Sarrazins Samen trägt Früchte

Sibylle Lewitscharoff beim Literaturfest in München 2012   Quelle: Wikimedia User LiteraturkreisAm 2. März hielt die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff im Dresdner Schauspielhaus eine Rede, in der sie die moderne Apparatemedizin kritisierte, über die richtige Haltung zum Tod nachdachte – und Kinder, die mithilfe künstlicher Befruchtung auf die Welt gekommen sind, als „Halbwesen“, welche bei ihr „Horror“ und „Abscheu“ hervorriefen, bezeichnete. Der Dramaturg des Hauses antwortete mit einem offenen Brief, weil er die Würde des Menschen angetastet sieht. Ein Kommentar.

von LINA BRÜNIG

„Schlechten Argumenten begegnet man am besten, indem man ihre Darlegung nicht stört“ – sich dieses Rates von Sir Alec Guiness zu besinnen fällt schwer, wenn man der Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff 48:31 Minuten dabei zugehört hat, wie sie Millionen Menschen weltweit en passant das Recht abspricht, Mensch zu sein. Ähnliches geschah schon Anfang des Jahres, als Matthias Matussek in der WELT die alte Behauptung aus der Mottenkiste der doppelt und dreifach durchdiskutierten Scheinargumente geholt hatte, homosexuelle Liebe sei an sich defizitär, weil sie keine Kinder hervorbringe. Doch das Macho-Gekeile des Ex-SPIEGEL-Kulturchefs war Lewitscharoff wohl noch zu zahm.

In den Dresdner Reden sind bekannte Persönlichkeiten seit 1992 dazu aufgefordert, Gedanken „zur Zeit“ beizutragen. Sibylle Lewitscharoff hielt es nun für angemessen, ihre mittelalterlichen Thesen in diesem Rahmen vorzutragen. – Ist aber auch ein wirklich dringendes „Problem“, diese künstliche Befruchtung. Gibt es ja schließlich erst seit 36 Jahren. Gut, dass jemand den Versuch unternimmt, die Öffentlichkeit wachzurütteln.

Natürlich provoziert Lewitscharoffs verquaste Argumentation dazu, mit Spott und Hohn zu reagieren. Was man aber ernstnehmen sollte, ist, dass es sich bei der Rednerin nicht um eine Randfigur der Gesellschaft, sondern um eine der renommiertesten Schriftstellerinnen des Landes handelt. Und dass – wie auf dem Mitschnitt zu hören ist – ihrer Rede nicht etwa Buh-Rufe folgten, sondern langanhaltender Applaus. Den Büchner-Preis bekam sie, weil sie laut Jury „Grundfragen der Existenz in einer subtilen Auseinandersetzung mit großen literarischen Traditionen und mit erfrischend unfeierlichem Spielwitz entfaltet.“ Dagegen die Dresdner Rede: hier ist nichts subtil oder erfrischend, sondern nur abgestanden von vorgestern. Auch ihre Frankfurter Poetikvorlesung hatte bereits wegen reaktionärer Inhalte und abenteuerlicher Vergleiche zu Kopfschütteln angeregt.

Lewitscharoff beschreibt in der Rede ihre tiefgläubige Großmutter als Vertrauensperson und Vorbild. Der von ihr erlernte christliche Glaube dringt aus jeder Zeile. Aber es ist eine rückständige Form von Christentum, die sich hier offenbart. Was ist das für eine Christin, die Kinder, die sich biologisch in nichts von anderen unterscheiden, obwohl ihr Leben in einer Petrischale begann, als „Halbwesen“ abqualifiziert? Gewollt oder nicht: Der Begriff des „unwerten Lebens“ aus der NS-Zeit ist davon nicht weit entfernt. Geradezu grotesk mutet es da an, dass sie die moderne Reproduktionsmedizin mit den „Kopulationsheimen“ der Nationalsozialisten gleichsetzt und der Frauenbewegung Leni Riefenstahl als angeblich verehrte Ahnherrin andichtet.

Sibylle Lewitscharoff ist nicht dumm. Umso schlimmer, dass sie ihre Fähigkeiten nutzt, um billigen Ressentiments, dumpfen Technikzweifeln und kaum kaschierter Homophobie Vorschub zu leisten. Gestern gab sie der FAZ ein Interview, nachdem ihre Rede auch medial Wellen geschlagen hatte. Dort rudert sie etwas zurück, zeigt aber gleichzeitig, dass sie die Tragweite ihrer Äußerungen nicht versteht oder nicht verstehen will: „Man wird doch einmal einen schwarzen Gedanken äußern dürfen, oder nicht? Wie oft sagt einer ‚Ich bringe meinen Nachbarn um‘ und tut es nicht.“

Nein, Frau Lewitscharoff, wenn man sich in einer derart exponierten gesellschaftlichen Stellung befindet, wenn man eine Rede am altehrwürdigen Dresdner Schauspiel hält, wenn man einen lange vorbereiteten Text vorträgt, der einem nicht eben mal so rausgerutscht ist – dann darf man das nicht.

Nachtrag:

Heute nahm Lewitscharoff im Morgenmagazin den Satz „Ich übertreibe, das ist klar, übertreibe, weil mir das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen“ zurück, konnte sich aber erst nach Insistieren des Moderators zu einem „Es tut mir leid“ durchringen. Auch ihre Einlassung, als Autorin schreibe sie „aus dem Moment heraus“ wirkt angesichts einer vorformulierten, abgelesenen Rede nicht überzeugend.

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Ein Gedanke zu „Sarrazins Samen trägt Früchte

  1. „Auch ihre Einlassung, als Autorin schreibe sie „aus dem Moment heraus“ wirkt angesichts einer vorformulierten, abgelesenen Rede nicht überzeugend.“
    so ist es. Das kann in einer – möglicherweise überhitzt geführten – Diskussion oder eventuell noch in einem Blogkommentar mal passieren (Blogkommentare pendeln ja zwischen mündlicher und schriftlicher Diktion); aber in einer Rede, über der eine Schriftstellerin doch sicherlich einige Tage/Wochen gesessen hat? Mal so rausgerutscht? Das überzeugt nicht.
    Mein schon länger schwelender Verdacht bestätigt sich: Frau Lewitscharoff ist die kulturell sublimierte Variante des Evangelikalen. Gehemmt-aggressiv! Wohin gehen diese Aggressionen, wenn die Hemmung wegfällt?
    Grüße.

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