Auf einen literarischen Corndog, KW 11

Five Corn Dog Pronto Pups   wikimedia   User: JonathunderPst … Kommen Sie näher … Sehr witzig, nein, ich möchte Ihnen kein U verkaufen. Möchten Sie den Grund dafür wissen, warum wir doch einen Inlandsflug nehmen und nicht, wie angekündigt, einen Roadtrip zu John D’Agata nach Iowa machen? Natürlich hätte eine Busreise länger gedauert, das kann man nicht bestreiten, faktisch vollkommen richtig. Aber das ist nicht mal die halbe Wahrheit. Wollen Sie die Wahrheit wissen? Sind Sie sicher, dass Sie die Wahrheit vertragen können? Dann lesen Sie weiter.

von KAI FISCHER

In den letzten Monaten haben sich in Iowa rätselhafte Zwischenfälle ereignet. Maisfelder wurden verwüstet und Rinder und Schweine wurden gerissen. Und jetzt kommt das Unglaubliche: Augenzeugen berichteten von wolfsgroßen Hamstern, die in Rudeln Autos hinterher gejagt sind. Sie glauben mir nicht, das kann ich in Ihrem Gesicht ablesen. Erst wollte man diese Leute natürlich als Spinner abtun, doch dann meldeten sich Menschen aus Minnesota und Illinois, wo Autofahrer angegriffen wurden. Es wird wohl nicht mehr lange dauern bis das erste menschliche Todesopfer zu beklagen ist. Die Behörden verschweigen das natürlich, vor allem weil man glaubt, dass der radioaktive Müll, den die USA per Katapult nach Kanada geschossen haben, für die Mutationen der Hamsterpopulationen in Quebec verantwortlich ist. Ok, schon gut, Sie haben mich erwischt. Dieses Szenario stammt aus DFWs Infinite Jest. Ich konnte ja nicht ahnen, dass jemand diesen Roman wirklich gelesen hat …

Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Würden Sie mir in der Annahme folgen, nach der die radikalen Eingriffe des Menschen in die Umwelt dazu führen könnten, dass sich nicht nur das Verhalten, sondern auch das Aussehen von Tieren, ihre äußere Form, ändert? Dass Umweltverschmutzung, Raubbau und die Erschließung weiterer Lebensräume für Menschen dazu führen könnten, dass Tiere irgendwann zurückschlagen? Was meinen Sie? Wäre das möglich?

Konferenz der aggressiven Tiere

John Jeremiah Sullivan (Sie erinnern sich an letzte Woche?) erzählt in seinem Essay The Violence of the Lambs davon, wie er monatelang Berichte und Artikel über Angriffe von Tieren auf Menschen gesammelt hat. Über Schimpansen, die in Gruppen konzentrierte Angriffe auf menschliche Siedlungen unternehmen; über Delphine, die im Verbund Taucher und Schwimmer töten; über Elefanten, die absichtlich Dorfbewohner zu Menschenmus zertrampeln. Bei seinen Recherchen trifft Sullivan auf den Zoologen Professor Marcus Livengood, der erforscht, ob es eine Erklärung für dieses zunehmend aggressive Verhalten gibt und der durchaus zu der These neigt, dass sich da etwas tut im Verhältnis von Tieren und Menschen. Und zwar etwas, was den Menschen nicht gefallen wird. Das Problem allerdings ist (fetter Spoiler Alert), dass Professor Livengood eine Erfindung des Autors Sullivan ist. Am Ende des Essays weist Sullivan daraufhin, dass die zuständige Redaktion ihn zu diesem Zugeständnis gedrängt hat. Doch vermerkt er in derselben Passage auch mit Nachdruck, dass keine der Fakten oder Berichte von ihm erfunden worden sind. Zudem entlässt er die Leser mit der Information, dass die New York Times, nachdem sein Artikel erschienen ist, über einen Anstieg von gemeldeten Hundebissen berichtet hat. Der Anstieg beläuft sich auf über 40 Prozent und niemand habe bislang eine Erklärung dafür gefunden. Die interessante Frage ist nun, ob die Nicht-Existenz von Dr. Livengood die Glaubwürdigkeit der Prämisse, d.h. ob ein Konflikt zwischen Menschen und Tieren zu erwarten bzw. zu fürchten ist, beschädigt? Wichtiger und interessanter ist allerdings die Frage, warum erzähle ich Ihnen das alles, wenn es doch eigentlich um John D’Agata gehen soll? Nicht so ungeduldig, bitte!

