Auf einen literarischen Aufreger, 19. KW

450px-WP_Alfred_KerrGestatten Hemgesberg. Während an der einen Stelle über die Zukunft Europas aus Schriftstellerperspektive diskutiert wird, wird an anderer Stelle in der Vergangenheit gekramt, genauer: in der Dichterschublade eines Alfred Kerr. Um den Alfred-Kerr-Preis, der seit 1977 an LiteraturkritikerInnen und zum nunmehr 20. Mal an NachwuchsdarstellerInnen im Rahmen der Berliner Festspiele und des Theatertreffens vergeben wird, ist mit Hinblick auf Kerrs in den 1910ern geäußerten Kriegsschmähungen und rassistische Lyrik eine Diskussion entbrannt.

von NADINE HEMGESBERG

„Was Gerhard Henschel in der FAS aufgewirbelt hat, ist freilich sehr alter Staub“, schreibt Peter von Becker im Tagesspiegel. Gemeint ist Henschels Artikel in der FAS vom vergangenen Wochenende. In seiner Entgegnung erinnert Peter von Becker an das Periodikum Kriegszeit, das 1914 von Cassier, dem Verleger Kerrs, herausgegeben wurde und die allgemein herrschende Kriegsbegeisterung: „Es herrschte 1914 auf allen Seiten in Europa, gerade auch unter Künstlern und Literaten, ein heute nur noch schwer fasslicher kriegsbegeisterter, oft gar blutdürstiger Ton. Aus Patrioten wurden nun Nationalisten.“ Wie euphorisch viele Schriftstellerinnen und Künstler waren, ist jüngst auch in der im vergangenen Monat ausgelaufenen Wechselausstellung im Literaturarchiv der Moderne in Marbach zu sehen und lesen gewesen. Im Schwäbischen Tagblatt schrieb Magdi Aboul-Kheir über diese Ausstellung: „Die Lektüre lässt einen polyphonen Choral aus den Schützengräben, aber auch von der Heimatfront erklingen: Stadler, Klabund, Werner Picht einerseits, Kafka, Hesse, Schnitzler andererseits, und viele, viele mehr. Marie Luise Kaschnitz füllt als 13-jährige Offizierstochter patriotisch eifernd ebenso ein ›Kriegstagebuch‹, im Jubelton: ›Unsere Kriegsschiffe haben Algier verlassen. Hurrah!‹“

Laut einer dpa-Meldung und der Aussage des Chefredakteurs des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels Thorsten Casimir werden nun Alfred-Kerr-PreisträgerInnen die Debatte kommentieren. Der Kerr-Preisträger Paul Ingendaay macht den Anfang und schreibt auf der Kulturzeit-Seite von 3Sat: „Als Lyriker ist Alfred Kerr heute zu recht vergessen, und seine Poeme schliefen bisher in der Werkausgabe moosüberwuchert den Schlaf aller schlechten Literatur.“ Und weiter heißt es dort: „Ich kann wirklich damit leben, dass Thomas Mann die Betrachtungen eines Unpolitischen schrieb, Céline und Knut Hamsun keine moralischen Vorbilder waren und Frau Lewitscharoff befremdliche Meinungen äußert. Als Leser bin ich kein Sittenwächter und kein Gesinnungspolizist.“ Man solle Schriftsteller nicht an ihren schwächsten, sondern ihren besten Texten messen, schreibt Ingendaay weiter.

Dieser Ansatz, möchte man meinen, ist schwierig, wenn nicht gar fahrlässig. Ein Ausblenden, ein ganz und gar unkritisches Herangehen an die schlechten Texte, in Lewitscharoffs Fall z.B. an den Text ihrer menschenverachtenden Rede, läuft der allgemein postulierten reflektierten Betrachtung eines schriftstellerischen Œuvres zu wider.

Festzuhalten bleibt jedoch, fernab einer nicht ganz stimmigen Argumentation seitens Ingendaays: Es ist ein ganz und gar alter Hut, den Henschel hier als aktuelle Haute Couture verkauft. Eine kritische Auseinandersetzung fand zum Beispiel in Bezug auf das zitierte und in der Zeitschrift Pan erschienene Gedicht Ostpreußen („Zarendreck, Barbarendreck / Peitscht sie weg! Peitscht sie weg!“) über die Russen statt: Donatella Germanese weist in ihrem Buch Pan (1910–1915) Schriftsteller im Kontext einer Zeitschrift (Könighausen&Neumann, 2000) auf das „Hetzgedicht“ hin und macht des Weiteren auf eine bereits 1983 erschienene Publikation Jeder Schuß ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos … Literarische und graphische Kriegsverbrechen in Deutschland und Österreich 1914–1918 von Hans Weigel aufmerksam. Alles neu macht der Mai? – Nein.

Häppchen alle, auf Wiederlesen in der nächsten Woche.

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