Fünf Freunde in Japan

Haruki Murakami Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki   Cover: DuMont-BuchverlagDie Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki führen von Japan nach Finnland und wieder zurück. Haruki Murakamis neuer Roman orientiert sich gen Westen. Befremdlich wirkt er trotzdem, da am Ende genauso viele Fragen stehen wie am Anfang. Ohne Zweifel tritt lediglich das große Thema des Textes zutage: die Einsamkeit.

von KARIN BÜRGENER

Farblosigkeit – das ist die herausragendste Eigenschaft von Tsukuru Tazaki, so empfindet sich jedenfalls die Hauptfigur selbst. Im Gegensatz zu seinen vier besten Freunden, deren Namen „blaues Meer“, weiße Wurzel“, „Rotkiefer“ und „schwarzes Feld“ bedeuten, ist Tsukuru einer, „der etwas tut“. Und genau so tätig, wie sein Name ihn beschreibt, wird er, nachdem seine Freunde scheinbar grundlos den Kontakt abbrechen. Von einem Tag auf den anderen ist Tsukuru dem wichtigsten beraubt, was es für einen jungen Menschen ohne Partner geben kann: der Freundschaft. Nach einer Trauerphase, angefüllt mit schierer Verzweiflung, Lebensüberdruss und schmerzvollem Erwachsenwerden, schließt er sein Ingenieursstudium ab und konstruiert fortan Bahnhöfe – sein letzter Kindheitstraum, den er in den neuen Lebensabschnitt hinüberretten konnte. Er gibt sich selbst die Schuld am Scheitern seiner Freundschaften, da er sich für langweilig hält, für so inhaltslos wie ein leeres Gefäß.

Reise zurück und um die Welt

Diese Ereignisse liegen mit dem Einsetzen der Erzählung schon viele Jahre zurück. Nach einigen erfolglosen Beziehungsversuchen lernt Tsukuru Sara kennen. Sie ist die erste, der er von dem traumatischen Verlust seiner Freunde erzählt – inklusive der Tatsache, dass er bis zu diesem Tag nicht weiß, warum. Die schöne und kluge Sara macht es zur Bedingung für den Fortgang ihrer Beziehung, dass er diese Geschehnisse aufklärt. Warum genau sie ihm diesen Auftrag erteilt, bleibt im Dunkeln. Aber Tsukuru macht sich auf den Weg – von Tokio zurück in seine Heimatstadt Nagoya und die Vergangenheit, die er mit aller Kraft verdrängt hatte. Einen der vier ehemaligen Freunde hat es sogar bis nach Finnland verschlagen. Tsukuru sucht dennoch jeden einzelnen auf und wird auch von allen, seiner plötzlichen Ausstoßung aus dem Kreis zum Trotz, freudig empfangen – außer von Shiro, die von einem Unbekannten ermordet wurde.

Nach und nach erhellt sich das Dunkel der Vergangenheit, dafür erscheinen neue Schatten. Tsukuru erfährt von seinen früheren Freunden, dass Shiro ihn eines abscheulichen Verbrechens bezichtigt hatte. Schon damals glaubte ihr keiner der Freunde ein Wort, doch trotzdem wurde Tsukuru verstoßen. Sie taten dies, um Shiro zu schützen. Doch vor wem? Und wer war ihr Mörder?

Weitere rätselhafte Episoden schlingen sich um Tsukurus Leben: Während seines Studiums schließt er eine neue Freundschaft und wiederum wird er verlassen. Ungeklärt bleiben auch seine wiederkehrenden erotischen Träume. Und ob seine Beziehung zu Sara eine Zukunft hat?

Ein literarisches Kuriositätenkabinett

„Die Asche eines Verstorbenen, eine Perücke, eine Beinprothese, das Manuskript eines vollständigen Romans, […] ein sorgfältig in einer Schachtel verpacktes, blutverschmiertes Hemd, eine lebendige Giftschlange, ein Päckchen mit etwa vierzig Farbfotos von weiblichen Geschlechtsteilen, ein großer, prachtvoller Holzfisch …“ Ähnlich wie diese Aufzählung an Kuriositäten, die Passagiere an Bahnhöfen vergessen hatten, erscheint auch der Roman als Kuriosum aus zusammenhanglosen Einzelteilen, die sich nicht zurückverfolgen lassen. Doch jedes für sich hat eine Geschichte, jedes birgt Geheimnisse, die sich vielleicht nie mehr ergründen lassen. Losgelöst aus ihrem Kontext, bleibt ihr Sinn fraglich – und diese Verlorenheit zieht sich durch den gesamten Text, findet sich in der Einsamkeit des Erzählers, den fragwürdigen Ergebnissen seiner Recherche, in der wiederholten Erwähnung von Liszts Stück Le mal du pays (Heimweh) aus Années de pèlerinage (Pilgerjahre) und der Gegenüberstellung eines verlorenen Paradieses, einer Idylle, die sich im alten Europa findet.

Wer nicht zu jedem Rätsel zwangsläufig eine Lösung finden muss, wer nicht das Verständnis sucht, sondern das Mysteriöse, wer endlich mal ein Werk des berühmten japanischen Schriftstellers lesen will – hier ist eure Frühjahrslektüre.

Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Dumont Verlag, 318 Seiten
ISBN: 978-3-8321-9748-3

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