„Wir kehren immer zum Wasser zurück.“

John von Düffel: Wassererzählungen   Cover: DUMONTJohn von Düffel ist zurück – und mit ihm das Wasser. Elf Erzählungen über das Wasser, Familie, Verlust und nicht weniger als das Leben selbst, in denen die Facetten des formwandlerischen Elements sowohl inhaltlich als auch formal in Szene gesetzt werden.

von KATJA PAPIOREK

Wasser ist Leben. Es umgibt und bedingt unsere Existenz. Mehr als 70% unseres Körpers besteht aus Wasser, etwa ebenso groß ist der Anteil an wasserbedeckter Erdoberfläche. Wasser verändert sich, ist wandlungsfähig – und zwar weit über die drei Aggregatzustände fest, flüssig und gasförmig hinaus. Da überrascht es nicht, dass dem Wasser eine ganze Reihe von (zum Teil widersprüchlichen) Bedeutungen zugeschrieben wird. Es steht für das Leben, die Wiedergeburt, die Reinigung. Gleichzeitig birgt es immer auch Gefahren, symbolisiert den Untergang und den Tod. Wasser umhüllt uns, passt sich an, nimmt uns auf, reißt aber auch mit, was sich ihm in den Weg stellt. Es fordert uns heraus, zeigt uns unsere Grenzen auf. Nie ist das Wasser dasselbe, immer ist es in Bewegung, im Fluss – und erinnert dabei an das Vergängliche, und somit auch an das Vergehen der Zeit.

Wasser des Lebens

Diesen existenziellen und symbolischen Aufladungen ist es zu verdanken, dass das Wasser seit je her ein beliebtes Motiv in der Literatur ist. Das gilt für Mythen des Altertums ebenso wie für die Bibel – und erst recht für Texte von John von Düffel, der Wasser selbst als sein „Lebensthema“ bezeichnet. So berichtet etwa der Ich-Erzähler des mehrfach ausgezeichneten Debütromans Vom Wasser (1998) von der magischen Anziehungskraft desselben, während der Erzähler in Schwimmen (2000) in insgesamt sieben Kapiteln, die einer Fieberkurve folgen, seine Schwimmanfänge, den aufgezwungenen Verzicht und die erneute Annäherung ans Wasser reflektiert und dabei eine enge Verbindung zwischen Schwimmen und Schreiben herstellt. Selbst in dem Familienroman Houwelandt (2004), der vor allem durch Vergleiche mit Thomas Manns Buddenbrooks von sich Reden machte, befindet sich der Familienpatriarch Jorge ständig im Wasser, schwimmt gewissermaßen sogar um sein Leben.

Mit seinem neuen Prosaband Wassererzählungen legt John von Düffel nun insgesamt elf Erzählungen vor, deren verbindendes Element – oberflächlich betrachtet – natürlich das Wasser in unterschiedlichster Gestalt ist. Tatsächlich geht es in allen Texten aber auch um Verlust und existenzielle Erfahrungen, um Ereignisse und Schicksalsschläge im Leben verschiedener Menschen, nach denen nichts mehr so ist, wie es einmal war – fast so, als würden die Figuren selbst in ihrer Folge ihren Aggregatzustand ändern.

Reflektierende Oberflächen

Da kommt der Ausflug eines Mannes in die winterliche Ostsee einer Nahtod-Erfahrung gleich. Ohne dass dieser es bemerkt, rettet ihn ein alter Mann am Strand, der dort Tag für Tag nach irgendetwas gräbt. Aber was sucht er? Will er überhaupt etwas finden? Da lässt sich eine junge Frau dafür bezahlen, dass sie, unter Beachtung bestimmter Regeln und Rituale, nackt in einem kunstvoll angelegten Pool schwimmt. Vermutlich wird sie dabei von ihrem Auftraggeber durch die verspiegelten Scheiben des Pavillons beobachtet. Aber geht es dabei wirklich um spirituelle Reinigung und Ästhetik? Oder ist der Job nicht doch deutlich profaner motiviert? Eine hochschwangere Frau begegnet im Wald einem rätselhaften Nebelmädchen, das sie an einen See führt. Der Vater eines behinderten Kindes muss sich nicht nur mit dessen Schicksal abfinden, sondern auch damit, dass er keine weiteren Kinder mehr bekommen wird. Eine Frau findet auf dem Grund eines Schwimmteichs Relikte ihrer Vergangenheit, während ihr Vater im Sterben liegt.

Allen Geschichten gemeinsam ist, dass sie einen eher düsteren Grundton anschlagen. Es gibt keine Happy Ends, allenfalls kleine Hoffnungsschimmer. Oft lauert am Ende einer Erzählung eine neue Geschichte, die nur angedeutet und nicht ausformuliert wird und somit der Phantasie des Lesers überantwortet scheint. Die Form der einzelnen Prosastücke ist dabei ähnlich vielgestaltig wie ihr verbindendes Element, das Wasser, und scheint an der Textoberfläche auch die Bewegungen des Wassers bzw. im Wasser nachzuahmen. So wirken die Unterbrechungen der kurzen Abschnitte der ersten Erzählung Ostsee wie das Luftholen des Schwimmers, während das vermeintliche Gespräch im Aquarium in Der Fetzenfisch sich in Form eines wasserfallartigen Wortschwalls über den stummen Zuhörer ergießt.

Jede einzelne Erzählung ist – um im Bildfeld zu bleiben – wie ein stiller See, nach dessen Tiefen zu tauchen sich zweifellos lohnt: „Und mit dem Gefühl, dass es gut ist, wenden wir uns wieder dem Wasser zu.“

John von Düffel: Wassererzählungen
DuMont, 256 Seiten
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-8321-9744-5
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