Couchsurfen mit Arnon Grünberg: Kuschelig ist anders

Arnon Grünberg_Couchsurfen   Cover Diogenes-page-001Wer bei Grünbergs neuem Werk Couchsurfen und andere Schlachten eine gemütliche Backpacker-Reportage über die kuriosesten Erlebnisse auf den Sofas Europas erwartet, wird enttäuscht werden. Zwar verlässt der niederländische Autor das heimische Bett nach eigener Aussage auch, um über andere Menschen und Welten zu schreiben, seine analytischen Berichte sind jedoch alles andere als bloße Unterhaltung: Sie liefern neue, teils verstörende Einblicke in unbekannte Sphären der Gesellschaft.

von LINA NIERMANN

Ob undercover als Zimmerjunge in Bayern, als Journalist in Guantánamo Bay oder unter holländischen Soldaten in Afghanistan – Grünberg schlüpft in verschiedene Rollen und fühlt sich in fremde Lebensentwürfe ein: „Letztendlich sind diese Reisen auch Versuche, den anderen kennenzulernen, doch nicht als Fremden, sondern als jemanden, der man selbst hätte sein können.“ Beispielsweise reist der Autor zusammen mit anderen zahlungskräftigen Männern mittleren Alters in die Ukraine, um dort die Frau fürs Leben zu finden und zu heiraten. Zumindest, wenn es nach der amerikanischen Heiratsagentur A Foreign Affair geht, die die meist deutlich jüngeren Frauen an den Mann bringen will und dazu teilweise zweifelhafte Methoden anwendet. So kann der Heiratswillige schon vor der Abreise die Webseite der Agentur besuchen und sich potentielle Kandidatinnen anschauen, die sich auf ihren Profilfotos, vielfach leicht bekleidet, präsentieren.

Mit Blick fürs Detail

In einem fast beiläufigen Ton teilt Arnon Grünberg seine Beobachtungen mit. Egal, ob es sich dabei um die Krisengebiete des Nahen Ostens oder die Badeenten eines kinderlosen Ehepaars im niederländischen Neubauviertel handelt. Im Bewusstsein, dass das Essentielle häufig im Banalen liegt, beschreibt er auch unwichtig erscheinende Details und vermittelt dem Leser dadurch ein umso genaueres Bild der Menschen, denen er begegnet: Da ist z. B. Pedro der Speisewagenmitarbeiter, der seinen Stammgästen extra zubereitetes Essen von zu Hause mitbringt oder der niederländische Sergeant Jordy, der sich von seiner Familie Käse nach Afghanistan schicken lässt und sich auf diese Weise ein Stück Heimat bewahrt.

„Assimilation ist meine Religion“

„Assimilation ist meine Religion“, meint der jüdische Schriftsteller an einer Stelle augenzwinkernd und lässt auf seinen Reisen dann auch jegliche Berührungsängste fallen: Er sammelt Haare von Hotelbetten, trinkt zu viele Bananen-Rumcocktails mit einer Couchsurferin, unterhält sich mit dem Bruder eines Kriegsverbrechers und massiert die beleibten Körper von Gästen einer osteuropäischen Kuranlage. Die thematische Bandbreite der Reportagen, die hier in einem Band zusammengefasst werden, ist enorm. Es werden Geschichten geliefert, die von absurd-komisch bis tragisch reichen und bei denen selbst diese Grenze nicht immer klar zu ziehen ist. Als Grünberg im Libanon Plakate entdeckt, auf denen Kredite für Schönheitsoperationen beworben werden, lautet sein nüchterner Kommentar: „Gerade hier jedoch scheint der [Plastic Surgery Loan, A. d. Verf.] mir kein Paradox: In einem von Kriegen derart gequälten Land, das mit dem Krieg ständig rechnet, darf man die Perfektionierung des eigenen Körpers nicht so lange aufschieben“. Es ist diese einfache Direktheit, die seinen Sätzen eine gewisse Brutalität verleiht und den Leser nicht unberührt lässt.

Einzig die Anordnung, die der Diogenes Verlag für die Reportagen gewählt hat, lässt zu wünschen übrig. Die Reihenfolge der Berichte folgt keiner erkennbaren Logik, obwohl eine chronologische Gliederung schon allein deshalb sinnvoll wäre, weil Grünberg in seinen Schilderungen häufig auf frühere Reisen verweist.

Insgesamt bietet Couchsurfen und andere Schlachten einen ungewöhnlichen und interessanten Blick in Bereiche, die der Öffentlichkeit meist verborgen bleiben, geschrieben von einem Autor, der sich nicht scheut auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Arnon Grünberg: Couchsurfen und andere Schlachten
Diogenes, 384 Seiten
Preis: 21,90€
ISBN 978-3257068702

 

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