Wie ein Popsong aus den 90ern

Hischmann_Am Ende schmeißen wir mit Gold   Cover BerlinPeng! Fabian Hischmanns Debütroman Am Ende schmeißen wir mit Gold hat alles, was eine Coming-of-age-Geschichte typischerweise vorweist: einen vom Leben gelangweilten Mittzwanziger, nostalgische Reisen in die Kindheit, Erinnerungen an Teenagereskapaden und ein tragisches Ereignis. Besonders neu klingt das nicht, aber „ganz okay“ würde man wohl im Jugendjargon sagen.

von ESRA CANPALAT

Der Titel klingt zunächst vielversprechend: Am Ende schmeißen wir mit Gold. Ja, da schwingt schon ein bisschen Unbeschwertheit und Jugend mit. Davon ist beim Protagonisten Max aber nicht besonders viel übrig geblieben. Als er von seinen Eltern darum gebeten wird, während deren Urlaub in Griechenland auf den Hund aufzupassen, hängt der frischgebackene Lehrer teilnahmslos und süßigkeitenfressend vor der Glotze, spielt an seinem Schwanz rum und schaut Nelly-Furtado-Clips auf Viva. – Moment, irgendwie klingt das doch nach dem Anfang einer Pubertätsgeschichte. Und als dann auch noch die „Schatten der Vergangenheit“ in Gestalt seiner Jugendliebe Maria und seinem Jugendrivalen Jan auftauchen, ist das Coming-of-age-Szenario perfekt. Es ist, als wäre Max, sobald er den Fuß in seine Heimatstadt gesetzt hat, wieder 15, und so erinnert er sich pausenlos an sorglose Kindertage und an all die ersten Male: „Da habe ich zum ersten Mal geraucht, zum ersten Mal gefickt und einmal fast einen umgebracht.“ Musikfernsehen war damals auch besser: „Ich kann es kaum glauben, dass das Musikfernsehen einmal auf der Höhe der Zeit, Deutschrap eine intensive Phase war. Damals hießen Freunde Homies und Jan Phillip Eißfeldt war noch kein Sänger.“ Damals war Titanic ein Kassenschlager, man tröstete seine Freundin im Kino, die Rotz und Wasser heulte, weil Leo DiCaprio im Eiswasser des Nordatlantik starb. Hischmann beschreibt das wohlig-nostalgische Gefühl, das wohl jeder bekommt, wenn er zu Besuch in der Heimat ist: Papa holt uns vom Bahnhof ab, Mama kocht uns unser Lieblingsessen und wir treffen alte Schulkameraden, von denen wir sagen, dass wir sie eigentlich nicht mehr sehen wollen, aber uns dann freuen, wenn sie uns in nostalgischem Überschwang vollquatschen. Der dann dieser retronostalgischen Wiederbelebung der eigenen Adoleszenzgeschichte folgende tragische Tod seiner Eltern scheint in Max umso mehr den jugendlichen Drang einer Sinnsuche auszulösen.

Es wird viel passieren … oder auch nicht

Der nun Vollwaise macht sich auf den Weg nach Kreta und wird dort unerwarteter Weise auch noch mit der Jugend seiner Eltern konfrontiert, als er auf deren Freundin Hannah trifft, bei der Max für einige Zeit unterkommen darf. Er beschließt, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen: Mit der alten Kamera, die ihm einst sein Vater geschenkt hatte und die nun auf dem Dachboden verstaubt, will er eine Tierdokumentation drehen. Zusammen mit seinem Gastbruder Timon, einem draufgängerischen 18jährigen, begibt er sich in die griechische Tierwelt und erkennt irgendwann, dass der jugendliche Überschwang sein Ende hat: „‚Was schaust du dir an?‘ ‚Fight Club. Willst du mitgucken?‘ ‚Eher nicht, hab ich schon zu oft gesehen. Ich geh schlafen.‘“

Nächstes Ziel: New York. Hier muss Max noch ein traumatisches Erlebnis aufarbeiten, eine Rechnung begleichen. Als Leser denkt man kurzzeitig, dass der Roman nun plötzlich zu einer Rachegeschichte umschwenkt, aber Fehlanzeige. Obwohl Max viel erlebt und so einiges passiert, bleibt man teilweise etwas unberührt. Das liegt vor allem an Hischmanns Sprache, die an einigen Stellen überhaupt nicht jugendlich-frisch sondern altbacken und bieder klingt. Da können das ab und an im Roman auftauchende spielerische Experimentieren mit Typographie oder das Motiv des Schießens, in Form des inflationär benutzen Wortes „Peng!“, nicht viel dran ändern. Oft bleibt die Sprache oberflächlich, weist somit das Erzählte Lücken auf: Manchmal wünscht man sich, dass der Ich-Erzähler Max bei gewissen Situationen länger verharren würde, diese genauer beschriebe. Andererseits ist es diese knappe Erzählform, das Vermeiden, sich zu sehr in Details zu verlieren, die den Roman einfach lesbar macht. In einem Rutsch ist alles weg – und das ist wie bereits gesagt dann doch wieder Schade.

Prädikat: Ganz okay

Hischmanns Erstling ist wie ein Popsong der 90er Jahre, ein im Hintergrund daher dudelndes Wonderwall oder Don’t look back in anger: Man kann es irgendwie nicht mehr hören, aber man hört dennoch gerne hin. Denn Hischmann gelingt es, trotz der teils uninspirierten Sprache, uns lachenden und weinenden Auges an unsere eigene Jugend zu erinnern. Das Nostalgiefeeling ist oft einer Retroromantik geschuldet, wird selten von Max auch kritisch hinterfragt. Aber sei’s drum. Prädikat: Ganz okay. Mehr aber auch nicht.

Fabian Hischmann: Am Ende schmeißen wir mit Gold
Berlin Verlag, 254 Seiten
Preis: 18,99 Euro
ISBN: 978-3-8270-1148-0
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Ein Gedanke zu „Wie ein Popsong aus den 90ern

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