It’s factual fiction, stupid!

Zuerst also ein paar Fakten: John D’Agata, Autor der Bücher Halls of Fame (2003) und About a Mountain (2010) sowie Herausgeber der Anthologien The Next American Essay (2003) und The Lost Origins of the Essay (2009), hat 2012 gemeinsam mit dem fact-checker Jim Fingal The Lifespan of a Fact veröffentlicht. Das Buch dokumentiert die Auseinandersetzung, um nicht zu sagen den Streit, zwischen dem Autor und dem für ihn zuständigen, peniblen Faktenprüfer über den Artikel, aus dem dann das Buch About a Mountain geworden ist. Im Kern geht es in Lifespan um die Frage, inwiefern faktische Richtigkeit mit ästhetischen Erwägungen konfligiert. Die beiden Motti, die Lifespan vorangestellt sind, fassen den Kern der Auseinandersetzung prägnant zusammen. „True words are not beautiful. (Lao-tzu)“ oder „Beautiful words are not true (Lao-tzu)“ oder Schönheit vs. Wahrheit. Ein Beispiel: In About a Mountain wird neben dem Problem der Lagerung von großen Mengen radioaktiven Mülls unter anderem der Selbstmord eines Teenagers thematisiert. John D’Agata schreibt, dass zwischen dem Sprung und dem Aufschlag neun Sekunden vergangen sind; Jim Fingal korrigiert dahingehend, dass der Bericht des Gerichtsmediziners davon ausgeht, dass der Fall acht Sekunden gedauert haben müsse. Ist die Differenz von einer Sekunde relevant? D’Agata führt aus, dass er in Absprache mit den Eltern des Toten die Zahl geändert hat und darüber hinaus habe die Zahl Neun eine motivische Funktion innerhalb seines Essays. Fingal insistiert allerdings darauf, D’Agata wisse nun ja, dass neun falsch sei, also wäre es wohl angebracht, die faktisch korrekte Zahl einzufügen. D’Agata wiederum besteht darauf, dass eine solche Änderung seinen Essay ruinieren würde. Also nochmal gefragt, ist die Differenz relevant? Ist die korrekte Zahl relevant? Oder mit Bezug auf Sullivan: Beschädigt die Erfindung von Dr. Livengood die Glaubwürdigkeit der Prämisse, die gleichwohl faktisch abgesichert ist? Ob ich eine Antwort auf diese Fragen habe? Das geht Sie gar nichts an, könnte ich sagen, werde ich aber nicht sagen. Als Antwort habe ich einen Vorschlag für Sie: Lesen Sie About a Mountain, danach lesen Sie The Lifespan of a Fact und dann lesen Sie About a Mountain noch einmal. Schauen Sie, ob Sie eine Antwort finden.

Zum Abschluss: Ich habe die Kolumnen ja nicht nur dazu genutzt, um Ihnen einige Autoren vorzustellen, die es, meiner Meinung nach, Wert sind, von möglichst vielen Menschen gelesen zu werden. Die Liste der Autoren könnte natürlich anders aussehen, aber ich habe mich nun mal so entschieden; verklagen Sie mich. Zugleich habe ich dieses Forum dazu benutzt (oder missbraucht, je nach Standpunkt), auf merkwürdige Verlagspraktiken einzugehen, und Sie vor diesem Hintergrund aufgefordert, zu den Originalen zu greifen. Das gilt natürlich auch im Fall von John D’Agata. Zwar ist The Lifespan of a Fact in Übersetzung erschienen (Das kurze Leben der Fakten, 2013), About a Mountain jedoch wurde nicht übersetzt. Dafür mag es eine Erklärung geben, ich habe Sie nicht und ich kann mir auch keine angemessene denken.

Ab nächster Woche begrüßt Sie an dieser Stelle wieder Frau Hemgesberg mit Berichtenswertem aus dem Literaturbetrieb. Ich darf mich für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld bedanken. Vielleicht haben wir ja noch einmal die Gelegenheit, gemeinsam eine Reise zu unternehmen. Bis dahin, ich gehe jetzt eine rauchen.

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