Anjas Geschichte, von Mischa erzählt

Wie geht man damit um, wenn sich die Ehefrau das Leben nimmt? Das Buch über Anna des russischen Philosophen Michail Ryklin ist nicht nur die Dokumentation einer Spurensuche nach möglichen Gründen, sondern auch eine Liebeserklärung an die Frau, mit der er 33 Jahre zusammengelebt hat. Entstanden ist eine intime, aber niemals voyeuristische Bestandsaufnahme eines gemeinsamen Lebens, die bewegend ist, ohne kitschig zu sein. Und doch bleibt der Leser mit zwiespältigen Gefühlen zurück.

von KAI FISCHER

Vielleicht kann man einen Menschen wirklich nur vollkommen kennen, wenn man, wie Büchner es Danton sagen lässt, sich gegenseitig die Schädeldecke aufbricht und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerrt. Als die Lyrikerin Anna Altschuk am 21. März 2008, Karfreitag, die gemeinsame Wohnung in Berlin mit den Worten „Ich gehe zu ‚Kaiser’s‘ Waschpulver kaufen“ verlässt, ahnt Michail Ryklin nicht, dass er seine Frau zum letzten Mal lebend gesehen hat. Die anschließende Suche bleibt drei Wochen ergebnislos, bis die Leiche von Anna Altschuk am 10. April in der Mühlendammschleuse gefunden wird. Da es bei der Obduktion des Leichnams zu Versäumnissen kam, ist bis heute nicht restlos aufgeklärt, wie Anna Altschuk gestorben ist. Freunde und zahlreiche deutsche Zeitungen spekulierten darüber, ob sie Opfer eines, womöglich sogar politisch motivierten Gewaltverbrechens geworden sein könnte. Immerhin gehörte sie zu den Angeklagten im Prozess um die Ausstellung „Achtung, Religion“ in den Jahren 2003/2004. Dabei wurde sie fälschlicherweise als Organisatorin angeklagt, obwohl sie nur als Beiträgerin teilgenommen hatte; ein Umstand, der ihr außerdem den Hass vieler reaktionärer und religiös-orthodoxer Kreise einbrachte. Am Ende vom Buch über Anna kommt ihr Ehemann allerdings zu dem Schluss, dass es nur ein Suizid gewesen sein könne. So wichtig die Beantwortung der Frage, auf welche Weise Anna Altschuk gestorben ist, für ihre Freunde und Ryklin selbst auch sein mag, lesenswert ist Buch über Anna aus einem anderen Grund.

Tagebücher und Traumprotokolle

Anja und Mischa, die Kosenamen Altschuks und Ryklins füreinander, haben 33 Jahre gemeinsam verbracht. In einem solchen Zeitraum häuft sich eine Menge geteilter Erfahrungen an. Dass sich die eigene Ehefrau schließlich dafür entscheidet, freiwillig aus dem Leben zu gehen, fordert eine Neubewertung des gemeinsam geführten Lebens im Licht dieses Ereignisses heraus. Es ist berührend zu lesen, wie der Philosoph anhand der nachgelassenen Tagebücher und Traumprotokolle seiner Frau entdeckt, dass er seine Anja nicht so gut kannte wie er geglaubt hatte. Beim Ordnen ihres Archivs findet er autobiographische Aufzeichnungen und ist zunächst über den beträchtlichen Umfang überrascht. Dann beginnt Ryklin, sie zu lesen. „Es war ein sonderbares Gefühl: Der Mensch, den ich aus dreiunddreißig Jahren gemeinsamen Lebens gründlich zu kennen glaube, zeigte sich mit anderen Seiten, wurde komplizierter und gewann neue Dimensionen. Natürlich kannte ich den Kett- und Schussfaden, das Grundgewebe des Tagebuchs, doch bei der Stickerei, den Mustern, den Farben und Formen erwarteten mich viele Überraschungen.“ So erfährt er zum ersten Mal von dem Ausmaß ihrer depressiven Phasen, von der tiefen Traumatisierung, die Anna Altschuk durch den Prozess erfahren hatte, und von ihrer Angst, ihre Autonomie gegenüber dem berühmteren Mann einzubüßen, oder, anders gewendet, nur als Anhängsel des bekannten und geehrten Philosophen wahrgenommen zu werden.

Trauerarbeit und Richtigstellung

Ryklin verfolgt mit dem Buch über Anna eine doppelte Absicht. Zum einen ist es ein Zeugnis seiner Trauerarbeit. Zum anderen geht es ihm um eine Richtigstellung des Bildes, das vor allem massenmedial geprägt wurde. Während westliche Zeitungen aus Anna Altschuk eine „Kreml-“ oder „Putin-Kritikerin“ gemacht haben, haben russische Zeitungen sie eine „Satanistin“ oder Schlimmeres genannt. Dieser Eindimensionalität die Komplexität Anna Altschuks entgegenzusetzen, ist erklärtes Ziel des Philosophen. Und zugleich ein Problem. Um dieses komplexe Bild zeichnen zu können, stützt sich Ryklin auf zahlreiche persönliche Aufzeichnungen seiner Frau, denen er stets einen Kommentar zur Seite stellt. So erhält man als Leser zwar den nötigen Kontext, um bestimmte Einschätzungen nachvollziehen zu können, allerdings erscheinen insbesondere seine Kommentare zu den Traumaufzeichnungen manchmal allzu eindeutig und plakativ. Zudem ist es fraglich, ob man Tagebucheinträgen und Traumaufzeichnungen einfach den Status objektiver, also wahrer Manifestationen subjektiver Stimmungen zuerkennen sollte. Gerade für eine Lyrikerin sind diese Textformen auch Inszenierungsmöglichkeiten der eigenen Autorschaft. Das eigentliche Problem aber, das aus dieser Beschäftigung des Philosophen mit seiner Frau entsteht und den Leser zu irritieren vermag, ist der Umstand, dass sich Anna Altschuk ja in ihrer Autonomie als Frau und Künstlerin durch den Mann bedroht fühlte. Wenn nun aber der Mann nach ihrem Tod versucht, die Entscheidung der Frau zu erklären, kann man die Frage stellen, ob ihre Autonomie dadurch gewahrt bleibt oder ob er ihr diese gerade durch seine Kommentare und die nachträgliche Einordnung ihres Schreibens wieder abspricht.

Michail Ryklin: Buch über Anna
Suhrkamp-Verlag
334 Seiten, 24,95€
ISBN 978-3-518-42434-6
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s