messe schon im nächsten Monat statt.

Frankfurt a.M.

An der Oberfläche scheint es um den Deutschen Buchpreis 2014 noch verhältnismäßig ruhig zu bleiben, aber auch hier beginnt bereits das emsige Vorbereiten, Ordern und Bekanntgeben, um ein größtmögliches feuilletonistisches Vorab-Geraune, angespornt durch allerlei Lobbyarbeit der Buchbranche, hervorzurufen. Denn wer nichts bekannt gibt, hat auch nichts zu melden und kann auch nicht verkaufen. Und so steht seit gestern zumindest schon einmal die Jury für den Deutschen Buchpreis 2014 aus Literaturkritikern und Buchhändlern fest. Diese wird mit der Begründung, eine „größtmögliche Unabhängigkeit der Auszeichnung“ zu gewährleisten, jedes Jahr neu berufen. In diesem Jahr sind Jens Bisky (Süddeutsche), Katrin Hillgruber (freie Kritikerin), Frithjof Klepp (ocelot, Berlin), Susanne Link (Stephanus, Trier), Manfred Papst (NZZ am Sonntag), Wiebke Porombka (freie Kritikerin) und Annemarie Stoltenberg (NDR Kultur) dabei.

Die Verlage haben nun bis zum 28. März Gelegenheit, zwei Bücher aus ihrem aktuellen/kommenden Programm vorzuschlagen (Bedingung: die Titel müssen bis zur Bekanntgabe der Shortlist erschienen sein). Aus diesen Einsendungen wählt die o. g. Jury 20 Titel auf die Longlist, die am 13. August bekannt gegeben wird, um dann am 10. September daraus 6 Titel für die Shortlist zu nominieren, aus der dann der Preisträger/die Preisträgerin zur Eröffnung der Buchmesse am 6. Oktober gekürt wird. Dotiert ist der Preis übrigens auf 25.000 €, die fünf Nicht-Gewinner erhalten je 2.500 €.

Einige unbescholtene Leser mögen sich fragen, warum nicht direkt auf nur 6 Titel runtergekürzt wird, und vergessen dabei den Reiz der Rankings für Verlage, den Buchhandel und die Käuferschaft: Sie sind doch so schön, die sich auf Listen berufenden Klebebuttons „Longlist des Deutschen Buchpreises“, noch besser natürlich „Shortlist 2014“ oder „ausgezeichnet mit …“, die auf allerlei belletristischen Schätzen zu finden sind, und dem geneigten Käufer als Verkaufsargument beinahe entgegenschreien. Zudem bieten die Listen dem Feuilleton allerlei Möglichkeiten der kritischen Auseinandersetzung – auch untereinander. Schließlich dürfen professionelle Literaturkritiker qua Berufsethos nie ganz einer Meinung sein, und eine handfeste feuilletonistische Fehde zwischen FAZ und Süddeutscher oder Welt hat wohl noch nie geschadet und wird vor und während der Buchmessen doch auch von den Lesern erwartet.

Noch einmal Frankfurt a.M.

Noch einmal zurück zu der oben für die Deutsche Buchpreis-Jury postulierten „Unabhängigkeit“: Was auch immer darunter nun zu verstehen sein mag, es gibt auch Preise, die bemühen erst gar nicht solche Begriffe, sondern brechen anscheinend eine Lanze für eine persönlich getroffene Entscheidung. So auch die dieser Tage aktive Stiftung des Ludwig-Börne-Preises, denn „[ü]ber den Preisträger entscheidet ein vom Vorstand der Stiftung benannter Preisrichter in alleiniger Verantwortung.“ In der NZZ wird dann nicht ohne Stolz (oder ist es Ironie?) darauf hingewiesen, dass der „alleinige Preisrichter Martin Meyer, Feuilletonchef dieser Zeitung“, also der NZZ sei.

Zürich

Ach ja, diesjähriger Preisträger dieser mit 20.000 € dotierten Auszeichnung ist übrigens Florian Illies. Er wird als „Essayist und Zeitdiagnostiker“ hoch gelobt und befindet sich jetzt in illustrer Gesellschaft, ging doch der Preis, der „deutschsprachige Autoren ehren soll, die im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage Hervorragendes geleistet haben“, auch einmal (2008) an die zur Zeit so viel gescholtene Alice Schwarzer (sie bekam ihn damals von Harald Schmidt verliehen). Die vielen anderen, in diesem Boulevardgeplänkel leider (oder glücklicherweise) nicht genannten, weil nicht so hübsch strittigen und streitbaren Preisträger finden Sie hier.

Und nun …

… freuen wir uns also auf ein Jahr voller Preise und evtl. auch auf Überraschungen, auf Jury- und Feuilleton-Debatten, generierte Bestseller und Flops. Langweilig wird es bestimmt nicht.

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