„Krieg ist, wenn die Mettwurst knapp wird“

Zaimoglu Isabel Quelle: Kiepenheuer und Witsch Feridun Zaimoglu verbannt die Hauptfigur seines neuen Romans mitten hinein in den Aussatz der Gesellschaft. Isabel mischt sich unter die Pfandsammler, Irren, Obdachlosen, Selbstmörder und Psychopathen Berlins. Seit Döblins Berlin, Alexanderplatz zeigte sich die Hauptstadt selten glanzloser, trister und erbarmungsloser.

von KARIN BÜRGENER

Berlin ist wirklich keine Schönheit. Krieg, Sozialismus und Kapitalismus drückten ihm gleichermaßen ihre schmutzigen Stempel auf. Doch während andere Schriftsteller die Schnoddrigkeit romantisieren oder die Stadt als Künstlereldorado preisen, versucht sich Zaimoglu an einer postmodernen Ästhetik des Hässlichen.

Isabel, seine Hauptfigur, braucht keinen Nachnamen und keine Beschreibung ihres Äußeren, bis auf die wiederholte Erwähnung ihrer beinahe schon krankhaften Magerkeit. Diese Beliebigkeit teilt sie mit tausenden anderen Frauen, die sich irgendwann in der Hoffnung auf eine Karriere in künstlerischen Kreisen in der Hauptstadt niederließen. Mit Isabel verfährt das Schicksal nicht eben zart. Eine Schauspiellaufbahn scheitert und schließlich hält sie sich mit abstrusen Modeljobs über Wasser – so soll sie in einem Skianzug stundenlang in übertriebenen Posen verharren. Nicht, dass sie davon leben könnte – einen guten Teil ihrer Freizeit verbringt sie damit, sich bei der Tafel mit geistig Verwirrten nicht nur redensartlich herumzuschlagen. Oder sie bedroht die bei der Kleiderkammer ehrenamtlich tätigen Studenten, um mehr als die erlaubten drei Kleidungsstücke zu ergattern.

Keiner aus ihrem Umfeld hat den Aufenthalt in Berlin bisher unbeschadet überstanden, angefangen mit der alten Obdachlosen, die nach dem Krieg vergewaltigt wurde (und von der das oben genannte Zitat stammt) bis hin zur Freundin, die verrückt wurde und sich schließlich umbrachte. Und auch Isabel wirkt auf den Leser, gelinde gesagt, ein wenig sonderbar. Eine Identifikation mit der Hauptfigur scheint schwierig. Vor allem ihre Selbstzerstörung, ihre Vergänglichkeit und ihr Verlorensein stehen im Mittelpunkt – als wären die Tableaux Parisiens Baudelaires in moderne Prosa übersetzt worden, die vor über 150 Jahren den Reiz der Verwahrlosung in den Mantel der Poesie kleideten.

Unglück zieht Unglück an

Die Erzählung setzt ein, als Isabel aus der Wohnung ihres Exfreundes auszieht. An Männern hat sie erstmal kein Interesse, stattdessen begleitet sie Hündin Ruby, wie ihr Frauchen bissig und unberechenbar, auf Schritt und Tritt. Ein Besuch bei ihren Eltern in Anatolien bringt ihr keinen Abstand, denn diese wollen ihre nicht mehr ganz so junge Tochter endlich unter der Haube sehen. Doch Heiratskandidat eins, zwei und drei, allesamt von den Eltern ausgesucht, erweisen sich als zu traditionell/langweilig/angeberisch, um ernsthaft ihr Interesse wecken zu können. Wieder zurück in Berlin, erwartet sie eine eigenwillige Bekanntschaft: Marcus, der frühere Partner ihrer toten Freundin, der im Text meist nur als „Soldat“ bezeichnet wird, obwohl er das gar nicht mehr ist. Nach einem Unfall, bei dem er bei einem Einsatz im Kosovo ein Kind überfuhr, arbeitet er als Wachmann in der Uni, um von dort solche Leute fernzuhalten, mit denen Isabel verkehrt. Es entwickelt sich eine recht eigenwillige Beziehung, die ihre Stärke aus der Verschwörung gegen einen gemeinsamen Feind gewinnt. Patrick, der Bruder der toten Freundin, wird zum psychopathischen Antagonisten, der selbst vor einer Entführung nicht zurückschreckt.

Leylas Tochter

Diese Handlung könnte eine lockere Fortsetzung zu Leyla beschreiben, dem großen Erfolg Zaimoglus von 2006. Dieser Roman endete damit, dass die Protagonistin nach einem durch ein Patriarchat erlittenes Martyriumin Deutschland strandet. Wir erinnern uns: Kurz nach dem Erscheinen löste das Buch eine Plagiatsdebatte aus. Zaimoglus Leyla zeigte Ähnlichkeiten mit Teilen des Romans Das Leben ist eine Karawanserei von Emine Sevgi Özdamar, wie eine Germanistin in einem Vergleich herausarbeitete. Die meisten dieser Gemeinsamkeiten entpuppten sich jedoch als eher banal, das Feuilleton einigte sich schließlich darauf, dass beide Autoren aus einem ähnlichen literarischen Fundus schöpften und auf ähnliche Motivketten zurückgriffen. Entlastend kam hinzu, dass Zaimoglu über Tonbandaufnahmen seiner Mutter verfügte, denn Leyla subsumiert sich zum Teil aus ihren Erzählungen. Auch Özdamar verzichtete auf eine Klage. Es darf trotzdem damit gerechnet werden, dass Isabel genauestens auf intertextuelle Passagen untersucht werden wird. Doch zurück zum Text: Zum Schluss finden nach einem dramatischen Höhepunkt die Fäden der Geschichte zusammen, der Bösewicht findet sein gerechtes Ende und ein verlorener Sohn taucht auf. Dem Moloch Stadt, in dem Isabel wie Franz Bieberkopf umherirrte, wird zugunsten eines Häuschens außerhalb der Rücken gekehrt. Ein Happy End also? Das zeigt sich vielleicht erst in Zaimoglus nächstem Frauenschicksal.

 

Feridun Zaimoglu: Isabel
Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten
Preis: 18,99 €
ISBN: 978-3-462-04607-6
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2 Gedanken zu „„Krieg ist, wenn die Mettwurst knapp wird“

  1. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #13 – März 2014 | Bücherphilosophin.

  2. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 30.03.2014 (KW13) | buecherrezension

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